Ausstellungsbesprechungen

Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich. Jan Böhmermann und bildundtonfabrik. Künstlerhaus – Halle für Kunst & Medien, Graz bis 19.6.2019

An Jan Böhmermann scheiden sich bekanntlich die Geister. Den einen ist sein Humor schlichtweg zu derb und brachial. Die anderen sehen in ihn als einen Meister der satirischen Subversion, er wurde im Vorfeld der Ausstellung auch schon mit Christoph Schlingensief verglichen. Dies ist ein großes Paar Schuhe, die Zeit wird es weisen. Fest steht, in der Ausstellung Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich im Grazer Künstlerhaus schreibt Böhmermann konsequent seine Rolle als Enfant terrible fort, zuweilen hart an der Geschmacksgrenze, aber so kennen wir ihn. Zugleich bietet die Schau zahlreiche überraschende Facetten und Wendungen. Ulrike Schuster war für PortalKunstgeschichte vor Ort.

Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich, 2019 Ausstellungsansicht, Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: Markus Krottendorfer
Deuscthland#ASNCHLUSS#Östereich, 2019 Ausstellungsansicht, Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz, Foto: Markus Krottendorfer

Den Eingang versperrt eine Passkontrolle, die nach »Österreichern« und »Ausländern« selektiert. Die Besucherinnen und Besucher bekommen einen pinkfarbenen Aufkleber ausgehändigt und werden aufgefordert, diesen in der Ausstellung sichtbar an ihrer Kleidung zu tragen. Mobiltelefone und Kameras sind abzugeben und werden bei Verlassen des Gebäudes gegen eine Nummernmarke zurückgegeben.

Das Szenario ist bereits Teil der Inszenierung, doch es verfehlt seine Wirkung nicht, auch sind nach dem Passieren der Kontrolle nicht alle Klippen umschifft. Vor dem Betreten des Ausstellungsraums schiebt sich eine (kack–)braun gestrichene Sperrholzwand vor den Eingang und es setzt erst einmal eine deftige Tracht Prügel für das Gastgeberland. Auf der gegenüberliegenden Wand steht ein Schmähgedicht vom Feinsten, beginnend mit den Zeilen: »österreich – nie vom faschismus geheilter blinddarm großdeutschlands / immer mit dabei aber nie schuld […]«

Es ist eine offene und eigentlich recht offensichtliche Falle für all diejenigen, die sich darüber erregen möchten – so möchte man meinen. Doch Vorsicht ist geboten! Erleben wir doch in Tagen wie diesen auf eine verblüffende Art und Weise, wie das Leben die Satire überholt. Das Publikum der Ausstellung ist freilich nicht gekommen, um sich zu empören, sondern um »den Böhmermann« zu erleben, der auch hierzulande populär ist und viele Fans hat. Dieser wiederum spielt souverän mit der Erwartungshaltung. Viele seiner Installationen sind interaktiv gestaltet: vom Bastel–Schere–Klebe–Set bis hin zur 3–D Brille. Spielerisch verwandelt sich der Besucher vom Betrachter zum Kollaborateur.

Hinter der Sperrholzwand befinden sich vier Wahlkabinen. Die Besucher werden aufgefordert mittels Knopfdruck über politische Statements abzustimmen. Die Stimmabgabe wird (laut den angebrachten Infotafeln) live in sozialen Netzwerken gepostet, zusammen mit einem automatisierten biometrischen Foto. Warnhinweise fordern die Einhaltung eines strikten »Vermummungsverbotes«. Der benachbarte »Hetzkekseautomat« bedient die Kundschaft, nach Art chinesischer Glückskekse, mit populistischen Sprüchen.

Auf einer magnetischen Pinwand präsentieren sich »Fake News Daily«. Die Beiträge der Wandzeitung werden vom Publikum in Eigenproduktion hergestellt. Auf langen Tischen stehen hierfür Kartons bereit – mit Collagematerialien wie Fotos, abstruse Schlagzeilenschnipsel, einer Anleitung zum Verfassen von »Hass Haikus«, Klebestiften, Schreibgerät und anderes mehr. Der Anklang ist groß und das Fake–News–Basteln gestaltet sich unterhaltsam, wie die Rezipientin im Selbstversuch feststellte.

