Buchrezensionen, Rezensionen

Ahmed Alsoudani, hrsg. von Robert Goff und Cassie Rosenthal, Hatje Cantz 2009

Der Hatje Cantz Verlag stellt in dem 2009 erschienenen Band in deutscher und englischer Sprache den 1975 in Bagdad geborenen Künstler Ahmed Alsoudani vor und gewährt damit einen Einblick in ein gleichermaßen hochästhetisches als auch von Emotionen getragenes Werk, wie unsere Autorin Verena Paul feststellte.

Alsoudani © Cover Hatje Cantz
Alsoudani © Cover Hatje Cantz

Bereits das Cover nimmt uns mit dem Ausschnitt aus einem der wenigen mit einem Titel versehenen Gemälde (»Baghdad 1«) in Empfang und lässt uns, wie Shamim M. Momin in seinem Beitrag treffend formuliert, »die verstörende Schönheit der Arbeiten Alsoudanis« spüren. In der Tat! Schnell werden wir von der Ästhetik jener abstrakten, organisch verschlungenen Formen in ihren zumeist leuchtenden Farben in den Bann gezogen. Gleichzeitig deuten sich jedoch Gegenstände und Figuren an, die vor einem dunklen Bildgrund einander gefährlich ruhig begegnen und damit auf die inhaltliche Vielschichtigkeit der Gemälde hinweisen. Der Dramatiker Tony Kushner hat über den von Alsoudani geschätzten Autor Wayne Koestenbaum sehr präzise Worte gefunden, die wir auch in den Werken des jungen Künstlers gespiegelt finden. Beide zelebrieren nämlich »das Recht zu trauern. Es zeigt perfekt, dass jede Schublade einen Haken hat, es lehrt uns, vorsichtig und genau zu lesen [...], es zeigt eine Kultur der Unterdrückung, trotz der fantastischen metaphorischen Verwandlungen, der Anpassung und des Überlebens. Es konfrontiert das Pathologische mit dem Politischen und das Buch [es sei zu ergänzen: das Gemälde] konfrontiert auch das Politische mit der Dunkelheit der Seele und ihrer unbeantworteten Sehnsüchte«.

Neben dem Essay von Momin, der einen wichtigen Beitrag zum Werkverständnis leistet, ist das Gespräch, das Robert Goff mit dem Künstler geführt hat, aufschlussreich. Hier zeigt sich, wie eng der persönliche Werdegang und die künstlerische Entwicklung, das heißt die Flucht aus dem Irak und die Aufnahme des Kunststudiums an der Yale University, verwoben sind. Obgleich sich Alsoudani mit dem Œuvre von Caravaggio, Jan Vermeer, Pablo Picasso, Max Beckmann, Willem de Kooning, Philip Guston, Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Albert Oehlen und Daniel Richter – um nur einige zu nennen – intensiv auseinandersetzt, sind es nicht zuletzt die schwierigen Zeitumstände im Irak, die sein künstlerisches Schaffen prägen. »Allerdings muss ich sagen«, schränkt Alsoudani im Interview ein, »dass ich nicht versuche ‚Kriegsbilder’ zu malen, sondern Bilder über den Krieg. Es ist mir wichtiger, die Auswirkungen darzustellen, die der Krieg auf die Menschen, die ihn erleben, hat«. Insofern sind seine Werke keine Dokumentationen, sondern Einfühlung in menschliches Leid, in die Zerrissenheit und Angst der in Kriegswirren und Krisensituationen lebenden Menschen. »Ich beziehe mich auf Ereignisse«, so fährt der Künstler erklärend fort, »die in der Vergangenheit liegen, in denen man aber die Gegenwart noch spürt. Und ich beziehe mich nicht nur auf den Irak, sondern auf die Erfahrungen, die allgemeingültig sind«.

Dergestalt verwundert es nicht, dass Alsoudani der Oberfläche seiner Bilder große Bedeutung beimisst, denn es sind Spiegelungen seiner Gefühle, die im Schaffensprozess erkundet werden. Während an manchen Stellen bis zu zwölf Farbschichten übereinander gelegt sind, erblicken wir an anderen noch die filigranen, verletzlich erscheinenden Kohlezeichnungen. Durch diese unterschiedliche Stärke des Farbauftrags erfahren die Arbeiten eine unglaubliche Eigendynamik und man hat bei der Betrachtung der qualitativ hochwertigen Abbildungen den Eindruck, als würde es unter der Leinwand pulsieren.

Der Künstler wirft – und das demonstriert das vorliegende Buch auf imposante Weise – einen erbarmungslosen, schockierenden und zugleich schmerzvollen Blick auf Realität. Dabei wird der aufmerksame Betrachter durch die meisterliche Ausgestaltung gefangen genommen und in die unauflösliche Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart, von historischer Faktizität und persönlicher Aufarbeitung einbezogen.

Resümee: Mit dieser wundervoll gestalteten Publikation werden dem Leser/Betrachter die scharf beobachtenden, emotional aufreibenden Werke Ahmed Alsoudanis, deren Formen- und Farbsprache Schlüssel zu einer erschreckenden Komplexität des Weltgeschehens sind, nahe gebracht. Ein Band, der mich erschüttert, zum Nachdenken animiert, vor allem aber fasziniert hat!