Ausstellungsbesprechungen

Seliges Lächeln und höllisches Gelächter. Das Lachen in Kunst und Kultur des Mittelalters, Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Mainz, bis 16. September 2012

Seit Umberto Ecos Roman »Der Name der Rose« ist bekannt, dass das Lachen im Mittelalter eine heikle, ja "brandgefährliche" Sache sein kann. Ulrike Krenzlin hat sich mit den damaligen Ansichten zum Lachen befasst.

Erstmals geht es in einer Ausstellung um ein Thema, das die gesamte mittelalterliche Kunst durchdringt. Es ist das gute und böse Lachen. In der Kunstgeschichte spielt seine Deutung nur eine Nebenrolle. Warum? Weil eine Gemütsbewegung wie das Lachen aus dem kunsthistorischen Fachverständnis nicht zu erklären ist, sondern interdisziplinäre Herangehensweise erfordert. Das heißt in unserem Fall: Die philosophische Theologie der Scholastik muss herangezogen werden. Das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum hat nun zum Thema »Seliges Lächeln und höllisches Gelächter« eine wunderbare Ausstellung eingerichtet. Zusammen mit Theologen ist das kunsthistorische Material grundlegend neu gedeutet worden. Damit werden die Fragen beantwortet, was denn das Lächeln, das Lachen und höllisches Feixen im Mittelalter bedeutet haben.

In der Bibel, d.h. im Alten und Neuen Testament, liegen nur Andeutungen vom törichten, triumphierenden, seligen oder jubilierenden Lachen vor. Doch die Art und Weise des Lachens, ob selig, zügellos oder hemmungslos, sein Für und Wider, diese Ausdifferenzierungen spielen erst in der hohen Schule der Scholastik ab Anfang 13. Jahrhundert eine Rolle. Die scholastische Theologie erkennt im Lachen einen Vorzug des Menschen. Zur Ausdeutung des Lachens greifen die Theologen nach 1200 auf antike Quellen zurück, insbesondere auf die Lehrwerke, die Cicero und Quintilian zur Rhetorik verfasst haben. Während Im Griechischen scharf geschieden werden kann zwischen positivem (gélãn) und bösartigem (katagélãn) Lachen, gehen Autoren in der römischen Antike davon aus, dass das Lachen diejenige Eigenschaft ist, die den Menschen vom Tier unterscheidet.

Doch die hochmittelalterliche Scholastik bindet ihre Argumentation zu verschiedenen Arten des Lachens in ein hochkomplexes religiöses Weltanschauungsgebäude ein. Dafür reicht ihr das lateinische Wort für Lachen (ridere) nicht mehr aus. Es müssen neue Ausdrücke speziell für höllisches Lachen, Gekicher und Schadenfreude gefunden und es muss zu jeder Eigenart des Lachens ausgefeilter argumentiert werden.

Das Lachen wurde in den Anfängen des Christentums nur zögerlich akzeptiert. Bei den Kirchenvätern, stand Lachen dem Laster noch sehr nahe. In den Schriften von Hieronymus wird Lachen gänzlich abgelehnt. In den benediktinischen Mönchsregeln ist ein maßvolles Lachen erlaubt. Dem Weltklerus hingegen ist herausschreiendes Lachen wegen Nähe zur Lasterhaftigkeit untersagt. Wolfram von Eschenbach schildert in seinem Epos Parzival den Verzicht auf das Lachen sogar als königliche Tugend.

Im hohen Mittelalter änderte sich diese Haltung allmählich. Theologen und Autoren höfischer Epen wie Wolfram von Eschenbach äußern sich differenzierter zum Lachen. Doch immer unterscheiden sie zwischen seligem Lächeln und höllischem Gelächter. Sie trennen das „gute“ vom„schlechten“ Lachen.

Ist das Lachen also ist eine Frage der Qualität? Alles läuft auf die Frage hinaus: Wird es für das Individuum ein seliges Lächeln der Engel als Himmelsboten geben(und damit die Erlösung im Paradies) oder den krächzenden Teufel („kachezende tiuvel“). Das höllische Lachen ist das Vorrecht des Teufels, der die Verdammten in der Hölle empfängt. Das selige Lachen erwartet diejenigen, denen es beim Jüngsten in Abwägung ihrer Verdienste beschieden wird.

Das Lachen bleibt also eingeordnet in die religiöse Weltanschauung des Mittelalters. Der zufolge gibt es für den Menschen ein irdisches Leben und ein Nachleben im Jenseits. Erst am Tag des Jüngsten Gerichts entscheidet sich für jeden seine endgültige Bestimmung.

Dante hat in der »Göttlichen Komödie« eine neue Qualität eingeführt. Er überführt das Lachen aus der Religion in die Weltliteratur. Zusammen mit Virgil führt ihn sein Weg durch Fegefeuer, Hölle in das Paradies, wo überall gelacht wird. Damit ist der Weg des Lachens in die Neuzeit geebnet. Von daher wird es auch verständlich, dass wir aus moderner Sicht nicht ohne weiteres über das Lachen im Mittelalter reden können.