Ausstellungsbesprechungen

Dieter Trost, Schriftstücke

Mit der Ausstellung »Schriftstücke«, die bis zum 14. September 2008 in der Galerie des Künstlerkreises Neunkirchen präsentiert wird, gewährt der saarländische Künstler Dieter Trost uns mit 53 Werken Einblick in die Welt farbintensiver Symbole und Buchstaben, die sich bisweilen in abstrakten, beschwingten Ondulationen auflösen oder auf dem weißen Grund des Papiers eine metaphysische Körperlichkeit entwickeln.

Dem Künstler ist nicht an der Bedeutung unserer Schriftzeichen und dem Wortsinn gelegen, sondern an Ausdruck, Formqualität, Dynamik und Bewegungsstrukturen, die Resultat angespannter Konzentration, aber auch unbeschwerter Spontaneität sind. Wir begegnen Psychogrammen, die bei konzentrierter Betrachtung das Seelenleben des Künstlers erahnen lassen. Tolstoi malte dazu mit Worten ein sehr zutreffendes Bild, wenn er seinem Tagebuch anvertraute: »Die Kunst ist […] das Mikroskop, das der Künstler auf die Geheimnisse seiner Seele einstellt, um diese - allen Menschen gemeinsamen Geheimnisse - allen zu zeigen.«

Wenn Dieter Trost seine Metall- oder Holzstreifen in die selbst gemischte Tusche eintaucht, dann stehen für ihn nicht Wortbedeutungen im Mittelpunkt, sondern einzig Farbe und Form sowie die Geheimnisse jenseits verbaler Kommunikation. Gleichsam erblicken wir ein lyrisch-subtiles Vokabular aus Lineamenten, Kurvaturen und Formationen, so dass glühende Farbschweife mit der Darstellung von Rhythmus, Dynamik und Geschwindigkeit spielen können – etwa in der Arbeit  »Widmung Q«, die sich im ersten Ausstellungsraum befindet. In einem gesättigten, dunklen Rot wurde die kreisartige, nach oben hin offene Struktur des Buchstabens im Zentrum formuliert.

Um diese Grundform ranken sich nun ornamentale, an manchen Stellen in die Abstraktion führende Schriftzüge. Zum rechten Bildrand hin wird der Blick des Betrachters mit einer gelben Partie von Symbolen in den Raum geöffnet – was so lautlos am linken Bildrand begann, hat sich zu einem rhythmisierten, vitalen Geflecht aus Farb- und Formklängen entladen.

Bei der Arbeit »Rustical« dagegen ist die Bewegung nicht vertikal, sondern horizontal: Die breiten, am unteren Bildrand sich erstreckenden schwarzen Tuschestreifen bringen ein sich nach oben öffnendes, expressives Schriftzeichen hervor, das ein diagonales Linienfeld – möglicherweise landwirtschaftliche Parzellen – und einen in Ocker gestalteten Schriftzug durchbricht.

Im oberen Bildfeld wird dieses Abstraktum von leuchtenden gelben Farbzügen umspielt, so dass beim Betrachter Assoziationen an eine von Sonnenstrahlen überflutete, surreale Landschaft entstehen können – aber nicht müssen. Denn Dieter Trost versteht seine Titel nicht als Einschränkungen, sondern als Anregungen und Ideenanstöße für den Betrachter.

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Was verbirgt sich beispielsweise hinter dem Titel »Einsicht«? Wir sehen in der oberen linken Bildecke eine rote Farbpartie, die von schwarzen, weit auslaufenden Tuschezeichen teilweise überdeckt ist. Vielleicht eine hitzige Diskussion, zu deren Ausgangspunkt die beiden Antipoden impulsiv auf ihrem jeweiligen Standpunkt beharren. Im weiteren Verlauf werden die schwarzen Tuschezüge zusehends aufgehellt, erhalten einen filigraneren Duktus. Wenn wir unser Auge schließlich in die rechte Bildecke unten wandern lassen, so werden wir möglicherweise einer toleranten, einsichtigen Haltung der beiden Dialogpartner gewahr.

Bei der Arbeit »Mira« begegnet uns ein ziseliertes, schwarzes Schriftfeld, das ein Fünftel des Bildbodens ausfüllt.Aus dieser Ballung an Symbolen erwächst eine in tiefem Rot gestaltete, mit Verve zu Papier gebrachte und sich nach oben verjüngende Formation. Bei »Sea-Mail« legt der Künstler mit allem Nachdruck den Fokus auf die Kraft der Linienbewegung und die koloristische Leuchtkraft.

