Ausstellungsbesprechungen

Wolfgang G. Bühler – forcella, Galerie Schütte, Essen, bis 30. Dezember 2011

Schon immer hat die Erhabenheit gewaltiger Berge nicht nur Künstler wie Caspar David Friedrich zu Werken angeregt. Farbschicht um Farbschicht versetzt sich Wolfgang G. Bühler in die Flächen und Lineamente der Bergnatur. Günter Baumann hat sich von der magischen Atmosphäre der Bilder einfangen lassen.

Natur ist in, und der Berg ruft: Die Münchnerin Petra Thalmeier bemalt ihre Leinwände zwar in gestischer Manier, doch werfen sich die Farbfelder zu realistischen Massiven auf; die in Düsseldorf lebende Künstlerin Ulrike Heydenreich stellt hyperrealistische Bleistiftpanoramen in Glasgehäuse, was auch den Einsatz spezieller Zeichenmaterialien erfordert. Wolfgang G. Bühler aus Nürnberg, der sein jüngstes Werk und den begleitenden Katalog in Freising, Nürnberg, Memmingen, München, Regensburg, Schweinfurt und aktuell in Essen vorgestellt hat und noch vorstellen wird, greift auch auf besondere Techniken zurück. Sie dienen dazu, die malerische Wirkung seiner Acrylbilder zu verstärken, welche im Wesentlichen eine scheinbar reale Bergwelt erlebbar machen.

Woher diese künstlerische Faszination für die Berge herrührt, lässt sich nicht allein mit der Renaissance der Landschaftsmalerei erklären. Da der Mensch in all den genannten Werken auffallend ausgespart bleibt, muss es die Unwegsamkeit, wenn nicht die abweisende Schroffheit sein, die den Mythos Berg offenkundig wieder in Szene setzen lässt. Bühler geht seine Berge technisch gesehen emotionslos an, erweckt aber den Anschein, als handle es sich um bekannte Gebirgsketten.

Der Essener Untertitel der Ausstellung, »forcella«, suggeriert in der Tat konkret alpine Regionen. Ernüchtert – oder vielmehr neugierig – sieht man dann jedoch auf die Bildtitel, entführen deren Einwortpoesie (»graulanderdenhoch«, »himmelblauschattengrau«, »nebelgrauerdenweich« usw.) den Betrachter in nachgerade romantische Gefilde. Seltsam entrückt, versucht man die Strukturen von Bühlers Bildern zu klären, den Gletscherspuren mit den Augen zu folgen – oder sind es ferne Wege im Berg? –, läuft man Gefahr, verloren zu gehen im aufsteigenden Nebelmeer oder in der puren Melancholie. Caspar David Friedrich lässt grüßen, denkt man zunächst, um dann aber schnell festzustellen, dass keine hoffnungsfroh-heilsame oder gar transzendente Symbolik über allem waltet: Bühler malt Nicht-Orte, besser: er legt zahlreiche Acryllasuren an, indem er mit Folienschichten umgeht. Mit seinen Aquarellen und Tuschearbeiten erweist er sich zudem als brillanter Meister auf dem Papier.

»Das Bild selbst«, so Bühler, »ist eine parallele Landschaft zur Landschaft der Welt und nicht deren Abbild«. Es entstehen eigentlich abstrakte Farbcollagen, die eine täuschende Ähnlichkeit haben mit unsrer Wahrnehmung von der Außenwelt oder eben auch nur dem Bild, das wir uns von ihr machen. Kein Wunder, dass Bühler zwar die Berge erwandert und sich bezeichnenderweise Farbnotizen macht – um die unendlichen Nuancen im Zwischenreich des Farbuniversums nachhaltig einzufangen –, doch schließlich arbeitet er im Atelier. Wolfgang G. Bühler, der zu den beeindruckendsten Koloristen der Gegenwart gehört, erhielt 1910 den »Kunstpreis der Nürnberger Nachrichten«, einen renommierten nordbayerischen Preis, der den Künstler für seine – in doppeltem Sinne – Vielschichtigkeit auszeichnete.