Buchrezensionen

Beer, Ellen J./ Bram, Andreas/ Kessler, Cordula: Buchmalerei im Bodenseeraum. 13. bis 16. Jahrhundert, Verlag Gessler, Friedrichshafen 1997.

Bilder haben im Mittelalter Anteil am Erzählen und Überliefern von Literatur, wobei sie oft durch diese selbst veranlasst werden.

Das Bild realisiert und konkretisiert dabei das literarische Werk ästhetisch neu, da es inhaltliche oder thematisch verändernde Akzente setzen sowie Bedeutungen verschieben kann. Besonders eng sind die Beziehungen literarischer Stoffe und bildlicher Motive in ihrem angestammten Medium, dem Buch. Schon der äußere Zusammenhang begünstigt hier relativ reiche Bestände an erhaltenen Zeugnissen. Buchkunst ist im Mittelalter zuallererst christliche Kunst. Dichter und Maler wetteiferten bei der Ausstattung einer Vielzahl zumeist prachtvoll ausgestatteter Codices. Großformatig angelegt, aufwendig dekoriert sowie mit wertvollem Goldgrund versehen, dienten sie der Verherrlichung der göttlichen Welt und waren ein Abglanz des Himmlischen. Anders präsentiert sich dagegen die Mehrzahl der erhaltenen Handschriften profanen Inhalts. Weniger kostbar ausgeschmückt, bleiben sie in ihrer Bewertung oft hinter den religiösen Schriften zurück. Dennoch hat gerade der Bodenseeraum mit den Liederhandschriften und den illustrierten Weltchroniken eine Reihe weltlicher und zugleich aufwendigst gestalteter Codices hervorgebracht, deren berühmtestes Beispiel wohl die sogenannte Manessische Liederhandschrift ist.

Nicht nur deren ganzseitigen Malereien, sondern mittelalterliche Buchmalerei erfreut sich generell außerordentlicher Popularität. Sie trifft in der Öffentlichkeit meist auf großes Interesse und Begeisterung. Das Wissen um die Hintergründe dieser Kunst bleibt jedoch weitgehend einer kleinen Gruppe von Spezialisten vorbehalten. Diesen Verhältnissen Rechnung tragend, bemüht sich das bereits vor einiger Zeit unter Beteiligung namhafter Wissenschaftler entstandene, umfangreich illustrierte Buch mit dem Titel „Buchmalerei im Bodenseeraum” um die breite Vermittlung von Wissen auf diesem Gebiet und spricht dabei den interessierten Laien wie auch den bereits Kundigen gleichermaßen an.

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Gegenstand ist die Buchmalerei des Bodenseeraumes, mithin einer Region, die im 14. und 15. Jahrhundert zu den deutschen Zentren dieser Kunst gehörte. Problematisch ist jedoch die Frage, ob dieses Gebiet, auf dessen geschichtliche und kulturelle Einheit häufig hingewiesen wird, dessen geographische Abgrenzung jedoch schon schwerer fällt, überhaupt als „Kunstlandschaft” angesehen werden kann und wenn ja, wodurch sie sich charakterisiert. Ellen J. Beer setzt sich mit dieser Problematik im letzten der ersten vier, gleichsam in die Thematik einführenden Abschnitte ausführlich auseinander und führt zugleich in die Gesamtsituation der Buchmalerei im Bodenseeraum ein. Zuvor wird jedoch der Landschaftsraum Bodensee und seine Geschichte als Hintergrund für das Kunstschaffen vorgestellt (Beitrag Moser). In kurzer Form wird ein Überblick über die historischen Entwicklungen vom Frühmittelalter über die „Manesse-Zeit” bis hin zur Reformation gegeben – eine Zeit, die mit dem Aufstieg der Städte sowie einer kulturell ambitionierten Oberschicht aus Patriziern und hohen Geistlichen, später auch Bürgern verbunden war. Deren Kultur war gleichermaßen konservativ wie progressiv. Man übertrug adlige Gewohnheiten in die städtischen Behausungen und pflegte in der Zeit des ausgehenden Minnesangs diese höfische Tradition. Gleichzeitig überführte man die einst allein mündlich tradierte Literatur in die Schriftlichkeit und adelte sie in Codices gehobener Ausstattung. Es entstanden illustrierte Psalterien, Graduale, Stundenbücher und Breviere, Chroniken und Romane, von denen einige zu den Spitzenwerken mittelalterlicher Buchkunst zählen.

