Buchrezensionen

Burcu Dogramaci/Friederike Weimar (Hg.): Sie starben jung! Künstler und Dichter, Ideen und Ideale vor dem Ersten Weltkrieg, Gebr. Mann Verlag 2014

In dem von Burcu Dogramaci und Friederike Weimar herausgegebenen Sammelband »Sie starben jung!« werden die Positionen von acht aufstrebenden Künstlern und Dichtern am Vorabend der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« nachgezeichnet. Unsere Autorin Verena Paul hat den Band für Sie gelesen.

Dass im Jubiläumsjahr 2014 Publikationen über den Ersten Weltkrieg den Buchmarkt fluten, ist wohl keine große Überraschung. Und genauso wenig erstaunt es, dass viele Leser und Leserinnen dieses Themas schon überdrüssig sind, bevor sie überhaupt die Nase zwischen einen der zahlreichen angepriesenen Buchdeckel gesteckt haben. Auch mir erging es so. Doch dann landete dieser schmale, gestalterisch sehr ansprechende Band des Gebr. Mann Verlages auf meinen Schreibtisch, der sich auf wohltuende Weise eben nicht mit dem Kriegsverlauf und militärischen Entwicklungslinien beschäftigt oder gar bahnbrechende neue Erkenntnisse über den Ersten Weltkrieg offeriert. Stattdessen werden hier die Positionen acht talentierter Künstler und Dichter in den Fokus gerückt und die Frage diskutiert, inwiefern sich deren Haltung zum Kriegsausbruch im künstlerischen Schaffen spiegeln und ob in den Kunstwerken ihre Haltung auszumachen ist.

Wie kam es etwa dazu, dass namhafte Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig oder bedeutende Maler wie Otto Dix und Ernst Ludwig Kirchner den Krieg begrüßten und mit ihren künstlerischen Mitteln unterstützten? Im Basiskapitel »Deutschland muss leben, und wenn wir sterben müssen« rekonstruiert Steffen Bruendel die Ideenwelt der Künstler und Dichter im Jahr 1914, indem er die »mentalitätsprägenden Rahmenbedingungen« in bündiger Form darstellt und beispielsweise auf die bizarre Gleichzeitigkeit von Fortschrittsoptimismus und Kulturpessimismus verweist. Allerdings lässt sich der Wunsch vieler Künstler und Dichter nach der reinigenden Kraft des Krieges nicht einfach mit Erlebnissehnsucht erklären, da keiner von ihnen eine realistische Vorstellung von einem mit moderner Waffentechnik geführten Krieg besaß. Was also trieb die Kunstschaffenden an, welche Themen beschäftigten sie und wie gestaltete sich das Weltbild, das ihre Arbeiten formte?

Cathrin Klingsöhr-Leroy beleuchtet in ihrem spannend zu lesenden Beitrag das Verhältnis von Kunst und Krieg im Spiegel des Almanachs »Der Blaue Reiter«. Dabei konzentriert sie sich zunächst auf Franz Marc, der dem Krieg die oben angesprochene reinigende Funktion zuspricht. Wie Marc waren viele Intellektuelle bestrebt, die Katastrophe zu erklären und sie »in eine Zukunft zu projizieren, die den Sinn einer reinigenden Apokalypse offensichtlich machen würde.« Der »Blaue Reiter« stellte, wie die Autorin schreibt, »die gesellschaftliche Auseinandersetzung in direkten Zusammenhang mit dem Wesen des Kunstwerks«, sodass Erneuerung der Kunst und Reformierung der Gesellschaft miteinander in Wechselwirkung traten. Mit Paul Klee zeigt Klingsöhr-Leroy abschließend eine diametrale Position zur Haltung Franz Marcs auf. Denn Klee konnte im Krieg keinen Sinn erkennen und gewahrte in erster Linie dessen zerstörerische Wirkung.

»Ernst Stadlers Kampf um die Synthese« widmet sich Laura Cheie, indem sie seinen Lebens- und Schaffensweg nachzeichnet. Dabei gelangt die Autorin zu dem Ergebnis, dass Stadler zwar mitnichten als Fürsprecher des Krieges gewertet werden darf, seine Parole »Der Aufbruch« aber zu den kämpferischsten Exklamationen eines expressionistischen Dichters zählt. Anders die Position des Malers Hermann Stenner, der – wie David Riedel diagnostiziert – »weder die Hoffnung auf eine neue, lang ersehnte Weltordnung [hatte] noch […] übermäßige Begeisterung für den Krieg« aufbrachte. Politische und gesellschaftliche Fragen interessierten Stenner kaum und wenn er sich christlichen Themen zuwendete, so geschah dies in formreduzierten Kompositionen und mit der Konzentration auf Szenen der Passion Christi oder auf biblische Figuren. Apokalyptische Motive, wie sie etwa Ludwig Meidner präferierte, fanden sich bei dem Bielefelder Künstler aber nicht.

