Rezensionen

Andrea Worm: Geschichte und Weltordnung. Grafische Modelle von Zeit und Raum in Universalchroniken vor 1500. Gebrüder Mann Verlag

Unser Wissen über die Welt basiert nicht einfach auf Fakten und Daten. Oft sind es Bilder, die unsere begriffliche Vorstellung prägen. In der modernen Informationsgesellschaft nimmt die grafisch–anschauliche Darstellung von Daten, etwa in Tabellen und Diagrammen, einen immer höheren Stellenwert ein. Indes, die Anfänge der Visualisierung von Wissen reichen tief zurück bis ins Mittelalter. Eine Rezension von Ulrike Schuster.

Cover © Gebrüder Mann Verlag
Cover © Gebrüder Mann Verlag

Andrea Worm untersuchte im Rahmen ihrer Habilitationsschrift graphische Modelle – sie prägt dafür den Begriff »Historiogramme« – zur Vermittlung von geschichtlichen Daten im Rahmen der mittelalterlichen Universalchroniken (Geschichtswerke, welche den Anspruch erhoben, die ganze Weltgeschichte abzubilden). Inhaltlich mögen Welten liegen zwischen der modernen Geschichtsauffassung den eschatologischen, eng mit der Heilsgeschichte verknüpften Auslegungen einer Epoche, wo Buchwissen in Handschriften, Codices und zuweilen noch auf Rollen zirkulierte. Die optische Struktur dieser Historiogramme jedoch, die Aufbereitung in Tabellen, Tafeln und Diagrammen, hat sich bis zum heutigen Tag bewährt, ebenso die Orientierung entlang einer Zeitachse, die sich in der Regel in der Leserichtung von links nach rechts bewegt, die Skalierung historischer Ereignisse nach regelmäßigen Intervallen in Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten etc... Der Gebrauch von graphischen Synopsen zur Darstellung geschichtlicher Prozesse erscheint uns wie eine Selbstverständlichkeit, verfügt indes über eine lange kulturgeschichtliche Tradition.

Universalchroniken entwickelten sich ab dem zwölften Jahrhundert als zunehmend eigenständiges Genre. Ihre ursprüngliche Intention lag in der Aufbereitung der biblischen Geschichte, die ganz wörtlich als Abriss der Weltgeschichte verstanden wurde. Zur Veranschaulichung der Historie bediente man sich graphischer Mittel, um eine bessere Übersichtlichkeit zu gewährleisten. Die Chronisten entwickelten Innovationen im Schriftbild: die strukturierte Gliederung der Textmassen, variierende Zeilenabstände, das Hervorheben von Absätzen mittels Initialen erleichterte das Auffinden von Textstellen. Geometrische Diagramme, Figuren und Piktogramme wurden in den Textfluss eingebunden, um komplexe kosmologische und theologische Gedankengänge zu verdeutlichen. Namens– und Bildmedaillons illustrierten insbesondere die komplizierten genealogischen Abstammungslinien der Nachkommen Adam und Evas. Die Visualisierung diente zur Unterstützung der Gedächtniskunst, der ars memorativa, genauer: der Memoria. Das Einprägen und Erinnern von Inhalten, wurde als aktiver und kreativer Vorgang aufgefasst, beziehungsweise als Fähigkeit oder Kunstfertigkeit begriffen. Ein Akt der Visualisierung, so Worm, sei jedoch immer als eine Form der Interpretation zu verstehen, denn die Überführung von Information in ein übergeordnetes System formuliere gleichzeitig das Postulat, dass die Geschichte strukturiert und geordnet sei.

Ausführlich in der Dokumentation und mit zahlreichen hochkarätigen Abbildungen untermauert, zeichnet die Verfasserin den Werdegang der mittelalterlichen Universalenzyklopädien, die sich offenbar rasch einer wachsenden Beliebtheit erfreuten. Ursprünglich als Lehrmittel zur Ausbildung angehender Theologen und Kleriker gedacht, fanden sie bereits im 13. Jahrhundert in anderen Funktionszusammenhängen Verwendung und wurden attraktiv für einen breiteren Adressatenkreis. Nach mittelalterlichem Verständnis gliederte sich die Geschichte auf in sechs Weltzeitalter, die wiederum in Beziehung standen zu den sechs Schöpfungstagen und als Hinweis auf die Stadien des göttlichen Erlösungswerks gelesen wurden. Die größte Aufmerksamkeit fokussierte sich jedoch auf den sechsten Abschnitt: Dieser war definiert als der Zeitraum von der Geburt Christi bis zur Wiederkunft am Ende der Zeiten, er befasste sich mit der jüngeren Geschichte jenseits des Bezugsrahmens des Alten Testaments. Bald schon fanden die Listen der Päpste darin Eingang und die genealogischen Linien der großen Königshäuser. Man ahnt, dass hier schnell eine politische Bedeutungseben eingezogen war. Das Interesse an der visuellen Vergegenwärtigung der Vergangenheit steht für Worm in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der beginnenden Selbstwahrnehmung als Nation, wie es beispielsweise in England und Frankreich der Fall war. Neben den großen Ahnen und historischen Personen fanden zudem kosmische Erscheinungen in den Schriften Eingang, Berichte über Kometen, Blutregen oder Missgeburten.

