Buchrezensionen, Rezensionen

Bénédicte Savoy: Kunstraub. Napoleons Konfiszierungen in Deutschland und die europäischen Folgen, Böhlau Verlag 2010

Die Kunstraubzüge Napoleons, und seiner Vorgänger, während der französischen Besatzungszeit: ein Trauma, das die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich für lange Zeit belastet und vergiftet hat. Die Französin und Wahldeutsche Bénédicte Savoy wagte in ihrer Dissertation den Blick auf beide Seiten. Ulrike Schuster hat sich mit diesem mutigen Versuch beschäftigt.

Die Autorin ist eine engagierte junge Kunsthistorikerin, die derzeit als Professorin am Institut für Kunstwissenschaften und Historische Urbanistik an der Technischen Universität Berlin tätig ist und ihren Forschungsschwerpunkt auf den deutsch-französischen Kulturtransfer um 1800 gerichtet hat. Ihre Vorgangsweise beschreibt sie als stereoskopisch, die Aufmerksamkeit auf die Polyphonie der Meinungen und Stimmen gerichtet. Die Debatte um den Kunstraub war von Anfang an eine stark emotionsgeladene, fremdbestimmt von Propaganda, Polemik und unverhüllten politischen Interessen. Gibt es unter diesen Voraussetzungen so etwas wie einen unvoreingenommenen Blick auf die damaligen Ereignisse?

Savoy hat ihre Arbeit in drei große Abschnitte gegliedert. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem Verlauf der Kunstbeutezüge, die, ab 1794, in mehreren Wellen über die besetzten deutschen und österreichischen Gebiete rollten. Sie stellt die Akteure des Geschehens vor und zitiert ausführlich aus Briefen, Tagebüchern, Inventarlisten und Zeitungsberichten. Die detaillierte Darstellung liest sich dank der akribischen Arbeit an den Quellen lebendig und gut nachvollziehbar.

Das Hauptaugenmerk der Autorin liegt auf der Analyse der zeitgenössischen Rhetorik. Die systematischen Beschlagnahmungen geschahen aus der Sichtweise der jungen Republik sozusagen im Namen eines höheren Ideals. Auf der Ebene der Kunsttheorie sprach man vom »befreiten Kunsterbe«: Demnach wären die Meisterwerke der Kunst vom Joch der Tyrannen befreit worden und ihr Abtransport nach Frankreich der »Rückkehr ins Leben« gleichgekommen. Paris, die neue Welthauptstadt, sollte der überragende Mittelpunkt der Wissenschaften und der Künste werden und jedermann Zugang zur Bildung bekommen. Neben Kunstgegenständen beschlagnahmten die französischen Kommissäre auch bedeutende Buchbestände, naturwissenschaftliche und botanische Sammlungen, sogar technisch innovative Arbeitsgeräte.

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Die Geschichte des Kunstraubs besitzt viele paradoxe Aspekte: So stammte ein großer Teil der beschlagnahmten Kunstwerke aus privaten Sammlungen oder aus kirchlichem Besitz und war der breiteren Öffentlichkeit zuvor tatsächlich nicht zugänglich gewesen. Viele Kunstschätze wurden erst durch ihre Abwesenheit als solche entdeckt und wahrgenommen, insbesondere die Werke der altdeutschen Malschulen. Das Ideal der Zugänglichkeit in der französischen Metropole sollte im Übrigen weitreichende Konsequenzen haben, denn mit der Öffnung der Sammlungen stellte die Französische Revolution die Weichen für die Geburt des modernen Museums im 19. Jahrhundert.

Im zweiten Teil ihres Buches beschäftigt sich die Autorin mit den Reaktionen auf deutscher Seite. Hier zeigte sich zunächst gleichfalls ein erstaunlich ambivalentes Verhalten. Der französische Feind diente zugleich als Vorbild und Gegenbild. Unter den führenden Intellektuellen gab es viele, die mit den Idealen der Revolution sympathisierten und deshalb der Idee eines zentralen französischen Museums, das die größten Meisterwerke aus ganz Europa an einer Stelle vereinigen würde, durchaus etwas Positives abgewinnen konnten.

Nichtsdestoweniger gab es natürlich auch Kritik und Widerstand. Doch erst nach 1815, als man bereits über die Rückgabe der geraubten Schätze verhandelte, wurde daraus offene Polemik. Sie steigerte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in eine nationalistische, politisch instrumentalisierte Kampfrhetorik, die während des Ersten Weltkriegs in einen unverhüllten Revanchismus mündete. Der Krieg der Worte fand auch in den wissenschaftlichen Publikationen seinen unübersehbaren Niederschlag.

Der dritte Abschnitt handelt schließlich vom Schicksal der geraubten Kunstschätze in Paris und deren Rückkehr in ihre Heimat 1815. Wiederum hat man es mit komplexen, widersprüchlichen Befunden zu tun. Man hatte auf französischer Seite mit der Kulturpolitik unter Napoleon neue Maßstäbe gesetzt und konnte dennoch das Versprechen vom großen, alles in sich vereinigenden Museum nicht einlösen. Viele der beschlagnahmten Kunstgüter verbrachten die Zeit ihres Pariser Exils mehr oder weniger unbeachtet in Depots.

Dennoch gab es einen unbestreitbaren Höhepunkt: eine Ausstellung von Kunstwerken aus deutschen Sammlungen, die 1806/07 im Musée Napoléon stattfand. Die räumliche Anordnung und die Auswahl der Arbeiten hat Savoy bis ins Detail recherchiert und als zusätzlichen Bonus ihrer Publikation den rekonstruierten Katalog auf CD-Rom beigefügt. Dort findet man nicht nur die technischen Beschreibungen der Kunstwerke, sondern auch genaue Angaben zu ihrer Historie während ihrer Odyssee durch Europa.

Savoys Darstellung ist umfassend und interessant zu lesen – ein breit gefächertes Sittenbild mit Gespür für Vereinnahmungen und Phrasen in einer heiklen Angelegenheit. Nicht ganz nachvollziehbar bleibt jedoch die These der Autorin, dass die von ihr rekonstruierten Ereignisse einen regen, wechselseitigen Kulturtransfer ins Leben gerufen hätten: Auch wenn sich im Zuge der historischen Ereignisse Kontakte oder sogar Freundschaften zwischen den Forschern herausgebildet hatten, erscheint dieser Transfer im Großen und Ganzen doch als eher einseitige Angelegenheit. Dies bleibt in der facettenreichen Darstellung letztlich jedoch ein Aspekt unter vielen.