Ausstellungsbesprechungen

Daniel Buren – Allegro Vivace, Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden, bis 22. Mai 2011

Kennzeichnend für Daniel Buren sind seine abwechselnd weißen und farbigen, 8,7 cm breiten vertikalen Streifen, die zur Gestaltung öffentlicher Räume genutzt werden. In ihrer Form sind sie bewusst banal, inhaltsfrei und bedeutungslos. Konsequent widersetzen sie sich dem Glauben an die Autonomie des Kunstwerkes und weisen den Betrachter in erster Linie auf den Ort ihrer Anbringung hin. Günter Baumann hat sich diese Arbeitsweise näher besehen.

Daniel Buren agiert wie ein Modeschöpfer: Er kleidet ein, wenn nicht die Menschen, so doch den Raum – und es dürfte kaum einen anderen Künstler geben, der dies so überzeugend, konsequent und ästhetisch fundiert macht wie er. Auf den ersten Blick wirken die von Buren unermüdlich inszenierten Streifen banal. Nicht zuletzt die nachhaltige Einprägsamkeit legt eine andere, tiefergehende Sprache nahe: Ob es sich um Ausstellungen handelt wie etwa die »in-situ«-Arbeiten im Neuen Museum Nürnberg zum Jahreswechsel 2009/10, wo der Künstler große, laternenähnliche Vierfarbkuben in den Raum hängte, oder ob wir uns dauerhaften Installationen wie der im Hof des Palais Royale in Paris zuwenden, wo Buren die klassizistische Säulenhalle aufs Schönste persifliert – mit grandiosem Esprit, im eigentlichen Sinne mit großem Witz gestaltet der Franzose die Welt, die man in der Erfahrung seiner Kunst anders und intensiver wahrnimmt, als man es zuvor für möglich gehalten hat. Seit den 1960er Jahren überzieht Buren nun diese Welt mit seinen weiß-bunten, mehr oder weniger (oder sagen wir weitgehend) auf ein Maß von 8,7 cm Breite genormten Streifen, macht vor Museen genauso wenig Halt wie vor Außenmauern, Straßen oder Treppen. Das Schöne daran ist die Balance zwischen der formalen und farbigen Drastik (manche würden sagen: Aufdringlichkeit) und der kompositionellen Lakonie (mache würden sagen: Unaufdringlichkeit) der Arbeiten, wobei man versucht ist, dieses Pluralwort jeweils in der Ausstellung zurückzunehmen, weil man sie meist als eine letztlich hochkomplexe, programmatische Einzelarbeit begreift.

Es wäre auch zu einfach, würde man Daniel Buren auf die kleidsamen Streifen reduzieren. In Baden-Baden zeigt sich der Künstler vielseitiger: Während er die Kunsthallenräume mit bunten Streifen, Quadraten, aber auch Spiegeln und Stoffen regelrecht verwandelt – sie werden dadurch einmal optisch verengt, ein andermal geradezu ins Unendliche steigert –, hat er die Stadt systematisch beflaggt, was als Werbung genauso durchgeht wie als erweiterter Installationsraum. Der Betrachter folgt dem Farbenspiel so fasziniert wie irritiert. Die Bildwelt Burens verweigert sich einer Aussage, sie zeigt keinerlei Handschrift, und was im Rahmen dieser Schau nahegelegen hätte, ist sie (auch diesmal) keine Retrospektive.

Es ist dasselbe Spiel wie sonst: Daniel Buren prägt dem Raum sein bildhaftes Label auf. Anders als auf dem halbwegs verewigten Säulenhain auf dem ›cour d’honneur‹ in Paris bleiben Burens Rauminszenierungen, die andernorts gar nicht passen würden, nicht erhalten. Doch auch das klingt hier zu pauschal und müsste ergänzt werden: die kunstvollen Installationen prägen sich auch dem Betrachter ein. Wer einmal ein von Buren temporär in Besitz genommenes Museum wieder betritt, wird sich –, wird sich mal mehr, mal weniger – daran erinnern.

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Denn auch das ist deutlich: Je minimaler die Aussage wird, desto deutlicher erhebt sich der spezifische Raum zum Thema (hier kommt der Gedanke an die Mode wieder zum Tragen, denn auch die Kleidung dient letztlich dazu, den Menschen darin bzw. dahinter auszustatten). Buren agiert dabei wie ein Verhüllungs- und zugleich Enthüllungskünstler, der das Beste aus dem Raum herausholt – und im Einzelfall darüber hinaus manche Baufälligkeit übertüncht (die rund 100 Jahre alte Kunsthalle in Baden-Baden zeigt, zumal neben Richard Meiers strahlendweißem Burda-Museum nebenan, deutliche Altersspuren). Dank dem Zusammenspiel von Künstler, Museumsleiterin und Kuratorin (Cora von Pape) ist die Ausstellung absolut stimmig, das neu entstandene Raumgefüge perfekt. Und wozu das Ganze, mag der eine oder andere, der hier Inhalte vermisst, denken? Daniel Buren ändert, wie ein Land-Art-Künstler, die Wahrnehmung im Hinblick auf Architektur als dem in Industrienationen und Großstadtkulturen heutzutage (paradoxerweise) natürlichen Lebensraum, den man oft genug gar nicht mehr bewusst registriert. Allerdings begnügt sich der Künstlerphilosoph auch nicht mit dem schönen Schein, denn wie angedeutet ist seine Kunst nicht von Dauer. Buren, Träger des renommierten »Praemium Imperiale«, setzt auf ein Innehalten, motiviert den Betrachter, seinen Verstand einzusetzen, um wirklich (den Wortbestandteilen gemäß) wahr zu nehmen.

Was die Ausstellung nicht leisten kann und will, ermöglicht der fulminante Katalog, der durchaus mit retrospektivem Anspruch die Entwicklung und das Kunstverständnis des Konzeptkünstlers vermittelt.