Es sind die stärksten Momente in dieser Ausstellung, wo vieles ungesagt im Raum stehen bleibt, die Leerstellen von der eigenen Vorstellung gefüllt werden müssen. In der abgedunkelten Apsis des Künstlerhauses verbirgt sich eine Installation namens »Wehrsport 1989«. Dabei gilt es, einen »Faschisten« (einen Dummy in Militärtarnkleidung) mit zwei Exemplaren des Bundesverfassungsgesetzbuches zu bewerfen. Schlag–den–August sozusagen, im Namen des Guten!

Fast wie Reliquien inszeniert stehen in zwei Vitrinen Kleidungsstücke des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz und der deutschen Kanzlerin Angela Merkel zur Schau. Böhmermann hat die Gewänder nach einem Pressefoto rekonstruiert, das die beiden, Seite an Seite beim Wandern zeigte. Er bekam dafür die originalen Outfits von den jeweiligen Bundeskanzlerämtern zur Verfügung gestellt. Wie präsentieren sich unsere politischen Entscheidungsträger, wie setzten sie ihr Image in Szene? Diesen Fragen geht auch eine Porträtserie der Kanzlerin nach. Diese wiederum offenbart eine weitere Facette im Oeuvre des Alleskönners – er übersetzt die Bildsprache der Pressefotografie in feinste Porträtmalerei von fast altmeisterlicher Manier.

Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch das Projekt »Reichspark«, eine abstruse Art Disneyland zwischen Erlebnispark und Darstellung des NS–Terrors zwischen 1933 und 1945. Ein schmieriger Werbefritze preist im Promotion–Video »familiengerechtes Entertainment, kombiniert mit einem wissenschaftlich fundierten Freilichtmuseum«, verspricht »originalgetreue Modelle historischer Baudenkmäler auf einer Fläche von 52 Hektar«, »mehr als 62 Attraktionen rund um das Leben im Dritten Reich« ergänzt durch »Live–Shows, Dark–Rides und Walk–in Attraktionen zu den wichtigsten Ereignissen«. Zwischen Olympiastadion, Stalingrad und Holocaust platziert liegen Restaurants, Wellness–Hotels oder ein Streichelzoo – es geht bis an die Schmerzgrenze des Erträglichen. Das Grauen des Dritten Reiches aufbereitet in leicht verdaulichen Event–Happen – darf man das überhaupt?

Doch Böhmermann wäre nicht Böhmermann, würde er nicht eine zusätzliche Ebene im Diskurs einschieben: Um Untergeschoß läuft ein Film über »Reichspark« und gibt sich als seriöse Dokumentation, in der Böhmermann und sein Team in die Rolle der kritischen Journalisten schlüpfen und sich auf die Recherche nach dem fiktiven Gründer des Reichsparks–Projektes begeben. Historiker und andere Experten kommen zu Wort. Selbstverständlich fehlt es nicht an der eindringlichen Warnung vor einer Banalisierung des Unsäglichen! Es verhält sich ein wenig wie mit dem Hasen und dem Igel – was immer man vorbringen möchte, Böhmermann hat es schon vorausgesehen und vorweggenommen. Das macht es nicht weniger verstörend.

Bleibt eine abschließende, raumfüllende Installation, die den Hauptraum in Untergeschoss mit einer ruhigen, fast schon meditativen Präsenz durchdringt. Aus einem Faxgerät quillt ohne Unterlass eine Endlos–Papierschleife, die Twitter–Nachrichten in Echtzeit ausdruckt. Das Geschwätz dieser Welt findet so seinen Niederschlag in den Massen von Papier, die, anschließend in zentnerschwere Ballen gepresst und in Plastik verpackt, überdauern als Monumente des Nutzlosen. Das hat Format.