Buchrezensionen, Rezensionen

Bazon Brock: Lustmarsch durchs Theoriegelände – Musealisiert euch!, DuMont Buchverlag 2008

Der Mann, der “immer nach Komplikationen fischt“ (Zitat von Bazon Brocks Visitenkarte), veranstaltete zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 2006 eine Theorie-Rundreise durch elf Museen, Galerien und Theater in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er nannte seine Reise „Lustmarsch durchs Theoriegelände“ und nutzte sie dazu, seine Theorien noch einmal einzeln als Ausstellung zu manifestieren. Mit dem vorliegenden Buch haben wir das Glück, den „Lustmarsch“, kompakt zu Papier gebracht, immer wieder erleben zu können. Das Theoriegelände als Gedächtnisraum, das Brock in den elf Institutionen für den Marsch vorbereitet hat, wird hier abgeschritten und erläutert.

Inspiriert durch die antiken Philosophen und Goethe bringt Brock auch in diesem Projekt wieder Praxis und Theorie zueinander - durch Abschreiten des Raumes und die Betrachtung seiner Objekte werden die Gedanken auf den richtigen Weg geleitet. Das Theoriegelände folgt der Tradition des „action teachings“, das Brock seit 1959 immer wieder in verschiedenen Ländern praktizierte. Dabei sollte der Betrachter einbezogen und somit der Lerneffekt gesteigert werden. Diese Praxis entwickelte er während seiner Beteiligung am Fluxus und den Happenings gemeinsam mit Joseph Beuys, Nam June Paik und anderen.
Nacheinander werden die elf Teile des Theoriegeländes abgearbeitet, die für Brock die größten europäischen, vor allem aber deutsche, Traumata darstellen. „Musealisiert euch!“ – der Slogan, der das Buch ziert, hat verschiedene Bedeutungsebenen und ist gleichzeitig das erwünschte Resultat der Theoriereise. Als Beispiel dient hier Mustafa Kemal Pascha. Er war der Initiator der „Musealisierung als Strategie der Zivilisierung“, indem er im November 1934 ein Dekret erließ, das die größte Moschee in Istanbul zum Museum machen sollte.   Musealisierung heißt jedoch noch mehr: Einerseits wird jeder aufgerufen, sein Leben so zu gestalten, dass es erinnerungswürdig wird, andererseits betrifft sie auch Objekte, die dadurch ihre ursprüngliche Wirkkraft einbüßen. Die Avantgarde, die zuerst allerorts für Empörung sorgt, wird im Museum schnell zu einem glatt geschliffenen Klassiker. Dagegen hat sich Brock bereits in den 60ern mit seinen Performance-Kollegen aufgelehnt.
   Nach einem Exkurs durch europäische Zukunftsaussichten als „living museum“ für chinesische Touristen, ist das Interesse für die restlichen Aufgaben bzw. Traumata geweckt. Brock führt hier sicher und sprachgewaltig durch sein Theoriegelände und erklärt dem Unwissenden, was er mit „Gottsucherbanden“, „Arriéregarde“, „Retrogarde“, „Rettungskomplett“ und „Uchronie“ meint. Jeder Abschnitt wird durch die „abgelegten Werkzeuge“ und Werke von befreundeten Künstlern markiert, womit das jeweilige Thema anschaulicher wird, auch wenn man die Ausstellung leider nicht „live“ erleben kann. Das Vorwort von Peter Sloterdijk, sowie das Gespräch mit Peter Weibel sind ebenfalls lesenswerte Kapitel, um das Wirken von Brock endgültig zu erfassen.