Kolumne

Blickwinkel #7: Netzkunst

Raiko Oldenettel über die problematische Verbindung von Kunst und Internet in der Netzkunst.

Ein Wagenzug zieht voraus, der Kaiser kommt und begutachtet auf seiner mehrwöchigen Reise eine der Städte, in der die Kurie wieder reaktiviert werden muss und auch die Bürger sind ihm nicht mehr wohlgesonnen – er muss werben und seinem grenzenlosen Reichtum und seiner Macht Ausdruck verleihen. Feuerwerk wird gezündet und als der Kaiser mit seinem Schimmel auf dem Marktplatz Halt macht, spielt ein Ensemble seine ruhmreichen Schlachten nach. Kostüme mit Goldfäden, Triumphbögen aus Pappmaché und eine reich gedeckte Tafel mit Flussgöttern aus bemaltem Ton, die Wein ausschenken und Früchte halten. Wenn der Kaiser weitergezogen ist, ist diese Kunst nicht mehr von Nutzen. Sie wird vernichtet, weiterverarbeitet, die Entwürfe vielleicht noch für die weitere Bewerbung von Künstlern aufgehoben. Doch alles in allem war sie ephemer und für den Augenblick.

Ähnlich geht es den Künstlern im Internet, die ihre Kunst der Menge zur Schau stellen und dann nach wenigen Klicks in Vergessenheit geraten. Dass das Internet allerdings einmal als der neue Raum für Kunst galt, ist unbestritten. Die Kreativität und die Formen der Darbietung schienen endlos. Aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem die Sättigung erreicht war. Kunst im Internet ist mittlerweile überall. Ob nun als interaktives Element auf Seiten der Museen, auf Galerieseiten, die einen einladen, Spiele zu spielen, oder Homepages von Künstlern selbst, die Projekte ersinnen, in denen man gestalten, aber auch schnell vergessen kann.

Hinter uns liegt ein Wust aus Daten, von dem keiner mehr weiß, wann er wie anwendbar ist. Was mal elitär und auf wenige begrenzt war, muss nun heute alle erreichen und darf nicht zu lange dauern. Die Schnelligkeit einer Tageszeitung ist es, die uns den Kontakt zu einem Thema unmöglich auf Dauer halten lässt. Heute erschaffen wir noch eine Lightshow, indem wir die DNA von Bakterien selbst schreiben und morgen haben wir schon vergessen, was wir da eigentlich eingetippt haben, denn jemand ruft „Hier kannst du den Künstler 24 Stunden dabei beobachten, wie er fastet“. Der Kaiser mit dem Namen Internet zieht rastlos durch unsere Haushalte, doch es bleiben uns nur Entwürfe. Eine Frage bleibt: Wie werden wir irgendwann zurückblicken auf diese reichhaltige Zeit, wenn nur eine Ahnung von ihr bleibt?

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Die Initiative für Nachhaltigkeit in der Digitalen Welt ist ähnlichen Gedanken auf mehreren Workshops nachgegangen. Mehr dazu hier.