Ausstellungsbesprechungen

Der Zeichnung Raum geben. Bettina van Haaren, Pia Linz, Brigitte Waldach, Städtische Galerie, Bietigheim-Bissingen, bis 8. Januar 2012

Pompöse Kungstgattungen haben die Zeichnung in ein Halbbewusstsein der ästhetischen Wahrnehmung gerückt. Sie ist meist nicht mehr als ein Entwurf und kommt selten über die Vorstufe zum fertigen Kunstwerk hinaus. Doch die Gattung kann mehr bieten, wieviel mehr zeigt die Ausstellung der Städtischen Galerie in Bietigheim-Bissingen. Günter Baumann schildert seine Eindrücke.

Die Zeichnung ist aus dem Hinterhof des Entwurfs, der Skizze und Fingerübung herausgetreten und tritt inzwischen eigenständig auf: nicht im Beiprogramm der Malerei oder Plastik, sondern raumfüllend in jeder Hinsicht. Kaum ein Medium entfaltet mit vergleichsweise wenigen Hilfsmitteln (»Gib mir mal eben einen Bleistift und ein Blatt Papier …«) eine solche Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten wie die Zeichnung. Mehr noch als in den malerischen Techniken, die sich durchaus in der Farbe genügen können, erfindet sich die linienorientierte Zeichnung den Raum: Zwei Linien treten unmittelbar in eine Beziehung, und spätestens mit einer dritten Linie wird ein räumliches Gefüge imaginiert. In komplexer Verdichtung der Linien entsteht rasch eine Räumlichkeit, die den Betrachter ins Bild zieht. Die meisterhaften Grafiken der drei in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen gezeigten Künstlerinnen Bettina van Haaren (geb. 1961), Pia Linz (geb. 1964) und Brigitte Waldach (geb. 1966) zeugen von einem Selbstbewusstsein im Duktus und glänzen inhaltlich wie formal durch ein enorm räumliches Sehvermögen: Egal, ob ihre Arbeiten - so experimentell sie auch immer erscheinen mögen – letztlich hyperreal (Linz), real (van Haaren) oder surreal (Waldach) sind, die Illusion ist jeweils perfekt.

Bettina van Haaren reißt den Blick mitten ins Geschehen, das erstmals aus den Fugen gerät. In assoziativen Gedankenräumen finden sich nach und nach Splitter von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Einbildungen ein, die ein Ganzes ergeben. Friedhöfe, Tankstellen, Wahlkampfszenarien oder archäologische Felder fügen sich in Detailcollagen psychologisch hintergründig und feinsinnig ironisch auf dem Papier so, wie sie sich in der Realität erst im Gehirn zum Ganzen formen. Pia Linz dagegen setzt ganz auf die Akribie der Mathematik. In extremen Draufblicken strichelt sie sich akkurat eine exakte Räumlichkeit zurecht. In ihrem Bestreben nach einer Allansicht hat sie Acrylglasgehäuse entwickelt, in die sie Städte- und Naturlandschaften eingraviert. Auch wenn sie traditionell auf papierene Projektionsflächen zurückgreift, basieren selbst die schrägen Perspektivverzerrungen auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Die dritte Zeichnerin im Bunde, Brigitte Waldach, deutet die Extremperspektive existenziell-klaustrophobisch. So macht sie Enge beziehungsweise Verengung sichtbar, suggeriert kriminelle Machenschaften – wobei ihr das bevorzugte Rot so monochrom wie irreal entgegen kommt, indem es die Szenerien in eine geheimnisvolle Vagheit taucht. Faszinierend sind zudem Waldachs Schriftbilder, die nicht nur Gedankenräume, sondern Gedanken selbst in einen sichtbaren Raum transportieren.

Die Bietigheimer Schau präsentiert außergewöhnliche Positionen einer Gattung, die zu den ältesten der Menschheitsgeschichte gehören. Betrachtet man sie als eine Standortbestimmung neben den vielen anderen, die die Ausstellungslandschaft gegenwärtig bereichern, kommt man zu dem Schluss, dass die Zeichnung auch zu den dauerhaftesten Gattungen gehört, die noch immer genügend Potential hat, um immer wieder neue Blüten hervorzuzaubern.

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