Ausstellungsbesprechungen

Collagen. Die Sammlung Meerwein – Erster Ausschnitt, Arp Museum Bahnhof Rolandseck Remagen, bis 3. Januar 2016

Nicht wenige Museen verdanken Teile ihrer Sammlungen der großzügigen Schenkung passionierter Privatsammler. Das Glück, eine hochkarätige Privatsammlung von seltener Geschlossenheit übernehmen zu können, erfuhr unlängst das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen, als ihm der Mainzer Sammler Gerhard Meerwein seine umfangreiche Collage-Sammlung übertrug. Unter dem Titel »Erster Ausschnitt« macht das Arp Museum nun einen Anfang, um die Sammlung in mehreren Etappen der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Rainer K. Wick hat die Ausstellung besucht.

Die Motive von Kunstsammlern, Museen mit Leihgaben oder Schenkungen zu beglücken, können ganz unterschiedlicher Natur sein – vom bürgerschaftlichen Engagement und/oder dem Wunsch nach fachkompetenter Bewahrung, Erforschung und Präsentation der von ihnen gesammelten Werke über Praktiken der persönlichen Selbstinszenierung und der Nachruhmsicherung bis hin zu Steuersparmaßnahmen. Oft handelt es sich um eine komplexe Mixtur aus diesen und anderen Motiven. Im Fall des 1944 geborenen Gerhard Meerwein, von 1974 bis 2009 Professor an der Fachhochschule in Mainz, kann auch von einer Präventivstrategie die Rede sein, um sicher zu gehen, dass eine über Jahrzehnte gewachsene Sammlung über den Tag X hinaus als Ganzes erhalten bleibt, indem sie rechtzeitig in die Obhut einer fachkompetent agierenden musealen Einrichtung übergeht. Ausgebildet als Architekt und Innenarchitekt, lag Meerweins Schwerpunkt in der Lehre an der FH und als Fachpublizist auf Problemen des Zusammenhangs von Mensch, Farbe und Raum, also auf Fragen der angewandten Farbenpsychologie und der architektonischen Farbgestaltung. Ende der 1960er Jahre gründete er in Mainz eine kleine (und kurzlebige) Kunstgalerie, in den 1970er Jahren begann er, Collagen zu sammeln. Die ersten Stücke, die er für seine Sammlung erwarb, stammten von dem damals populären tschechischen Dichter und Collage-Künstler Jiří Kolář, dessen Arbeiten 1968 auf der 4. documenta und 1977 auf der documenta 6 in Kassel zu sehen waren. Inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 350 Arbeiten aus dem Zeitraum von 1920 bis 2013, wobei das Gros aus der Nachkriegszeit stammt.

Bekanntlich meint der Begriff »Collage« zunächst einmal nichts anderes als eine Technik der bildenden Kunst, bei der durch Aufkleben, Aufleimen (frz. coller) mehr oder minder heterogener Elemente ein neues bildnerisches Ganzes entsteht und möglicherweise auch eine neue Sinnaussage erfolgt. In der Kunst der Moderne waren es um 1912 die sog. papiers collés (geklebte Papiere) der Kubisten Braque und Picasso, die historisch den Beginn der Collage markierten. In die abstrakten Kompositionen des analytischen Kubismus wurden Tapetenmuster, Textfragmente, Zeitungsausschnitte und andere Realien eingeklebt, um den »Realitätscharakter des Kunstwerks« (Dagobert Frey) zu erhöhen und einem Abdriften in die pure Gegenstandslosigkeit zu begegnen. In der Folge entwickelten sich neue Formen der Ästhetik, so das Materialbild und die Assemblage (frz. assembler: zusammenbringen, zusammenfügen), für die die Integration gefundener dreidimensionaler Objekte (objets trouvés) unterschiedlicher Provenienz typisch wurde. Früh wurde auch fotografisches Material genutzt und damit als Sonderform die Fotocollage bzw. Fotomontage begründet.

Max Ernst hat Collage als die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr weitgehend wesensfremden Realitäten definiert, und der Kunsthistoriker Eberhard Roters bemerkt zur Collage: »Die Technik der Collage ist das Paradigma eines Mischungsprinzips, dem eine Folge von Entscheidungen zugrunde liegt. Die erste Entscheidung ist der Schnitt. Sie ist die radikalste, denn sie betrifft die Zerstörung eines vorgegebenen Zusammenhangs. Die zweite, daraus folgende Entscheidung ist die der Neuordnung der Teile«, ein Prozess, der bildnerische Phantasie und eine spezifische Flexibilität im Umgang mit dem Material verlangt. Nicht immer folgt daraus allerdings die in der Literatur (auch in den Katalogbeiträgen zur Schau in Rolandseck) regelmäßig beschworene, aber nur selten konkret benannte »neue Bedeutung«, die dem durch Dekonstruktion sinnentleerten Material durch »Rekombination« in der Collage sinnstiftend zuwachse. Kritiker haben zu bedenken gegeben, dass die Collage das künstlerische Korrelat einer unbegriffenen und letztlich auch undurchschaubaren und unbegreiflichen Welt sei. Wie auch immer, Collage ist nicht nur eine bildnerische Technik, die maßgeblich auf dem Schneiden und Kleben beruht, sondern ein für die gesamte Kunst des 20. Jh. charakteristisches Denk- und Handlungsprinzip. Dazu gehört, dass das »Prinzip Collage« von der bildenden Kunst auch auf andere künstlerische Bereiche übertragen wurde, etwa auf die Musik (Klang- oder Toncollage), auf die Literatur und auf den Film.

