Buchrezensionen, Rezensionen

Bauhaus Reisebuch, hrsg. v. Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung Berlin, Stiftung Bauhaus Dessau, Klassik Stiftung Weimar, DuMont 2012

Trotz seiner Ikonenhaftigkeit mutet das Bauhaus oft merkwürdig isoliert und ortlos an. Der DuMont Buchverlag brachte nun das erste Reisebuch zu den historischen Stätten des Bauhauses heraus. Rainer K. Wick hat es sich angeschaut.

Die Beschäftigung mit dem Bauhaus – seiner Kunst, seinen architektonischen Hervorbringungen, seinem Design, seinen pädagogischen Konzeptionen — ist seit Jahrzehnten ein Dauerbrenner. Dies dokumentieren nicht nur breit angelegte Ausstellungen, so in jüngerer Zeit »Modell Bauhaus« 2009 im Martin-Gropius-Bau in Berlin und anschließend im Museum of Modern Art in New York oder die in der Londoner Barbican Art Gallery just zu Ende gegangene Schau »Bauhaus: Art as Life«, sondern auch eine ständig anschwellende Flut an Publikationen zum Thema. Da gibt es neben manch Überflüssigem auch hochqualifizierte, zum Teil sehr spezielle Forschungsbeiträge, die das substantielle Wissen über diese Schule und deren Wirkung in erfreulicher Weise erweitern. Und für den praktischen Gebrauch des Reisenden in Sachen Bauhaus gibt es neuerdings einen Cicerone zu den historischen Stätten dieser legendären Kunstschule, die in nur vierzehn Jahren an drei verschiedenen Ort gewirkt hat, in Weimar von 1919 bis 1925, in Dessau von 1925 bis 1932 und in Berlin von 1932 bis 1933. Entstanden ist als eine Kooperation der drei sammlungsführenden Bauhaus-Institutionen in Deutschland — Bauhaus-Museum der Klassik Stiftung Weimar, Stiftung Bauhaus Dessau und Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung Berlin — so etwas wie ein Bauhaus-Baedeker, also ein Reisebuch für all jene, denen die eigene Anschauung unverzichtbarer Bestandteil menschlicher Erfahrung ist.

Das 300 Seiten starke Buch im hochrechteckigen Format und einem Einband im kühlen Metallic-Look ist in drei Großkapitel gegliedert, die sich aus den Stätten des Wirkens des Bauhauses ergeben: Weimar, Dessau und Berlin. Einige »Gedanken zu einem Reisebuch« führen nicht nur in das Buchprojekt ein, sondern bieten zugleich eine, freilich extrem knappe, Skizze der historischen Entwicklung des Bauhauses — von seiner sozialutopischen, das Handwerk betonenden, expressionistischen Gründungsphase über die konstruktivistische, auf eine »neue Einheit« (Walter Gropius) von Kunst und Technik zielende Konsolidierungsphase und die am Leitbild eines sozialistisch grundierten Funktionalismus orientierte Direktionsphase Hannes Meyers bis hin zum architektonischen Ästhetizismus Mies van der Rohes, der das Bauhaus in den letzten drei Jahren seines Bestehens zu einer „elitären Architekturschule“ machte.

Vor allem das erste Kapitel (Weimar) macht deutlich, dass es ein grober Irrtum wäre, das Bauhaus pauschal mit flachen Dächern, strengen Kuben und großen Glasflächen, mit Stahlrohrmöbeln und funktionalem Gerät, mit kühler Sachlichkeit und rigoroser Rechtwinkligkeit zu identifizieren. Locker mit aktuellen Farbfotos bebildert und durch dokumentarisches Bildmaterial in Schwarzweiß ergänzt, spürt Susanne Knorr, die Autorin dieses Kapitels, zunächst den Anfängen des Bauhauses in der Stadt der deutschen Klassik nach. Dabei spielt der belgische Jugendstilkünstler Henry van de Velde eine maßgebliche Rolle, der im Jahr 1916 nicht nur Walter Gropius als seinen Nachfolger als Direktor der örtlichen Kunstgewerbeschule vorschlug, sondern im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts auch als Architekt des baulichen Ensembles der Großherzoglich sächsischen Hochschule für Bildende Kunst und der gegenüber befindlichen Großherzoglich sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar aufgetreten war. Beide Einrichtungen fasste Gropius 1919 entsprechend der zeittypischen Idee der „Einheitsakademie“ zum Staatlichen Bauhaus zusammen.

