Ausstellungsbesprechungen

Winckelmann. Moderne Antike, Neues Museum Weimar, bis 2. Juli 2017

Seinen 300. Geburtstag feiert in diesem Jahr der Vater der Kunstgeschichte und Archäologie. Obendrein gilt er als Erfinder des klassischen Schönheitsbegriffs. Kein Wunder also, dass das Neue Museum in Weimar Johann Joachim Winckelmann in diesem Jahr eine große Ausstellung widmet. Stefanie Handke hat sie sich angesehen.

In zwei Teilen untersucht die Ausstellung Leben und Wirkung des Begründers von Kunstgeschichte und Archäologie und Vaters des klassischen Schönheitsideals. Im ersten Stock begrüßen den Besucher dabei zunächst Zitate aus Winckelmanns wichtigsten Werken und eine Bellotto-Ansicht Dresdens. Lediglich einige Texttafeln geben noch eine Einführung in die Schau. Nach diesem minimalistischen Einstieg begrüßt den Besucher im ersten eigentlichen Ausstellungsraum der Winckelmannsche Faun. Dieser Kopf eines Pans versetzte den Gelehrten in regelrechte Schwärmerei und so verwundert es kaum, dass er das Stück erwarb. Auch die anderen Eckräume des Neuen Museums sind Werken gewidmet, die Winckelmann besonders beeindruckt haben: Der Torso vom Belvedere ist als Rekonstruktion zu sehen, samt der virtuosen Beschreibung Winckelmanns, geboren aus seiner geradezu überbordenden Begeisterung. Diese antiken Werke waren ausschlaggebend für das Schönheitsideal Winckelmanns, das immerhin auch das der Klassik geprägt hat.

Winckelmanns Zugang zur Antike war zunächst der eines klassischen Schriftgelehrten. Sein Wissen und seine Betrachtung zog er aus Büchern und so verwundert es kaum, dass zahlreiche Referenzwerke zu sehen sind, gemeinsam mit Exzerptheften. Diese zahlreichen Exzerpte sollten die Grundlage für sein späteres Wirken bilden. Mit seinen häufigen besuchen der Dresdner Kunstsammlungen und den dort ausgestellten antiken Kunstwerken entwickelte sich in ihm der Wunsch, diese Werke auch durch eigene Anschauung, durch sinnlichen Kontakt und empirische Beobachtung zu erleben. Ein Raum ist den Werken, die er in Dresden erlebt hat, gewidmet, etwa der sog. »Großen Herkulanerin« aus dem 1.Jh.n.Chr., deren Kontrastprogramm für Winckelmann die »Tanzende Gärtnerin« Johann Joachim Kaendlers aus Porzellan war, deren Verspieltheit seine Kritik hervorrief. Auch spätere Werke, die sich auf die Antike Kunst bezogen, entdeckte er hier. In Raffaels »Sixtinischer Madonna« entdeckte er dagegen eine vorbildliche Nachahmung der Antike, deren Kopie von Louis Castelli (1847) in Weimar zu sehen ist. Sein erstes Werk, »Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst« (1755) ist wohl von diesen Besuchen beeinflusst. Seine Übersiedlung nach Rom Ende 1755 ermöglichte es ihm, die Sehnsucht nach eigener Anschauung zu stillen. Ja, er entwickelte gar eine Kritik am reinen Bücherwissen. Obendrein entwickelte er nun sein Interesse an der Kunstgeschichte der Antike und ihrer Ästhetik Neben dem Sehen war dem Gelehrten aber auch die haptische Erkundung der antiken Werke eine große Rolle. So erlebte er etwa zahlreiche Gemmen in Florenz auch als Kleinode in seiner Hand. Beeindruckend ist hier die Gemmensammlung des Barons Philipp von Stosch, in der immerhin fast 3500 dieser Kleinode versammelt sind.

Winckelmanns »Geschichte der Kunst des Altertums« ist ebenfalls ein eigener Raum gewidmet, hat sie doch die Kunstgeschichte verschiedentlich geprägt. Zum einen taucht hier der Begriff der »Kunst« erstmals anstatt »Künste« oder »Künstler« auf. Die von ihm rekonstruierten »Stile« der griechischen Kunst, die er historisch anordnete. In der Ausstellung sind sie durch vier Kunstwerke repräsentiert: Die sog. »Hestia Giustiani« aus dem 5.Jh.v.Chr. repräsentiert seinen »alten Stil«, die »Niobide Chiaramonti« aus dem 4. oder 2. Jh.v.Chr. den »hohen Stil« und die »Venus Medici« sowie die »Venus Medici« den »schönen« und abschließend die »Schlafende Ariadne, sog. Cleopatra« den »Stil der Nachahmung«, der für einen langen Abstieg der Kunst steht. Dieser Saal führt hin zur Rezeption des einflussreichen Werkes durch Winckelmanns Zeitgenossen: Lessings Ausgabe ist ebenso zu sehen wie Zitate von Schlegel, Herder oder Hegel, aber auch fremdsprachige Ausgaben und zahlreiche weitere Werke Winckelmanns. Ebenso wirft die Ausstellung einen Blick auf das Briefnetzwerk des Vaters von Kunstgeschichte und Archäologie. Hier ist auch der erste Ausflug in die Gegenwart zu unternehmen: Im Zuge der Ausstellungsvorbereitung haben sich 17 Schüler aus Weimar mit dem Schönheitsbegriff Winckelmanns auseinandergesetzt und ihre ganz eigene Sichtweise auf das Phänomen Schönheit kreativ verarbeitet. Der Raum bezieht dabei auch das »Fühlen«, das haptische Element seiner Kunstbetrachtung mit ein – ein Apoll zum Anfassen bildet den Mittelpunkt der kleinen Ausstellung in der Ausstellung, um den herum die Werke der Schüler angeordnet sind. Fotoarbeiten sind auf diese Weise entstanden, Vergleiche von Bauhausideal und klassischem Ideal.

