Ausstellungsbesprechungen

Daniel Spoerri - Weißt Du, schwarzt Du?, Arp Museum Rolandseck, bis 9. Januar 2011

Dem Erfinder der so genannten Fallenbilder, dem Herausgeber einer Edition für multiplizierte Kunst (Edition MAT), dem Begründer der Eat Art, dem Schöpfer skurriler Objektplastiken und dem passionierten Flohmarktsammler Daniel Spoerri widmet das Arp Museum in Rolandseck jetzt eine große Schau, die sich auf einige ausgewählte Facetten seiner Künstlerexistenz konzentriert. Rainer K. Wick hat sich diesem Ausnahmekünstler für PKG gewidmet.

Seinen unverrückbaren Platz in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts nimmt das Multitalent Spoerri, der vor seiner Karriere als bildender Künstler als Tänzer und Choreograph aktiv war, mit den tableaux pièges, den Fallenbildern, ein. Es handelt sich um moderne Interpretationen einer traditionsreichen Bildgattung, nämlich der des Stilllebens. Der Künstler selbst gibt folgende Definition: »In ordentlichen oder unordentlichen Situationen zufällig gefundene Gegenstände werden, genau dort, wo sie sich befinden, auf ihrer Unterlage (je nach Zufall – Tisch, Stuhl, Schachtel u.a.m.) befestigt. Verändert wird nur ihre Lage im Verhältnis zum Betrachter: Das Resultat wird zum Bild erklärt, Horizontales wird Vertikales. Beispiel: Die Reste eines Frühstücks werden auf dem Tisch befestigt und mit dem Tisch an der Wand aufgehängt«. Entscheidend ist, dass es sich nicht um eine Abbildung von etwas handelt, wie im klassischen gemalten Stillleben, sondern um „stillgestelltes Leben“ im Sinne einer gleichsam eingefrorenen Handlung. Diese Objekte werden nicht „künstlerisch“ arrangiert oder inszeniert. Vielmehr ist ihre Anordnung das Resultat eines Zusammenwirkens von Zufall und Notwendigkeit, von (relativer) Unbestimmtheit und Offenheit (wie sie etwa für eine gemeinsame Mahlzeit mehrerer Personen typisch ist) und dem intentionalen Zugriff des Künstlers. Derartige Praktiken waren Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger Jahre auch die Basis der Aktivitäten in Spoerris Eat Art-Restaurant in der Düsseldorfer Altstadt. Unter Mitwirkung der Restaurantbesucher entstanden hier auf blauen Tafeln mehrere hundert „Fallenbilder“, alle im einheitlichen Maß von 70 x 70 cm. Zwanzig davon sind derzeit in Rolandseck zu besichtigen.

Ausdruck des avancierten Kunstbegriffs von Daniel Spoerri war auch die 1959 begründete Edition MAT (MAT ist die Abkürzung für „Multiplication d’Art Transformable“). „Ars multiplicata“ lautete in den Sechziger Jahren das Motto einer auf Demokratisierung des Kunstbetriebs zielenden ästhetischen Praxis, die zu einem ungeahnten, oft inflationären Grafik-Boom führte. Im Fall der Edition MAT handelte sich um Kleinauflagen von je 100 Exemplaren zu Werken zeitgenössischer Künstler. Das maßgebliche Merkmal dieser Multiplikate war das Fehlen der „persönlichen Handschrift“ des Künstlers. Stattdessen sollte den Rezipienten die Möglichkeit geboten werden, an den vervielfältigten Originalen Veränderungen vorzunehmen, so dass sich »unendliche Variationsmöglichkeiten« (Spoerri) ergeben konnten. Ein separater Raum des Museums versammelt die in Spoerris Edition erschienenen Multiplikate von Jean Arp, Man Ray, Jean Tinguely, Enrico Baj, Christo und anderen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Skulptur Weißt du, schwarzt Du? aus dem Jahr 2005. Mit diesem Titel greift Spoerri auf den Wortwitz eines Gedichtszyklus von Hans Arp aus den Jahren 1924 bis 1930 zurück. Zugleich knüpft er an seine „Wortfallen“ aus den Sechziger Jahren – Versuchen einer Visualisierung von Sprichwörtern und Redensarten – an. Die Skulptur zeigt auf der Achse eines rostigen Räderwerks links eine weibliche Sitzfigur weißer Hautfarbe, rechts die Negerplastik einer stehenden Farbigen. Die Tatsache, dass Spoerri die Köpfe der beiden Figuren vertauscht hat, verweist darauf, dass im Zeitalter der Globalisierung ethnische und kulturelle Durchdringungen mehr denn je zur Normalität geworden sind.

Einen breiten Raum nimmt in der Ausstellung die neuere Werkgruppe der Prillwitzer Idole ein. Im Unterschied zu den frühen Fallenbildern bleibt bei diesen in Bronze gegossenen Objektmontagen nichts dem Zufall überlassen, sondern alles ist genau kalkuliert und gestalterisch durchgearbeitet. Angeregt wurde Spoerri zu diesem Werkkomplex durch ein altes Buch aus dem Jahr 1771 mit dem Titel »Gottesdienstliche Alterthümer der Obotriten«, das er schon vor mehr als dreißig Jahren in einem Kölner Antiquariat aufgestöbert hatte. Darin fanden sich grafische Darstellungen von mit Runen beschrifteten, skurrilen, fast surreal anmutenden Bronzefiguren, die man für slawische Götzenbilder hielt und angeblich einem Bodenfund in Prillwitz/Mecklenburg entstammten. Tatsächlich handelte es sich um Fälschungen, die Spoerri aber dazu inspirierten, im Falschen das Richtige zu suchen und zu finden. So schuf er, das „Prinzip Collage“ nutzend, moderne Interpretationen der „gottesdienstlichen Altertümer“, nämlich menschlich-tierische Fabelwesen, die »zusammengesetzt aus Versatzstücken der Abfallgesellschaft« als »Idole der Neuzeit« (FAZ vom 31.12.2005) figurieren. Zu ihren Besonderheiten gehört, dass Spoerri die Gußkanäle nicht wie üblich entfernt hat, sondern stehen ließ, so dass die Figuren wie in Käfige eingesperrt erscheinen und auf den Betrachter nicht selten einen ausgesprochen beklemmenden Eindruck machen.

Angesichts der methodischen künstlerischen Nutzung von Fundobjekten ist es nur naheliegend, dass eine Facette der Ausstellung in Rolandseck Spoerri als Sammler gewidmet ist. Gezeigt werden Kultgegenstände aus Schwarzafrika, sowie eine Kollektion von Thora-Zeigestöcken und von ungewöhnlich gestalteten Spazierstöcken, die Spoerri als passionierten „Archäologen der Flohmärkte“ ausweisen.

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