Buchrezensionen

Daniel Fuhrhop, Verbietet das Bauen! Eine Streitschrift, Oekom Verlag 2015

Für Zündstoff dürfte das vorliegende Buch, vom Autor als Streitschrift übertitelt, mit Gewissheit sorgen. Der Betriebswirt und Architekturverleger Daniel Fuhrhop fordert einen radikalen Wandel im Umgang mit der Stadt und ihrer Architektur im Sinne einer ökonomischen und ökologischen Nachhaltigkeit. Ulrike Schuster hat das Büchlein gelesen.

Fuhrhop, der heute in Oldenburg lebt, studierte an der Berliner TU Architektur und Stadtplanung. Später wechselte er über zur Betriebswirtschaft und widmete seine Diplomarbeit dem Phänomen des Shopping-Centers aus betriebswirtschaftlicher und stadtplanerischer Sicht. Gegen Ende der 1990er Jahre gründete er einen Architekturverlag und fokussierte sich im Rahmen einer Publikationsreihe auf den Stadtwandel in Zeiten des Klimawandels.

Im Zuge seiner intensiven langjährigen Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Baugeschehen konvertierte er allmählich vom Saulus zum Paulus. Im Jahr 2013 startete er seinen gleichnamigen Weblog und zog beherzt in den Kampf: ein David, der sich dem Goliath der Bauindustrie und ihren mächtigen Lobbys entgegenstemmt. Er steht jedoch mit seinen Forderungen in der Fachwelt bei weitem nicht alleine da; Unterstützung für seine Sache kommt unter anderem vom renommierten Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Vertreter der Raumplanung beklagen übrigens schon lange den ungebremsten Verbrauch von Grünflächen durch Bodenverschwendung und Zersiedelung. Doch Fuhrhop geht in seinen Forderungen darüber hinaus, er proklamiert nichts Geringeres als ein Umdenken auf allen Ebenen: neu zu bauen sei oft mit Verschwendung und Prestigesucht verbunden, es sei teuer und vielfach sogar unwirtschaftlich, schade der Umwelt und fördere die soziale Spaltung der Städte. Vor allem aber sei es in vielen Fällen überflüssig. In diesem Zusammenhang soll der postulierte Baustopp die Aufmerksamkeit auf das Vorhandene lenken, denn eigentlich, so das zentrale Credo Fuhrhops, ist alles längst schon gebaut!

Dem angeblich drohenden, immer wieder lautstark beklagten Platzmangel stehen immense Flächen an Leerstand gegenüber. In den neunzehn größten deutschen Bürostandorten stünden mehr als acht Millionen Quadratmeter ungenutzt, rechnet Furhop vor. Allein in Frankfurt am Main wären es anderthalb Millionen Quadratmeter oder – anders ausgedrückt – es ließen sich zwanzigtausend Wohnungen von je 75 Quadratmeter daraus gewinnen. Er verweist auf das Beispiel der Stadt Amsterdam, die seit über einem Jahrzehnt energisch gegen den Leerstand in ihrem Zentrum vorgeht und mittlerweile beachtliche Erfolge im Kampf gegen die Raumverschwendung vorzuweisen hat. Bei dieser Gelegenheit räumt der Verfasser mit einem weitverbreiteten Mythos auf. Sanierung, Umbau und Neuadaption sind seiner Ansicht nach nicht teurer als Neubau, ganz im Gegenteil. Den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wirft er vor, dass sie gerne die Altbauten im Kostenaufwand hoch-, den Neubau dagegen schön rechnen.

In den zwölf Kapiteln seines Buches schlägt Fuhrhop den Bogen weit. Er brandmarkt den »Pyramidenbau« und überteuerte Prestigeobjekte, die jenseits aller Wirtschaftlichkeit für skandalträchtige Schlagzeilen sorgen. Eine äußerst zweifelhafte Bilanz zieht er bezüglich des jüngsten Liebkindes der Bauwirtschaft, den Passiv- oder Niedrigenergiehäusern, die in puncto Platz- und Materialverbrauch alles andere als ökologisch sind. Idealvorstellungen von der grünen Ökostadt der Zukunft hält er für eine unrealistische Utopie und einen Irrweg. Kritisiert wird eine verfehlte Wohnbaupolitik, die letztlich keine sozialen Standards schafft, sondern der Gentrifizierung Vorschub leistet, sowie ganz generell eine unersättliche Bauwut, die auf Kosten der Altsubstanz geht und den Verlust von Grünflächen und städtischen Erholungsraum billigend in Kauf nimmt. Dieser Praxis hält er sein eigenes Modell entgegen, eine Liste von fünfzig Punkten oder »Werkzeugen«, die Neubau vermeidbar werden ließen.

In der Sache argumentiert der Autor direkt und schnörkellos, was sich zuweilen etwas hölzern und trocken liest. Doch zugleich verzichtet er, anders als es der griffige Slogan im Titel vermuten ließe, auf polemische Spitzen. Er setzt auf Informationen und Fakten, verweist auf zahlreiche best-practice-Beispiele aus deutschen Städten und im internationalen Kontext. Daniel Furhop plädiert für die Umgestaltung von Fabriken in Veranstaltungszentren, von Bürotürmen in Wohnungen, für die Durchmischung von Wohn- und Arbeitsbereichen anstelle der gängigen Separation. Seine Vision ist die Schaffung von lebenswerten Städten, die – und an dieser Stelle tangiert sein Anliegen natürlich die Kunstgeschichte – ihre historische Substanz erhalten und sich behutsam erneuern.

Laut Mitteilung auf seinem Webblog sieht die Publikation mittlerweile einer zweiten Auflage entgegen. Ein schöner Erfolg, der im Sachbuchbereich alles andere als selbstverständlich ist! Die kontroverse Diskussion zu seinem Thema ist Fuhrhop weiterhin sicher. Als Denkanstoß liefert seine Streitschrift jedoch ohne Frage einen wichtigen Beitrag: sie ist es wert, gelesen, ernst genommen und debattiert zu werden.