Ausstellungsbesprechungen

Che aus Bohnen, Freud aus Schokolade – Dark Mirror. Lateinamerikanische Kunst seit 1968, Kunstmuseum Wolfsburg, bis 31. Januar 2016

Einen dunklen Spiegel hält uns in diesen Tagen das Kunstmuseum Wolfsburg vor. Dort widmet man sich nämlich der lateinamerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart und die hat es in sich! Irgendwo zwischen folkloristischem Kitsch und dem Drama der lateinamerikanischen Geschichte bewegen sich die gezeigten Werke. Bettina Maria Brosowsky hat sie sich angesehen.

Immer nur Autos! Das könnte man etwas enerviert meinen, wenn man die neue Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum betritt. VW-Krise, der fette Würstelstand des Österreichers Erwin Wurm, die zwar vorbildlich abgasfreie da immobile Adipositas-Variante eines VW-Busses kürzlich auf dem Vorplatz des Museums, der Zeitlupen-Crash zweier Muscle Cars von Jonathan Schipper vor ein paar Jahren ebendort. Und nun das Ayate Car der Mexikanerin Betsabée Romero auf der Galerie. Der Innenraum des alten Ford Victoria von 1955 ist durch 10.000 Rosenblüten dicht gefüllt, seine Heckflossenkarosse mit grobem Pflanzengewebe überzogen, das ein folkloristischer Blumendekor ziert. In ihrer Naivität vielleicht irritierend stehen das Auto und auch ein aus Brot gebackener Reifen Romeros aber als überaus sinnfällige Symbole am Beginn des Rundgangs zur lateinamerikanischen Kunst seit 1968, die das Haus in gewohnt opulenter Fülle mit 175 Arbeiten von 41 Künstlern aus zehn Ländern ausbreitet. Denn der lateinamerikanische Kontinent ist einerseits wirtschaftlicher wie politischer Spielball der Hegemonialmacht USA. Andererseits versucht seine Kunst- und Kulturszene aus indigenen, kolonialeuropäischen, afrikanischen wie auch migrantischen Wurzeln radikal reflexive, sehr eigenständige Gegenwelten aufzufahren. Der Ausstellungstitel »Dark Mirror« verweist zudem auf das dunkle Drama all lateinamerikanischer Existenz: historische Genozide, jahrzehntelange Militärdiktaturen und aktuell Systeme struktureller Kriminalität wie auch äußerst brutaler Gewalt im familiären und öffentlichen Leben.

Politischer, weiblicher und globaler wolle er das Wolfsburger Kunstmuseum ausrichten, hatte Ralf Beil Anfang des Jahres zu seinem Antritt als neuer Direktor des Hauses verlautbart. Als erste eigenverantwortete Schau schlägt er nun, gemeinsam mit dem langjährigen Kurator Holger Broeker, einen Pflock ein in Sachen Mittel- und Südamerika. Das medial verkürzte Südamerikabild – irgendwo zwischen Samba und Fußball – will er um die Verdichtung und Reflexion signifikanter Weltvorgänge erweitert wissen, wie sie nur die Kunst erzeugen kann, so Beil. Dazu durfte er auf großzügige Quellen in der Schweiz zurückgreifen, denn eigene Recherchen wären in der kurzen Zeit gar nicht möglich gewesen. Die Daros Latinamerica Collection mit Sitz in Zürich und (derzeit noch) großer Bildungseinrichtung in Rio de Janeiro öffnete ihre Sammlung rund 1.300 zeitgenössischer Werke.

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Es fehlen zwar international gehandelte Stars wie der Brasilianer Ernesto Neto und auch Europäer, etwa Provokateur Santiago Sierra oder der feinsinnige Fancis Alÿs, die beide in Mexiko City arbeiten. Aber alle künstlerischen Gattungen sind in Wolfsburg repräsentiert: Malerei und Zeichnung, Fotografie, Video, Installation. Wollte man ein verbindendes Element unter der Vielzahl ausmachen, wären es die ungezähmte Wildheit, aber auch eine schonungslose Anklage, die sich keinen Deut um die satte und politisch korrekte Routine US-amerikanischer wie europäischer Kunstrezeption scheren. Ein kurzes Video des 1967 geborenen Mexikaners Iván Edeza etwa benutzt illegales Filmmaterial aus den 1970er Jahren, auf dem Schwarzmarkt erworben. Es zeigt die reale Jagd reicher Geschäftsmänner auf Indios im brasilianischen Urwald. Vom Hubschrauber aus erlegt, wird die Strecke Ermordeter anschließend waidmännisch zu Jagdtrophäen verarbeitet. Die Bilder sind im Stile von Computerspielen verpixelt, es bleibt jedoch das schockierende Dokument menschenverachtender Grausamkeit. Mit fiktionalisierter Gewalt arbeitet die Mexikanerin Teresa Serrano. Das ohnehin schon merkwürdig brutale Kinderspiel der Piñata – eine mit Süßigkeiten gefüllte Figur menschlicher oder tierischer Gestalt wird so heftig geschlagen, bis sie ihren Inhalt freigibt – lässt sie von einem männlichen Akteur an einer Sexpuppe ausführen: ein Verweis auf die massenweisen Frauenmorde nicht nur in Mexiko, in der Regel Opfer sexueller Gewalt. Zwar ist der Femizid, der Frauenmord, mittlerweile in 17 Staaten Lateinamerikas ein eigener Straftatbestand, die Politik, auch weiblicher Staatsoberhäupter, versagt aber in der systemischen Machokultur.

Am Machismo, »der Unverschämtheit und Dummheit der Männer«, verzweifelte auch schon Marcel Duchamp, der 1918 voller Hoffnung nach Buenos Aires aufbrach, um mit dem Rest der Welt zu brechen. Nach kurzer Zeit war er desillusioniert, sah die kulturlose »große Provinzstadt« lediglich als Ort, an dem er es vorzog, nur noch zu arbeiten. Nach nicht einmal einem Jahr war Duchamp wieder zurück in Europa. Der Übervater der Konzeptkunst hinterließ aber ein bis heute Inspirationspotenzial in Lateinamerika, immer wieder auch von Zuwanderern aktualisiert. Stellvertretend dafür steht Luis Camnitzer, dem ein eigenes Kabinett in der ansonsten nach Themen arrangierten Schau gewidmet ist. 1937 in Lübeck geboren, wuchs er in Uruguay auf, studierte dort und pendelt nun zwischen den USA und Italien. Hierzulande ist er durch seine Teilnahme an der Documenta 2002 bekannt. Für Camnitzer ist Kunst weniger eine kulturelle Disziplin denn eine Erkenntnismethode, um sich mit dem Wissen, seiner Aneignung und Verbreitung aber auch dem verweigerten Zugang zu beschäftigen. Das symbolisieren seine zwei vermauerten Fenster: Anstelle von Ziegeln dienen Werke deutschsprachiger Literatur aber auch das Bürgerliche Gesetzbuch als gleichermaßen versperrende wie versperrte Substanz.

Dass das assoziationsreiche Umdeuten aber auch spielerisch und dabei keineswegs platt von der Hand gehen kann, demonstriert der Brasilianer Vik Muniz. Die traumatische Aufladung lateinamerikanischer Kunst bezeugt Sigmund Freud, aus dunkler Schokoladensoße gezeichnet, während uns Revolutionsmythos Guevara als rotbraune Bohnensuppe entgegenstrahlt.

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