Reiseberichte

Veliko Tarnovo, Stadt im Felsen

Der Regen prasselt gegen die Fensterscheiben. Wird immer stärker. Die Aussicht wie durch ein Milchglas. Verweinte graue Landschaft. Links und rechts erheben sich schroffe Felsen. Noch vor vier Stunden war ich am Meer. Kaum zu glauben, wenn ich nun aus dem Fenster sehe. Der Zug wird langsamer. Die Fahrgäste packen ihr Hab und Gut, drängen aus dem Abteil. Ich kann keinen Ortsnamen erkennen, frage meinen Nachbarn: „Veliko Tarnovo?“

Veliko Tarnovo
Veliko Tarnovo

Sein Kopfwackeln ist nicht eindeutig zu interpretieren. Weder ein Schütteln noch ein Nicken. Viel eher ein Vielleicht, das mir auch die Aussteigenden signalisieren. Mit einem Vielleicht gebe ich mich zufrieden, hänge mir meine rote Pelerine um, schnappe meinen Rucksack und stolpere nach dem Pfiff des Schaffners noch schnell aus dem Wagon.
In der Wartehalle spricht mich ein älterer Mann an. Auf Deutsch natürlich. Ich sehe mich um. Rote Regenjacke trägt hier keiner. Auch sonst keine Touristen zu sehen. Ja, er habe auf mich gewartet. Das sei doch der Zug aus Varna, nicht wahr? Ja, ja, aus Varna komme ich. Er habe eine schöne Pension, ich solle doch mitkommen. Nicht teuer und direkt in der Altstadt. Er würde mich mit dem Auto hinbringen. Ich lasse mich überreden.

Boris muss den Weg wohl auswendig kennen, denn er fährt fast blind. Scheibenwischer hat das Auto keine. Oder keine mehr. Der strömende Regen erschwert ein Fortkommen. Fahrzeuge bleiben einfach mitten auf der Straße stehen. Das Wasser sammelt sich und kann nicht abfließen. Am Schwarzen Meer merkte ich nichts von der Flutkatastrophe, die diesen Sommer in weiten Teilen Europas ausgebrochen ist. Doch hier im Landesinneren sehe ich, dass auch Bulgarien von den Wassermassen nicht verschont bleibt.
Boris und Stefana vermieten mir ihr Schlafzimmer, sie selbst ziehen sich mit dem Hund ins Wohnzimmer zurück. Ich öffne das Fenster. Langsam hört es auf zu regnen. Es wird heller und ich sehe nun, was sich hinter der Wasserflut verbirgt: Veliko Tarnovo, einstmalige Hauptstadt des Zweiten Bulgarischen Reiches (1186-1393), eine Stadt wie im Bilderbuch. 1393 wurde sie von den Türken erobert und zerstört. Deshalb zeugen heute nur noch Ausgrabungen von der mittelalterlichen Hauptstadt. Im Süden der Balkan, im Norden das Donautiefland, im Tal windet sich der Fluss Jantra. Das königliche Tarnovo. Heute steht es unter Denkmalschutz. Die Häuser direkt in den Felsen gebaut, sie scheinen mit ihm verwachsen. Boris\' und Stefanas Häuschen mittendrin in den Felsterrassen. Ein traumhafter Anblick. Ich mache mich auf zu einem Erkundungsgang.

Drei Hügel umschließen die Altstadt: Am südlichen Jantra-Ufer erhebt sich Sveta Gora, das ehemalige geistige und kulturelle Zentrum Bulgariens im 13. und 14. Jahrhundert. Eine Zeit, in der Veliko Tarnovo auf dem Gebiet der Kunst, Architektur und Literatur eine zentrale Rolle spielte. Zahlreiche Paläste und Kirchen entstanden, die Handwerkskunst entwickelte sich, die literarische Produktion erlebte einen Aufschwung.
Im Norden erhebt sich der Trapezica-Hügel, auf dem im Zweiten Bulgarischen Reich die Bojaren und der Klerus ihre Wohnsitze und Kirchen hatten. Die Grundmauern einiger Kirchen wurden ausgegraben sowie Teile der Dekorationen und Wandmalereien freigelegt.
Der mittlere ist der Carevec-Hügel, eine natürliche Festung, auf der sich der Zarenpalast befand. Dort lag das politische und religiöse Zentrum des mittelalterlichen Bulgarien. Heute ist es ein Freilichtmuseum. Die Fundamente des einstigen Palastes sind zu sehen, ein Teil der Festungsmauern wurde restauriert. Ich spaziere stundenlang durch das riesige Areal, gelange trotz wieder stärker werdenden Regens bis zur Nordspitze und stehe plötzlich am Hinrichtungsfelsen, von dem man im Mittelalter Verräter in die Tiefe hinabstürzte. Ich sehe die reißende Jantra unter mir. Nebelschwaden hängen in den Hügeln, lassen die Gegend mystisch erscheinen, die königliche Zeit erahnen.

