Buchrezensionen

Thimann, Michael: Gedächtnis und Bild-Kunst. Die Ordnung des Künstlerwissens in Joachim von Sandrarts »Teutscher Academie«, Rombach-Verlag, Freiburg 2007.

1675 und 1679 erschienen – von dem Dichter Sigmund von Birken herausgegeben und dazu von ihm mit eigenen Texten ergänzt – die beiden »Teutsche Academie der edlen Bau-, Bild- und Mahlerey-Künste« genannten Bände, in denen der Maler und Grafiker Joachim von Sandrart Biografien deutscher Barockkünstler versammelte und seinen Zeitgenossen antiquarisches Material in Fülle vorlegte.

Die »Teutsche Academie« ist nicht zuletzt ein pädagogisches Werk, das dem Künstler in Form von Kupferstichen reiches Anschauungsmaterial für seine eigenen Arbeiten geben soll – Material vor allem mythologischer Art, aber auch Vorbilder, zum Beispiel Abbildungen berühmter Statuen.

Die 1680 erschienene »Iconologia deorum« wird oft mit zur »Teutschen Academie« gerechnet, so dass man von einem dreibändigen Werk sprechen kann. 1994/95 wurde vom Uhl-Verlag ein Faksimile-Neudruck des kostbaren Buches vorgelegt, für das Christian Klemm und Jochen Becker die einführenden Texte schrieben. Jetzt plant das Kunsthistorische Institut in Florenz noch eine Online-Edition ausgewählter Kapitel, die das Werk einem breiteren Kreis von Lesern zugänglich machen würde. 

Der Kunsthistoriker Michael Thimann, der als Leiter einer Forschungsgruppe diesem Institut angehört, hat jetzt eine schmale, von 21 Abbildungen ergänzte Studie vorgelegt, die sich zum Ziel setzt, zwei dem Werk vorangestellte Alexandriner Sigmund von Birkens zu kommentieren:

»Wer unsre Bilder hier wird ins Gedächtnis stellen:
Es wird zu ihme bald die Bild-Kunst sich gesellen.« 

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Die Interpretation der beiden Verse kann nur gelingen, wenn der Begriff der Bild-Kunst erläutert wird, so dass die Abhandlung Thimanns notwendig in eine Geschichte der Kunsttheorie jener Jahre mündet. Dabei will immer bedacht sein, dass in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Folgen des Dreißigjährigen Krieges noch überall sichtbar gewesen sind – so erklärt sich die Bedeutung, die die Kupferstiche Sandrarts als Vorlage oder Anregung für den tätigen Künstler gewinnen mussten. Dazu kam schon bald eine lateinische Übersetzung mit zusätzlich eingefügten Biografien von Galileo Galilei und Athanasius Kirchner, die den Eingang des Werkes in die akademische Diskussion erleichterte.

Das Buch Thimanns beleuchtet zunächst, nämlich in einem kommentierenden Überblick über die Gliederung der drei Bände der «Teutschen Academie», das Verhältnis des Künstlers zur Geschichte seiner Kunst und dazu die Rolle des Bildes in der Wissenschaft. Die Abhandlung bietet vor allem eine etwas umständliche Erläuterung der geistesgeschichtlichen Situation der Zeit mit ihren wesentlichen Begriffen wie memoria, inventio (Erfindung) oder dispositio (Gliederung) in ihrer zeittypischen, das heißt durch die Rhetorik bestimmten Prägung.

Thimanns Fazit lautet wie folgt: »Das in der Teutschen Academie aufgespeicherte Wissen ist sowohl als theoretisches, historisches, antiquarisches und biographisches Detailwissen an sich interessant, dient aber vor allem als überzeugendes Argument im rhetorischen Prozeß der Bilderfindung und muß als ein optimiertes künstlerisches Allgemeinwissen betrachtet werden.« (113)

Ein überaus gelehrtes Buch, das sich dank seiner Thematik wie seiner Sprache hauptsächlich an Spezialisten richtet.

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