Ausstellungsbesprechungen

Das andere Klavier. Ausstellung in der Kölner Philharmonie, bis 28. Februar 2013

Hundert Jahre, nachdem John Cage geboren wurde, und fünfzig Jahre nach dem ersten Fluxus-Festival in Wiesbaden haben Museen diese Daten zum Anlass für große Ausstellungen genommen, um an die Avantgarde der damaligen Zeit zu erinnern. In der Kölner Philharmonie konzentriert sich eine Ausstellung auf die Rolle, die dabei das Klavier gespielt hat. Rainer K Wick hat die Ausstellung besucht.

Gemartert

Ein gutes Tier
Ist das Klavier,
Still, friedlich und bescheiden,
Und muss dabei
Doch vielerlei
Erdulden und erleiden...

(Wilhelm Busch)

Philharmonie Köln, Empore des geräumigen Foyers, 19 Uhr. Während der Musikkritiker das erwartungsvolle Publikum eine Stunde vor Konzertbeginn in seinem Einführungsvortrag darauf einzustimmen sucht, was es anschließend zu hören gibt, läuft am Rande gleichzeitig auf einem Monitor ein Film ab, der den etablierten Musikbetrieb gewissermaßen auf den Kopf stellt: Zu sehen sind mehrere Männer in weißen Overalls, die mit Hämmern, Brechstangen, Trennscheiben und Kettensägen einem Flügel zu Leibe rücken und ihn vor Zuschauern systematisch in seine Teile zerlegen, bis nichts als ein Haufen Schrott übrig bliebt. Der Ton ist abgeschaltet, doch dürfte der Höllenlärm, der bei diesem barbarisch anmutenden Zerstörungsakt entsteht, ein essentielles Moment der Performance sein: „Musik“ in einem sehr erweiterten Sinne.

Der Film ist Teil einer spannenden Ausstellung mit dem Titel »Das andere Klavier«, kuratiert von Stefan Fricke, Redakteur für Neue Musik beim Hessischen Rundfunk. Dokumentiert wird in dem Film eine Performance des Komponisten und Klangkünstlers Hans W. Koch mit dem Titel »Requiem für einen Flügel«, aufgeführt am 19. April 2008 in einer Garage in Köln-Deutz. Dem in zwei Weltkriegen vorgeschädigten Flügel, Jahrgang 1901, wurde mit dieser Inszenierung ein regelrechtes „Abschiedskonzert“ zuteil, das in der totalen Auflösung des Instrumentes bestand. Es ist offensichtlich, dass dieses „Konzert“ in der mittlerweile fünfzigjährigen Tradition von Fluxus stand, einer Avantgardebewegung der 1960er Jahre, an die im vergangenen Jahr mit großen Retrospektiven (Museum Wiesbaden, Staatsgalerie Stuttgart, Museum Ostwall) erinnert wurde. Traten Fluxus-Künstler wie Nam June Paik, Dick Higgins, George Maciunas, Wolf Vostell, Joseph Beuys und Benjamin Patterson (der 2008 auch an der Demontage des erwähnten Flügels beteiligt war) damals oft mit einer dezidiert kulturanarchistischen Attitüde auf, so ist Fluxus mittlerweile längst vom Kulturbetrieb aufgesogen und Gegenstand musealer Präsentation sowie kunst- und musikwissenschaftlicher Aufarbeitung geworden.