Nach dem ausgiebigen Rundgang auf dem Carevec und dem herrlichen Ausblick auf die Stadt zieht es mich wieder ins Tal. Das Asen-Viertel am Fuße des Trapezica-Hügels war im Mittelalter das Handwerkerviertel. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Einige Kirchen sind noch aus jener Zeit erhalten. Besonders interessiert mich die Kirche der heiligen vierzig Märtyrer aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Abgesehen von ihrer künstlerischen Bedeutung sollen innen vor allem die Säulen des Khan Omurtag und des Ivan Asen II. sehenswert sein. Die Inschriften auf diesen Säulen zählen zu den ältesten schriftlichen Überlieferungen über das mittelalterliche Bulgarien. Bei der Kirche angekommen ist die Enttäuschung groß: eine Bauruine. Wenige Menschen auf der Straße, deshalb wage ich mich auf das Baustellengelände. Die Gittertür, die die Baustelle von der angrenzenden Straße abtrennt, lässt sich leicht öffnen. Ich steige über Bauschutt, Bretter, Drähte und komme bis an die Kirche heran. Es gibt keine Außenmauern, das Gebäude wird mit Stahlpfählen gestützt. Innen gibt es keine Kunstwerke, auch keine Säulen zu sehen. Mein Reiseführer datiert von 2001, erwähnt diese Ruine aber mit keinem Wort. Im Gegenteil. Die Kirche wird als besondere Sehenswürdigkeit hervorgehoben. Was mag in dem einen Jahr geschehen sein. Für eine Restaurierung der Kirche würden die Außenwände wohl kaum abgetragen werden. Rätselhaft. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben es sich inzwischen einige Männer am Wegesrand gemütlich gemacht, trinken Bier und plaudern. Ob sie etwas über die Kirche wissen? Ich frage sie auf Englisch, Tschechisch, Deutsch und schließlich mit Händen und Füßen. Das mir bereits bekannte Kopfwackeln begleitet ihre bulgarischen Erklärungen, die ich leider nicht verstehe.
Ich gehe vorbei an der Peter-und-Paul-Kirche, die im 14. Jahrhundert erbaut, 1913 bei einem Erdbeben stark beschädigt und schließlich in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts restauriert wurde, und überquere den Fluss, hinüber auf das andere Jantra-Ufer, um zur dritten und ältesten der mittelalterlichen Kirchen Veliko Tarnovos zu gelangen, zur Kirche des heiligen Demetrios von Thessaloniki. Sie wurde 1185 erbaut, als die Brüder Asen und Petar den Aufstand gegen Byzanz verkündeten. Auf der alten Holzbrücke, die die beiden Flussufer verbindet, haben sich ein paar Leute versammelt und schauen besorgt auf die stürmische Jantra. Das Hochwasser hat auch hier gewütet. Weggerissene Bäume, Sträucher und jede Menge Schlamm treiben im Wasser.

In einer kleinen Bar. Billard spielende Jugendliche am Samstagabend. Die Musik ist laut. Ich trinke einige Tassen Tee, bin von der langen Stadtwanderung durchnässt und erschöpft. Fühle mich so, wie mich die Einheimischen wahrscheinlich gerade sehen. Eine Westeuropäerin, die ein Getränk nach dem anderen konsumieren kann, weil es für sie so billig ist.
Zum Abendessen Einkehr in ein überfülltes Gasthaus. Zum Glück keine Touristen, wie überhaupt in der ganzen Stadt kaum Touristen zu sehen sind. Ich bekomme die Karte. Alles auf Bulgarisch. Ich bin erfreut. Dann muss es sich wohl um ein typisch bulgarisches Lokal handeln. Das sucht man ja immer in der Fremde, das Typische. Ich kann nicht Kyrillisch lesen, empfinde es deutlich als Mangel. Auch am Bahnhof in Varna war alles in kyrillischer Schrift angeschrieben. Ganz selbstverständlich. Wie ja auch in Mittel- und Westeuropa alles in lateinischen Lettern geschrieben ist.
Ich bestelle Schaschlik und Salat. Das gibt es immer. Vorzügliches Essen, auch der Wein ist gut.

Am nächsten Morgen verspäte ich mich. Wir haben am Vortag Frühstück für acht Uhr vereinbart. Nun ist es halb neun. Boris begrüßt mich mürrisch, als wir uns vor dem Badezimmer begegnen. Ich solle mich beeilen, der Kaffee würde sonst kalt. So ruppig hatte ich ihn am Vortag gar nicht in Erinnerung. Als ich in die Küche komme, wird mir klar, warum er es eilig hatte. Das Frühstück stand schon länger auf dem Tisch. Die beiden hatten selber noch nicht gegessen, warteten nur auf mich. Das gebietet die bulgarische Gastfreundschaft. Ich bewundere die riesengroßen, wohlschmeckenden Tomaten, auch der Schafkäse ist unvergleichlich. Als ich mir den Honig auf das Brot streiche, spüre ich skeptische Blicke auf mir ruhen: Honig verwendet man in Bulgarien anscheinend nur zum Süßen des Tees.

Mein Zug fährt um drei Uhr nachmittags. Genug Zeit für einen Besuch des Archäologischen Museums. Doch es scheint niemand da zu sein. Alle Türen abgeschlossen. Ich stehe ratlos vor dem Eingang. Nach einer Weile kommen polnische Touristen auf das Museum zu und betätigen ganz selbstverständlich die Glocke. Eine Mitarbeiterin aus dem Museum sperrt auf, lässt uns herein und verschließt hinter uns wieder die Tür. Das Gebäude ist in einem desolaten Zustand. Vom Plafond tropft Wasser. Wände und Böden sind restaurierungsbedürftig, zahlreiche Vitrinen leer. Viele der Exponate sind Kopien.
Auf dem Weg zum Bahnhof durchquere ich die Altstadt. Die Häuser tragen die Handschrift des Baumeisters Kolju Ficeto, Begründer des Bauwesens im Stil der Nationalen Wiedergeburt. Eine Bewegung, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand. Sie brachte schließlich die Loslösung von der griechischen Kirche und die Befreiung von der Türkenherrschaft. Eine Gruppe verwahrloster Hunde verfolgt mich, verwehrt mir den Durchgang zu einer Aussichtsterrasse, von der ich ein letztes Mal den Carevec sehen wollte. Ich verlasse den geschichtsträchtigen Boden Veliko Tarnovos, steige in den Zug Richtung Varna. Zurück an die Schwarzmeerküste.

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