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Heute hat hier die Bauhaus-Universität ihren Sitz, und zu den materiellen Bauhaus-Reminiszenzen gehören die restaurierten bzw. rekonstruierten Wandgestaltungen von Oskar Schlemmer, Herbert Bayer und Joost Schmidt und das 1923 von Walter Gropius entworfene Direktionszimmer, das inzwischen wieder in seiner ursprünglichen Gestalt zu besichtigen ist. Während hier der Geist des Konstruktivismus waltet, ist Gropius’ Denkmal der Märzgefallenen (1921/22) auf Weimars Hauptfriedhof noch ganz dem kubo-expressionistischen Formvokabular der Frühzeit des Bauhauses verpflichtet. Das nach einem Entwurf des Bauhaus-Malers Georg Muche 1923 am Rande des Ilm-Parks errichtete Haus am Horn ist ein weißer Flachdachkubus, der sich ebenso wie das von Gropius entworfene Haus Auerbach in Jena (1924) in die Schublade dessen einordnen lässt, was simplifizierend gemeinhin als „Bauhaus-Stil“ identifiziert wird. Indem Jena und andere für das Bauhaus relevante „Nebenschauplätze“ außerhalb Weimars einbezogen werden (etwa die Keramikwerkstatt des Bauhauses in Dornburg an der Saale oder die Werkstatt der Bauhaus-Weberin Margaretha Reichardt in Erfurt), geht es darum, »Bezüge her(zu)stellen, Netzwerke auf(zu)zeigen«, um die Komplexität des Phänomens Bauhaus nachvollziehbar werden zu lassen.

Das gilt ebenso für das Dessauer Kapitel, verfasst von Ingolf Kern, in dem nicht nur das 1926 eingeweihte und inzwischen vorbildlich restaurierte neue Bauhaus-Gebäude sowie die Meisterhäuser von Gropius vorgestellt werden, sondern u.a. die Siedlung Dessau-Törten, das von Gropius entworfene Dessauer Arbeitsamt, die Törtener Laubenganghäuser Hannes Meyers und das an der Elbe gelegene elegante, großzügig verglaste „Kornhaus“ von Carl Fieger (1929/30), ein bis heute beliebtes Ausflugslokal. Kein Zufall, dass das Dessauer Technikmuseum Hugo Junkers ebenfalls Aufnahme in das Bauhaus-Reisebuch gefunden hat, gab es doch mannigfaltige Kontakte zwischen Junkers, dem Industriepionier und Konstrukteur der legendären Ju 52, und Gropius, dem Bauhaus-Gründer und Protagonisten des industriellen Bauens und des modernen Industriedesigns. Und auch in diesem Kapitel werden die Grenzen der Bauhaus-Stadt überschritten, etwa bis nach Halle, wo Lyonel Feininger mit der Marktkirche eines seiner Lieblingsmotive fand, oder bis nach Leipzig, wo Josef Albers 1926 das Treppenhaus des Grassi-Museums mit Buntglasfenstern ausstattete.

Nach dem politisch erzwungenen Exodus des Bauhauses aus Dessau im Jahr 1932 führte Mies van der Rohe die Schule in den Räumen einer ehemaligen Telefonfabrik in Berlin noch ein Jahr lang als Privatinstitut weiter, bevor es im Sommer 1933 zur endgültigen Schließung kam. Diese kurze Zeitspanne reichte indes nicht aus, um noch einmal wesentliche Akzente setzen und in die Breite wirken zu können. Und doch gibt es in Berlin beachtliche Spuren, die auf das Bauhaus, seine Prähistorie und seine Rezeptionsgeschichte verweisen. So führt der Autor dieses Kapitels, Christian Welzbacher, den Bauhaus-Reisenden zu einem Schlüsselwerk moderner Industriearchitektur, nämlich zur AEG-Turbinenhalle von Peter Behrens – eines Architekten, der Gropius maßgeblich beeinflusst hat. Gropius selbst hat in Berlin etliche Privathäuser gebaut, außerdem beteiligte er sich Ende der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre an Bauvorhaben in der Berliner Großsiedlung Siemensstadt, Hannes Meyer baute 1928 bis 1930 in Bernau bei Berlin die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, und auch Mies van der Rohe war in der Reichshauptstadt mit verschiedenen Bauprojekten vertreten. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand im Geiste des Bauhauses das Hansaviertel in Westberlin, Mies van der Rohe schuf 1965 bis 1968 die Neue Nationalgalerie, und 1976 bis 1979 wurde nach einem ursprünglich für Darmstadt geplanten Gropius-Entwurf am Landwehrkanal das Gebäude des Bauhaus-Archivs errichtet, das mit seiner weltweit größten Bauhaus-Sammlung längst zur Wallfahrtsstätte der Bauhaus-Fangemeinde geworden ist.

Das alles und manches mehr wird in dem neuen Bauhaus-Reisebuch lebendig und zugleich kompetent dargestellt, gut visualisiert und durch eine Fülle praktischer Hinweise (Adressen, Öffnungszeiten, Verkehrsverbindungen) vervollständigt. Dass das überaus nützliche Buch als Cicerone zu den materiellen Zeugnissen des Bauhauses stark architekturlastig ist, mag sich aus der Natur der Sache ergeben. Gleichwohl kommen Kunst und Design etwas zu kurz, und es wäre sachlich angemessen gewesen, nachdrücklicher daran zu erinnern, dass das Bauhaus genuin kein Stil war, sondern zu allererst eine aus lebens- und sozialreformerischem Gedankengut gespeiste progressive Kunstschule mit wegweisenden und weltweit bis heute nachwirkenden gestaltungspädagogischen Konzepten.