Vor allem gewann die Geografie enorm an Bedeutung. Auch hier stand zunächst der biblische Kontext im Vordergrund, frühe kartographische Arbeiten etwa rekonstruierten den Zug der Israeliten durch die Wüste, erstellten eine Topografie des Heiligen Landes und Stadtpläne von Jerusalem. Die letzteren Bemühungen sind natürlich in einem engen Zusammenhang mit den Kreuzzügen zu sehen, wurden Informationen doch laufend durch Berichte von Rückkehrern ergänzt. Ab dem 14. Jahrhundert waren die sogenannten Mappa–Mundi–Darstellungen bereits fester Bestandteil der Universalenzyklopädien. Sie haben formal wenig mit unserer heutigen Kartographie zu tun. Genau genommen handelt es sich nicht um Welt– sondern um sogenannte Ökumenekarten. Der Begriff wurde dabei aus der Antike übernommen, er bezeichnete das etwa kreisförmige Territorium der bewohnten Welt. Das daraus abgeleitete Kartenbild wurde oftmals als Darstellung einer flachen Erde missverstanden, jedoch gingen alle namhaften mittelalterlichen Gelehrten, allen voran Isidor von Sevilla (560–636), völlig selbstverständlich von einer kugelförmigen Erde aus. Gegenüber den heutigen Projektionen erscheinen die mittelalterlichen Karten indes ungewöhnlich, da um 90 Grad gedreht: Die asiatische Landmasse – an ihrem höchsten Punkt ist die Quelle der Paradiesflüsse gelegen – nimmt die obere Hälfte ein der Darstellung ein. Europa und Afrika erscheinen in je einem Viertelkreis im unteren Kartenteil, wo die Säulen des Herakles die Grenzen der Ökumene nach dem Westen markieren.

Generell wurde die bildliche Ausstattung der Chroniken im Laufe der Zeit stetig reicher und opulenter. Abbilder von berühmten Städten kamen hinzu und erschienen immer häufiger als reale topographische Ansichten, die oft maßgeschneidert waren auf einen bestimmten Verlagsort. Die Universalchroniken boomten bereits vor der Erfindung des Buchdrucks, der ihre Popularität natürlich zusätzlich steigerte. Die Schriften prominenter Verfasser erschienen in gekürzten und vereinfachten Fassungen, die das Werk nicht nur zugänglicher machten, sondern auch erschwinglicher für ein breiteres Publikum. Zudem drängten immer mehr volks– und landessprachige Ausgaben auf den Markt, obwohl, wie man mit Überraschung erfährt, Bücher in Volkssprache ein größeres unternehmerisches Risiko in sich bargen: ihr potenzieller Käuferkreis war kleiner, da sich landläufige Dialekte tatsächlich nur auf ihre Herkunftsregion beschränkten, lateinische Ausgaben dagegen sich überall in Europa vertreiben ließen.

Am Wendepunkt zur Neuzeit erschien das bekannteste Werk der Gattung, das Liber chronicarum von Hartmann Schedel (1440–1514). Die Schedel’sche Weltchronik, sie war von Anfang an in einer lateinischen und einer deutschen Ausgabe geplant, stellte in jeder Hinsicht ein »Buch der Superlative« dar. Lange Zeit blieb sie beispiellos in der enormen Zahl und der Qualität der Holzschnittillustrationen. Sie markiert den Höhe– wie auch den Endpunkt in der skizzierten Entwicklung, denn mit Humanismus, Reformation und der Entdeckung neuer Kontinente veränderten sich die bis dahin gültigen Vorstellungen und Strukturmodelle von Geschichte und Weltordnung grundlegend. Die Universalchroniken waren Ausdruck ihrer Zeit, getragen von der Idee, den Lauf der Weltgeschichte in einem ganzheitlichen Bild zusammenzufassen. Die dahinterstehenden Vorstellungen, der geschichtstheologische Ursprung, gerieten in der Neuzeit ins Wanken und zerbrachen. Nichtsdestoweniger beinhalten die mittelalterlichen Chroniken eine wesentliche Wurzel moderner Denk– und Darstellungsformen, die Andrea Worm in ihrer Arbeit unternimmt, offenzulegen.


Titel: Geschichte und Weltordnung. Graphische Modelle von Zeit und Raum in Universalchroniken vor 1500

Autorin: Andrea Worm

Verlag: Gebrüder Mann, Berlin 2021

560 S., 341 Farb– und 3 s/w–Abb.

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