Wer Schwierigkeiten hat, die verschiedenen Buchtypen auseinander zu halten, dem sei der Beitrag von Christine Jakobi-Mirwald besonders ans Herz gelegt. In ihm werden, von der Bibel ausgehend, die unterschiedlichen liturgischen, danach andere wichtige Buchtypen vorgestellt. Darüber hinaus gibt im Anschluss daran ein eigenes Verzeichnis eine Reihe weiterführender Literaturhinweise zu dieser Thematik. Der folgende Abschnitt (Beitrag Ott) widmet sich der wichtigen Problematik des zentralen spätmittelalterlichen Übergangsprozesses von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit, vom Latein zur Volkssprache und von Pergament- zu Papierhandschrift sowie den damit verbundenen Veränderungen im Anspruchsniveau.

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Mit dem Abschnitt zur gotischen Buchmalerei der Zeit von 1260 bis 1340/50 (Beitrag Kessler) beginnt der zweite Teil des Buches mit seinen spezielleren kunstwissenschaftlichen Abhandlungen über bestimmte Zeiträume und einzelne Regionen am Bodensee. Sie behandeln die Frage nach einer Konstanzer Buchmalerei in Weingarten (Beitrag Sauer) ebenso wie die nach der Buchmalerei in Konstanz sowie am westlichen und nördlichen Bodensee im 14. bis 16. Jahrhundert (Beitrag Konrad). Darüber hinaus widmen sich weitere Aufsätze der Buchkunst in der Abtei und der Stadt Sankt Gallen, in den Abteien Pfäfers, Fischingen, Rheinau (Beitrag Bräm), dem Kloster Salem (Beitrag Väth) sowie dem Schicksal der Vorarlberger Bestände (Beitrag Krumpöck).

Jeder dieser Abschnitte wird nicht nur von Farbabbildungen, sondern auch von einer Auswahlbibliographie begleitet und jeweils von einem Katalog ergänzt. Dieser befindet sich im hinteren Teil des Buches und führt die Handschriften in der Reihenfolge der einzelnen Textbeiträge auf, wobei die Nummerierung unter Rückgriff auf Namenskürzel trotz der grundsätzlich übersichtlichen Anlage sowohl des Katalogs als auch des gesamten Buches verwirrend wirkt. Die durchweg mit einer Abbildung versehenen Katalogeinträge bieten in knapper Form zunächst den Titel, die Datierung sowie die wichtigsten kodikologischen Eckdaten des Codex. Es folgt eine kurze, aber sehr effiziente Beschreibung der jeweiligen Handschrift, deren eher allgemein gehaltener Charakter weniger für den Experten als für den interessierten Laien gedacht ist und auch dem Leser ohne Vorkenntnisse auf eingängige Weise die wichtigsten Informationen bietet. Auf die Nennung des Aufbewahrungsortes und der heutigen Signatur folgt eine Kurzbibliographie. Will man deren Angaben jedoch aufschlüsseln, muss man zum jeweiligen Aufsatzende zurückkehren, wobei auch hier die Namenskürzel beim Auffinden eher hinderlich sind. Insgesamt ist ein bei der Lektüre störendes Hin- und Herblättern unvermeidlich. Ein Glossar am Ende komplettiert das trotz der kleineren formalen Abstriche durchaus lesenswerte und vor allem sehr eingängig geschriebene Buch, das als „Handbuch” zur deutschen Buchmalerei des späten Mittelalters in jeder studentischen Bibliothek einen festen Platz haben sollte.

Bibliographische Angaben

Beer, Ellen J./ Bram, Andreas/ Kessler, Cordula: Buchmalerei im Bodenseeraum. 13. bis 16. Jahrhundert, Verlag Gessler, Friedrichshafen 1997.
392 Seiten, ISBN-10: 3861360020, ISBN-13: 978-3861360025

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