Der Tod Winckelmanns erschütterte die Zeitgenossen; nicht nur die spektakuläre Ermordung durch Francesco Arcangeli war Grund dafür. Auch verloren die gelehrten Kreise Europas mit Winckelmann eine von zahlreichen Kollegen bewunderte Persönlichkeit. Kein Wunder also, dass ein Raum ganz dem tragischen Tod und den erschütterten Reaktionen der Zeitgenossen gewidmet ist. Hier finden sich neben der Mordakte und dem Testament Porträts und Büsten des Gelehrten und illustrieren die Bewunderung, die seine Zeitgenossen für ihn hegten.

Begibt man sich sodann ins Erdgeschoss des Museums, folgt man nun dem Einfluss Winckelmanns auf die folgenden Generationen. Seine Betrachtungen zu Farbe, Ausdruck und Linie stehe hier zunächst im Mittelpunkt. Oft vergessen wird etwa, das Johann Joachim Winckelmann keineswegs eine »weiße« Antike annahm, sondern sich der ursprünglichen Farbigkeit der Skulpturen und Architekturen durchaus bewusst war. Insbesondere im 19. Jahrhundert diskutierte man diese Farbigkeit intensiv – und pikanterweise beriefen sich sowohl Verfechter der »farbigen« als auch der »weißen« Antike auf den Vater der Kunstgeschichte. So finden sich Beispiele für Vertreter beider Positionen, etwa Gottfried August Sempers »Farbige Ansicht der Akropolis« (1833) und Ludig Langes »Ideale Rekonstruktion der Akropolis« (um 1835). Auch beim Ausdruck ist Winckelmann nicht so eindeutig wie es gern dargestellt wird; bestes Beispiel ist hier die Laokoon-Gruppe, die sich seiner These der »edlen Einfalt und stillen Größe« entzieht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Beschäftigung mit der antiken Kunst ist die androgyne Ästhetik etwa des Apollon Sauroktonos, der das Ideal eines jugendlichen Körpers für ihn verkörpert. Ihm zur Seite gestellt sind Fotografien von Bettina Reims, die nicht minder mit dem jugendlich-geschlechtslosen Körperideal spielen. Zugleich ist er die Verbindung zur Beschäftigung mit dem menschlichen Körper im 18. Jahrhundert. Nicht nur Johann Joachim Winckelmann setzte sich mit der menschlichen Anatomie auseinander; das verdeutlichen zahlreiche Exponate. Gerade die antike Kunst mit ihrer starken Körperlichkeit machte diese Beschäftigung quasi absolut notwendig und auch in seiner »Geschichte der Kunst des Altertums« hat der Gelehrte der Proportion ein ganzes Kapitel gewidmet. Aber auch im Körperbezug anthropologischer Forschungen lassen sich Winckelmann-Bezüge entdecken wie in den Büsten zweiter Afrikaner von Johann Gottfried Schadow, in denen ein gewisser Antikenbezug erkennbar ist. Besonders spannend ist darüber hinaus wie Winckelmann in »Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercke« die griechische Kunst mit ihrer Nacktheit die Schönheit des Körpers in den Mittelpunkt stellte. Dass das auch leicht zu missbrauchen war, beweisen Exponate aus der Zeit des Nationalsozialismus. Überhaupt zeigt die Sektion »Politik: Kunst, Macht, Gesellschaft«, dass sich das Bild des Gelehrten von dem eines Europäers (vielleicht sogar mit eurozentristischem Blick) von dem eines Europäers hin zu dem eines Deutschen wandelte. Auch Winckelmanns Philhellenismus zeitigte einige Früchte und beeinflusste etwa das Griechenlandbild während des Unabhängigkeitskrieges in den 1820er Jahren. Nicht zu vergessen ist der 250. Geburtstag Winckelmanns, der in der DDR mit einer Ausstellung geehrte wurde. Auch Alfred Hrdlickas »Winckelmanns schauriges Ende« (1964/65) ist hier zu sehen.

Was bleibt also nach dieser Ausstellung? Johann Joachim Winckelmanns Schönheitsideal übte nicht nur auf die Kunst des Klassizismus großen Einfluss aus; sein Ideal zieht sich durch die Kunst des 18. bis 21. Jahrhunderts von Schadow über Messerschmitt bis hin zu Marc Quinns Skulptur von Peter Hull (1999). Hull transportiert hier das klassische Schönheitsideal eindrucksvoll in die Gegenwart und verbindet es zugleich mit einem Bruch; der bei Entstehung des Werkes 50jährige Hull wurde ohne Beine und mit Armen nur bis zu den Ellbogen geboren. Damit hinterfragt die Skulptur zugleich das Konzept des Vollkommenen in der Kunst und bezieht sich auf die Fragmenthaftigkeit der meisten antiken Kunstwerke. Johann Joachim Winckelmanns Schönheitsbegriff ist also durchaus aktuell; mit ihm überwand die Wissenschaft das Ideal des Rokoko. Zugleich setzte er mit einem ganz eigenen Körperkult einen weiteren Akzent, vor allem in Bezug auf den männlichen Körper, den er sowohl mit einer gewissen Jugendlichkeit als auch mit einer gewissen Stärke in den Mittelpunkt rückte. Zurück bleibt das Bild eines Mannes, der, aus einfachen Verhältnissen stammend, aus seinem Schriftgelehrtentum eine neue Art der intensiven Antikenbetrachtung entwickelte und dessen Antikenideal bis heute – im positiven wie negativen Sinne – nachwirkt.