Fluxus ging es um das Fluktuierende, das Fließende zwischen den klassischen künstlerischen Gattungen, um die Exploration der Zwischenräume zwischen Malerei, Plastik, Musik und Theater, um Phänomene des Intermedialen, um Strategien der Theatralisierung von bildender Kunst und der Visualisierung von Musik. Inspirierend für zahlreiche Fluxus-Künstler waren die avancierten Aufführungspraktiken von John Cage – etwa mit präparierten Klavieren –, die vor Publikum stattfanden. Dazu der Komponist und Musiktheoretiker Dieter Schnebel: »Derlei war zu sehen und reizte den Blick. Keine Musik, die Augen zu schließen. … Sichtbare Musik.« Fluxus-Künstler radikalisierten diesen Ansatz, indem sie beim ersten Fluxus-Festival in Wiesbaden 1962 zum Beispiel Phil Corners Stück »Piano Activities« in der Weise „aufführten“, dass sie einem Flügel mit Brachialgewalt zuleibe rückten und nicht davor zurückschreckten, in die Saiten zu springen. Derart destruktive Aktivitäten hatten zur damaligen Zeit programmatischen Charakter. So tat der Koreaner Nam June Paik, der später zum Mitbegründer der Video-Kunst wurde, im Jahr 1963 kund: »Das Klavier ist ein Tabu. Es muß zerstört werden.« Schon 1960 hatte er im Atelier von Mary Bauermeister, der späteren Frau von Karlheinz Stockhausen, in seiner »Etude for Piano Forte« in Anwesenheit von John Cage mit gewaltiger Lärmentwicklung ein Klavier umgeworfen, das er in den folgenden Jahren zum »Klavier Intégral« umgestaltete: In der Tradition von Dada und Pop applizierte er das Instrument mit heterogensten Alltagsobjekten – Telefon, Glühlampe, Stacheldraht, Sirene, Büstenhalter und anderen – und beim Anschlagen verschiedener Tasten versetzten Elektromotoren einige der Gegenstände in Bewegung oder es erklangen Radiogeräusche.

Natürlich wäre es schön, Paiks Klavier, das an der Schnittstelle zwischen Objektmontage und Klangkunst angesiedelt ist, in Köln im Original sehen und möglicherweise auch „spielen“ zu können (es befindet sich im MUMOK/Museum moderner Kunst, Wien), doch wird sich der Philharmonie-Besucher mit einer fotografischen Abbildung begnügen müssen. Ergänzt wird dieses Schlüsselfoto durch eine – unbedingt sehenswerte – Fotoausstellung mit Aufnahmen weiterer präparierter und/oder ihrer eigentlichen Funktion beraubter Pianos und Flügel, so von Joseph Beuys, John Cage, Rebecca Horn, Joe Jones, Ben Vautier, Wolf Vostell, La Monte Young, Günther Uecker und anderen, also von Künstlern, die genuin entweder von der Musik oder von der Bildenden Kunst herkommen. In höchst anregender Weise dokumentieren die Fotos, wie das Klavier bzw. der Flügel als kultureller Fetisch der (bildungs)bürgerlichen Gesellschaft durch kreative Transformationsprozesse seine Gestalt und Funktion ändern kann und wie ihm dabei ganz neue ästhetische Qualitäten und Bedeutungsebenen zuwachsen können.

Was den mit kulturkritischem Anspruch, ja mit gesellschaftsverändernden Aspirationen agierenden Künstlern oftmals heiliger Ernst gewesen ist – dies gilt vor allem für Beuys und Vostell –, mag manchen Betrachtern nur destruktiv, provozierend oder absurd erscheinen. Ihnen sei ein Blick in die Vitrinen empfohlen, die der Ausstellung »Das andere Klavier« eine wortwörtlich spielerische, ja ausgesprochen witzige Dimension hinzufügen. Gezeigt wird eine Kollektion von Miniaturklavieren, so genannter Toy Pianos, die von der Spielzeugbranche als Kinderspielzeug entwickelt wurden, »um das Klavierbewußstein auch schon im Kinderzimmer zu verankern – ein Denken en miniature, wie Spielzeugautos, kleine Küchen etc.« (Fricke) Dass das Spielzeugklavier indes nicht auf das Kinderzimmer beschränkt blieb, bewies beispielsweise der große Experimentator John Cage mit seiner »Suite for Toy Piano« von 1948, mit der er maßgeblich zur Emanzipation und kulturellen Aufwertung dieses Kinderspielzeugs beitrug.

Und die Vitrinen überraschen noch mit einer anderen Facette des Themas, nämlich mit »klavieristischen Gadgets« (Fricke), also Spielereien oder Schnickschnack wie auf Krawatten aufgedruckten Klaviertastaturen, Pralinenschachteln in Form eines Flügels oder Zigarettenetuis in Gestalt eines Pianos. Das alles veranlasst nicht nur zur eingehenden Betrachtung, sondern vermag auch stilles Schmunzeln, ja unverhohlene Heiterkeit auszulösen. Leider ist diese gleichermaßen ungewöhnliche wie anregende Ausstellung, die noch bis Ende Februar 2013 zu sehen ist, nur während der in der Philharmonie stattfindenden Konzertveranstaltungen zugänglich.