Ausstellungsbesprechungen

Wols – die Retrospektive, Kunsthalle Bremen, bis 11. August 2013

Anlässlich seines 100. Geburtstags zeigt die Kunsthalle Bremen einen Rückblick auf das gesamte Œuvre des gemeinhin durch seine Fotografien bekannten Wols (1913–1951). Günter Baumann hat sich dem geheimnisvollen Meister zahlreicher Zeichnungen, Aquarelle, Druckgrafiken, illustrierter Bücher und Gemälde auf besondere Art genähert.

Drei große Maler des Informel haben es geschafft, dass sich gegenwärtig eine Renaissance jenes gestischen Expressionismus einstellt, die gegen den Trend der neuen Gegenständlichkeit wie ein kultureller Tsunami über die Kunstlandschaft wogt: Emil Schumacher, Jahrgang 1912, machte den Anfang des Reigens zum 100. Geburtstag, 2014 folgen mit Sicherheit die Ehrungen zum 100. von Karl Otto Götz, der gute Chancen hat, dieses Event sogar noch selbst zu erleben, und es besteht kein Zweifel, dass das Jahr 2015 im Zeichen von Hann Trier und Bernhard Schultze stehen wird – und die Dauerfeier zum Informel reicht sicher auch noch zum runden Geburtstag von Fred Thieler 2016.

2013 war nicht allzu viel Aufhebens um den 1913 geborenen Heinz Tröges, doch an Wols kam man denn doch nicht herum: Dresden präsentierte den Künstler als Fotografen, um am »Mythos Wols« zu kratzen, während die Bremer Kunsthalle zur Zeit mit einer Retrospektive zeigt, dass genau dieser Mythos lebt. Die grandiose Schau wird im September nach Houston weitergereicht: Mit rund 200 Arbeiten ist die Ausstellung seit einem Vierteljahrhundert die größte Präsentation zum Werk des 1913 in Berlin als Wolfgang Schulze geborenen Künstlers, der viel zu früh, im Jahr 1951, in Paris starb.

Neu an der Mega-Schau ist die Konzentration auf das Werk von Wols – bewusst hat man die Tragödie seines Lebens hintangestellt, um den Blick frei zu machen auf das Werk, das bisher, aus naheliegenden Gründen, als Psychogramm gelesen wurde: Überall reißen, bildlich gesprochen, Wunden auf, ist der Schmerz allgegenwärtig. Doch übersieht man dabei den Formenreichtum und die technische Vielfalt der Gemälde (in Bremen ist mit 36 Exponaten nahezu die Hälfte des schmalen malerischen Werks zu sehen), sensationellen Tuschfederzeichnungen und Aquarellen sowie surrealen Fotografien.

Passend zum neuen Blick auf das Informel zeigt sich hier ein Künstler, der nach dem Krieg eine neue Bildsprache entwickelte, die sich rasch von Jackson Pollock emanzipierte und zahlreiche »Dialekte« ausformulierte: Schumacher, Wols, Götz & Co. gehören sichtbar einer Sprachfamilie an, doch jeder hat seinen ureigenen Weg beschritten. Wols war am wenigsten Zeit beschieden. Anders als die Kollegen suchte er seine Inspirationen im Surrealismus, bei Paul Klee und sogar bei Lyonel Feininger, bevor sein Schaffen im Sammelbecken des Informel mündete – es blieben ihm 15 Jahre, um sich mit an die Spitze der gestisch-tachistischen Ausdruckskunst zu stellen.

Bereits die frühen Fotografien neigen zur formalen Abstraktion, obwohl der Gegenstand hier noch nicht aufgegeben ist. Den Schritt macht er um 1946 mit dem Wechsel zur Malerei, in der Wols sich zum Meister der Oberflächenbehandlung mausert: Indem er Schicht um Schicht auf- und mitunter auch wieder abträgt, schafft er reliefartige Strukturen, hinter denen unergründliche, aber existentiell bedrohliche Motive lauern – die Bedrohung liegt in deren spürbarer Verletzlichkeit. Stets verwahrte er sich gegen Analysen – zurecht: Man muss diese Chiffren der Apokalypse aushalten können. Wer sich in der Vita Erklärungen erhofft, verpasst die Schönheit des Destruktiven, die die Arbeiten durch und durch prägt. Erst im Abstand wird die fragile, poetische Seite des Werks sichtbar. Und man darf eines nicht vergessen: Wols war ein bedachter Arbeiter an der Leinwand. Wie bei anderen Informellen ist die Flüchtigkeit des Farbauftrags nur scheinbar.