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Von besonderer Bedeutung ist das Prinzip Collage im Kubismus bei Pablo Picasso und George Braque, im Futurismus bei Severini, Boccioni, Carrà und anderen, im Dadaismus bei Marcel Duchamp, Man Ray, Kurt Schwitters, Raoul Hausmann, Hannah Höch und John Heartfield, im Konstruktivismus bei El Lissitzky und László Moholy-Nagy, im Surrealismus bei Max Ernst, René Magritte und Salvador Dali, in der Pop Art bei Hamilton, Rauschenberg, Johns, Warhol, Rosenquist und Wesselman, in den Intermedia wie Happening, Fluxus und Performance bei Vostell, Paik, Beuys und anderen. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jh. erfährt die klassische Collage gleichsam ihre Umkehrung in den Decollagen (Plakatabrissen) der sog. Affichisten Dufrêne, Hains, Villeglé, Rotella und Vostell. Schon in den 1920er Jahren hatte Kurt Schwitters das Prinzip Collage auf ganze Räume ausgedehnt (»Merzbau«), seit den 1960er Jahren bedient sich die Environmental Art ebenfalls dieses bildnerischen Prinzips, und die Pasticcio-Architektur der Postmoderne ist ohne die Anwendung des Collage-Prinzips undenkbar. Ganz zu schweigen von der selbstverständlichen Praxis »copy and paste« in der neueren Computerkunst bzw. im Bereich der digitalen Bildgestaltung.

Obwohl in der Sammlung Meerwein die ganz großen Namen eher die Ausnahme sind, ist die Ausstellung »Erster Ausschnitt« doch absolut sehenswert. Denn sie zeugt in einer ungewöhnlichen Dichte von der enormen Bandbreite, in der sich das Prinzip Collage bildnerisch konkretisieren kann – von der konstruktivistischen, an Moholy-Nagy erinnernden Komposition aus farbigen Glanzpapieren von Walter Dexel (1931), einer streng geometrisch-konstruktiven Arbeit von Angela Tonner aus dem Jahr 2000, surrealistische Collagen von Franz Roh aus den 1920er und 30er Jahren, deren Nähe zu Max Ernst evident ist, surreale Fotocollagen von Alfons Holtgreve zu Flauberts »Salambo« von 1988, lettristische Arbeiten von Franz Mon und Jiří Kolář aus den 1960er Jahren, bis hin zu einer frühen »dé/coll-age« von Wolf Vostell (»Ostern«, 1961) und, ebenfalls von 1961, einer »affiche lacérée« (Plakatabriss) von Raymond Hains, einem der prominenten Künstler des französischen Nouveau Réalisme. Arne Reimann, Kurator der Ausstellung, hat die Fülle des Materials in vier, allerdings nicht unbedingt trennscharfe thematische Gruppen unterteilt: Farbe/Raum, Text/Bild, Lichtcollage, Bildkritik. Unter dem Begriff »Lichtcollage« subsumiert er etwa Fotogramme und Fotomontagen von Oskar Nerlinger, Christian Schad und El Lissitzky, hier dessen Ikone »Der Konstrukteur« von 1924 (in einem späteren Abzug von 1983), sowie mit der Lochkamera entstandene Arbeiten von Jürgen Königs, eines nur Insidern bekannten, gleichwohl hoch interessanten Künstlers. Es ist genau diese Spannung zwischen Werken prominenter, durch die Kunstgeschichte nobilitierter Künstler einerseits und Werken von meist zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern andererseits, die originelle Beiträge zur Collage liefern, ohne bisher die Berühmtheit der »großen Meister« erlangt zu haben, aus der sich der besondere Reiz der Ausstellung »Erster Ausschnitt« ergibt. Ein zusätzlicher Reiz resultiert aus der Tatsache, dass die Arbeiten zum Teil so an den Wänden des alten Bahnhofs in Rolandseck arrangiert wurden, wie sie einst in der Wohnung von Gerhard Meerwein in der Mainzer Altstadt hingen und sehr gut das Denken des Sammlers in Beziehungen, Korrespondenzen, Interaktionen zwischen den Kunstwerken dokumentieren.

Den kunstgeschichtlichen Ritterschlag erhielt die Collage in den 1960er Jahren nicht nur durch die legendäre Tagung »prinzip collage« 1968 im Institut für moderne Kunst in Nürnberg, sondern auch und vor allem durch Herta Weschers im selben Jahr erschienenes Buch »Die Collage. Geschichte eines künstlerischen Ausdrucksmittels«, das längst zum Standardwerk avanciert ist. Dass dieses Buch des Hannoveraner »Totalkünstler« Timm Ulrichs keineswegs in Ehrfurcht erstarren ließ, zeigt ein mit den geschredderten Seiten der späteren Paperbackausgabe gefüllter, durchsichtiger Objektkasten aus Plexiglas, auf den der Name der Autorin, der Buchtitel und der Hinweis »Bearbeitung (Decollage)« sowie der Name des Künstlers aufgedruckt ist. Ob man es als »Abrechnung« mit Weschers Buch deuten muss, wie der Kurator meint, mag dahingestellt bleiben – eine gelungene Pointe ist es allemal.