Fortsetzung von Seite 1

Mit »Über zerbrochenem Männergebein / Die stille Mönchin« nähert sich Frank Krause in einer klar strukturierten und informationsdichten Untersuchung dem lyrischen Werk Georg Trakls an, wobei das Augenmerk besonders auf die Bedeutung von Kriegerfiguren und Kriegsthemen gerichtet wird. Entgegen der viel besungenen Deutungsresistenz der Traklschen Lyrik gelingt dem Autor ein Erklärungsversuch seiner ästhetisch-politischen Janusköpfigkeit. Während auf der einen Seite die schönen Klänge und Bilder »das sinnliche Dasein scheinbar poetisch rechtfertigen; […] kontaminiert Trakl [auf der anderen Seite] seine Lyrik mit Erfahrungen des Sinnentzugs und untröstlich leidhaften Verfallserscheinungen«, womit das »Verfahren der poetischen Sinngebung von innen heraus zum Scheitern« gebracht werde. Die Formgebung besitzt insofern einen zeitkritischen Anspruch oder wie Krause es formuliert: Dichten wird bei Trakl »zur rätselhaften Beschwörung gestörter Sinnbezüge«.

Ohne den Krieg wäre Johann Kinau alias Gorch Fock »womöglich die literarische Lokalgröße geblieben, die er lange Zeit war: ein Verfasser maritimer Angelegenheiten. Ohne Krieg kein Mythos«, schlussfolgert Rüdiger Schütte in seinem Essay über den kriegsbegeisterten Schriftsteller. Während Gorch Fock sich seiner Hamburger Heimat – nicht zuletzt durch die Mundart – stark verbunden fühlte, suchte Wilhelm Morgner der provinziellen Enge zu entfliehen. Wie viele Expressionisten befürwortete auch Morgner den Krieg insofern als er sich durch ihn eine vitale Erneuerung der Kunst sowie eine gesellschaftliche Erneuerung erhoffte. Allerdings weist Nicole Peterlein darauf hin, dass von einer »wirklich politische[n] Haltung zu den Kriegsgeschehnissen« bei diesem Künstler nicht gesprochen werden darf.

Der Widerspruchsstruktur von Kriegserlebnis und Sprache in August Stramms Kriegsbriefen und Kriegsgedichten geht Andreas Kramer nach, indem er wichtige Stationen von Leben und Werk des Künstlers beleuchtet und dergestalt zu einem bündigen Fazit gelangt: »Das intensive Miterleben von Grauen und Todesnähe wird bei Stramm nicht […] als existenzielle Grenzerfahrung oder gar als Befreiung von Starrheit und Enge der bürgerlichen Existenz gefeiert, sondern fast durchweg ambivalent und widersprüchlich markiert, wozu die komprimierte sprachliche und lyrische Form nicht unerheblich beiträgt«.

Eine gänzlich andere Position als Stramm bezieht der Künstler Franz Nölken, mit dessen Werk sich Friederike Weimar kritisch auseinandersetzt. Bemerkenswert an Nölken ist weniger, dass er politische und gesellschaftliche Themen ausklammerte und kaum die Unsicherheit des Künstlerberufs reflektierte, als vielmehr sein gegen die künstlerischen Vorbilder geführter Krieg. Dadurch entstand eine bizarre Gleichzeitigkeit von großer Wertschätzung der französischen Kunst – allen voran des Werkes von Henri Matisse – und überzeugter Adaption des Feindbildes Frankreich.

Die hier vorgestellten Künstler erhofften sich fast alle vom Krieg einen Wandel der bestehenden Verhältnisse, »sei es für ihre eigene Person und für ihr künstlerisches Schaffen oder sehr viel weitgreifender für die sozialen und spirituellen Verhältnisse in Deutschland und Europa«, konstatieren Burcu Dogramaci und Friederike Weimar in ihrer Einleitung. Getragen von der Hoffnung auf Wandel malten sie Bilder, schrieben Prosatexte und Lyrik, zogen in den Krieg – und starben jung.

Resümee: Der im Gebr. Mann Verlag erschienene Sammelband »Sie starben jung!« überzeugt neben informativen, wissenschaftlich fundierten, leserfreundlichen Beiträgen zudem durch umfangreiches Bildmaterial. Deshalb kann ich dieses (gemessen an der gestalterischen Aufmachung) geldbörsenfreundliche Buch nicht nur dem Fachpublikum, sondern ebenso einer interessierten Leserschaft empfehlen!