Meldungen zum Kunstgeschehen

Diskussion um großen Caravaggio-Fund

Gleich 100 Zeichnungen von Caravaggio mit einem angeblichen Wert von 700 Millionen Euro möchten zwei italienische Kunsthistoriker in einem Mailänder Schloss entdeckt haben, wie die Nachrichtenagentur Ansa am Donnerstag meldete. Andere Experten sind eher kritisch.

Seit zwei Jahren haben Forscher unter Federführung von Bernadelli Curuz und seiner Kollegin Adriana Conconi Fedrigolli den Corpus der Peterzano-Sammlung im Mailänder Castello Sforzesco akribisch mit den gesicherten Werken Caravaggios verglichen. Dieser war im Jugendalter ein Schüler Simone Peterzanos. Nach der Begutachtung von Details wie Fingernägeln, Augen und Schraffuren konnten schließlich hundert Blätter mit dem römischen und neapolitanischen Spätwerk Caravaggios kurzgeschlossen werden. Das Expertenpaar will mit Hilfe eines Computers ein "geometrisches Regelwerk" in den Zeichnungen identifiziert haben, eine Art künstlerische DNS, die jeder Maler besitze. Zudem seien verschiedene Motive, u.a. Kopfstudien, wiedererkennbar, die Caravaggio in späteren Gemälden wiederaufgegriffen habe. Die Werke werden auf der Website http://www.giovanecaravaggio.it/ und sogar als E-Book bei Amazon unter dem Titel »Der junge Caravaggio - Hundert wiedergefundene Werke« in gleich vier Sprachen zum Download bereitgestellt.

Angesichts der Flut von angeblichen Caravaggio-Werken äußerten mehrere Kunsthistoriker und die italienischen Zeitungen La Repubblica und La Stampa aber bereits Zweifel an der Echtheit und forderten weitere Überprüfungen. Die Kunsthistorikerin Maria Teresa Fiorio meinte, dass es sich ebenso um Zeichnungen von Peterzano handeln könne.

Caravaggio (1571-1610), eigentlich Michelangelo Merisi, stammte aus einer Kleinstadt unweit Mailands, deren Namen er trägt. 1584 ging er in Mailand bei dem Maler Simone Peterzano in die Lehre. Von den Stillleben, die er den Biografen zufolge in diesen Jahren gemalt haben soll, konnte sich keines als Arbeit Caravaggios durchsetzen. Erst aus seiner Zeit in Rom, wo sich der Maler 1592 niederließ, können Werke seinem Namen zugeschrieben werden.

Was an dem Mailänder Fund interessant ist, so die Caravaggio-Expertin Valeska von Rosen in der SZ, sind die Zeichnungen, die nun in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt werden. Denn Caravaggio ist als Maler bekannt, der vorgeblich nie zeichnete. Wenn nun anhand von neuem Material untersucht werden könnte, wie Caravaggio bei Peterzano im Zeichnen geschult wurde, wäre das ein Gewinn für die Forschung - völlig unabhängig von der Frage, ob die aufgefundenen Blätter wirklich von Caravaggio oder einem anderen Schüler Peterzanos stammen. Die Bestimmung der Autorschaft wird aufgrund fehlender gesicherter Referenzobjekte ohnehin schwierig.