Die sich gleichmäßig aneinander reihenden blauen Zeichen suggerieren das Spiel der Wellen, die sich in einem Augenblick kraftvoll aufbäumen und im nächsten schon wieder sanft abgleiten und sich mit den Tiefen des Meeres vereinen. In direkter Verbindung zur »Sea-Mail« steht die im zweiten Ausstellungsraum befindliche Arbeit »Solar«, die in ihrer gleichmäßigen, meditativen Linienführung eine Parallele erkennen lässt. Allerdings ist diese Zeichnung durch warme Gelb- und Ockertöne und eine reduzierte, zerfließende Bewegung gekennzeichnet, die an das wohlige Gefühl bei der Begegnung mit den sanften Strahlen der Sonne erinnert.

Auch wenn die mit »Lösung« betitelte Zeichnung einzelne Buchstaben zu erkennen gibt, gelingt es Dieter Trost dennoch, nicht vom eigentlichen Geschehen auf dem Papier durch Wortbedeutungen abzulenken, sondern auf die kalligrafischen Wurzeln zu verweisen: In einer Gruppe aus kleinen, ockerfarbenen Lettern setzt der Künstler im rechten unteren Bildfeld ein und leitet unseren Blick zu den darüber thronenden, großen Schriftzeichen, die als »Lösung« die Gesamtkomposition dominieren. Eine gleichfalls aufsteigende Bewegung können wir bei dem Werk »Erhebung« beobachten, dessen Titel Programm ist. Aus einer ausbalancierten Verharkung rot-grüner Lineamente erwächst beziehungsweise erhebt sich eine imposante, klar konturierte schwarze Schrift, die mit einem filigranen Farbfaden beinahe den oberen Bildrand erreicht. Ist die Basis – sei es nun eine politische, wirtschaftliche oder kulturelle – in ihrem Handlungsspielraum, ihrer Freiheit noch eingeschränkt, so symbolisieren die schwarzen Buchstaben das Aufbegehren.

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Dicht gedrängt sind dagegen die grünen Zeichen in der Arbeit »Einfluss«. Dieter Trost vermag in dieser Tuschezeichnung durch den diagonal von rechts oben in das Bild eindringenden grünen Farbstrahl der Gesamtkomposition eine expressive Eigendynamik verleihen. Hier gibt es keinen Stillstand – alles ist in Bewegung: Sei es nun das Zittern der Schriftzüge, das koloristische Wechselspiel von kraftvollem Dunkelgrün zu einem blassen Oliv oder der wie ein Blitz in das horizontale Schriftbild einschlagende Farbschweif.

Beim Weitergehen gelangen wir schließlich zu der Arbeit »Tree-Logie«, bei der es Dieter Trost am eindringlichsten gelungen ist, mit Symbolen reale Bildwelten erfahrbar zu machen. Unterstrichen wird dies zusätzlich durch den gewählten wortspielerischen Titel. Ein Baum, aufgebaut aus Kunstzeichen, ist eine Metapher für kulturelles Leben und damit einhergehend ein Hoffnungszeichen für Kunst und Sprache. Der Künstler demonstriert auf nonverbalem Wege die Verwurzelung des Menschen in seiner Kultur, indem er deren bedeutenden Träger – nämlich unsere Sprache – in ein ästhetisches Bildkunstwerk verwandelt. Dass Dieter Trost sich künstlerisch bereits über viele Jahre hinweg mit diesem Kunsttransfer beschäftigt hat, kann der Ausstellungsbesucher in Arbeiten wie »Agricolae«, einer Collage aus dem Jahr 1999 oder »Polyphon II« von 1990 beobachten, in denen der Künstler antiken Schriften nachspürt oder die spannende Überlagerung, eben die »Vielstimmigkeit« von Zeichen, erprobt.

Insgesamt ist der Galerie des Künstlerkreises Neunkirchen mit »Dieter Trost. Schriftstücke« eine beeindruckende, umfangreiche Ausstellung gelungen, die auch einen kritischen Besucher durch die wohl strukturierte Präsentation und natürlich die qualitativ hochwertige Kunst überzeugen wird!

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Samstag 11-15 Uhr

Mehr im Netz:
http://www.dietertrost.de