Buchrezensionen

Doris H. Lehmann/Grischka Petri (Hrsg.): Eklektizismus und eklektische Verfahren in der Kunst, Georg Olms Verlag 2012

Wer kopiert, der stiehlt - oder nicht? Gibt es nicht schon immer eine künstlerische Technik, die sich auf ältere Vorbilder und Traditionen beruft, sie zitiert, verformt und kopiert. Nicht immer wurde ein solcher Eklektizismus negativ bewertet. Und genau das beweist der Sammelband. Marco Hompes hat sich in das spannende Thema eingelesen.

»Good artists borrow, great artists steal«. Dieser Satz wurde bereits vielen Künstlern in den Mund gelegt. T.S. Eliot soll ihn geprägt und Pablo Picasso ihn für sich gebraucht haben. Martin Kippenberger nutzte ihn in Bezug auf das Werk Cosimas von Bonin, während Steve Jobs mit ihm das Erfolgsgeheimnis des Apple-Imperiums erklärte. Egal, welche dieser Versionen nun Mythos und welche Realität sind, der Satz als solcher trifft ein zentrales Dilemma der Kunstgeschichte. Es geht dabei im Kern um die Frage, inwiefern vorhandene Ideen für ein neues Kunstwerk genutzt werden dürfen und ab welchem Moment eine Arbeit als Plagiat zu bezeichnen ist.

Das Kombinieren bereits vorhandener Teile war lange Usus in der Kunstproduktion. Mit der Moderne wurden jedoch Bezeichnungen wie »Originalität« zur Losung für den guten und erfolgreichen Künstler. Heute scheinen wir mit uns zu hadern: Ist Wolfgang Belltracchi genial oder kriminell? Ist die Kombination von mediterranen Dekorationselementen und skandinavischen Möbelklassikern bei der Inneneinrichtung chic oder furchtbar? Ist das Sampling in der Popmusik ein Zeichen mangelnder Kreativität oder eine Inspirationsquelle?

Das Buch, das im Zusammenhang mit einer Fachtagung im Jahr 2009 in Bonn steht, verfolgt die Spuren des Themas durch die Kunstgeschichte. Ziel ist es dabei, den negativ konnotierten Begriff zu rehabilitieren. Deutlich wird, dass der eklektische Umgang mit der Vergangenheit in jeder Epoche anders verhandelt wurde, dass aber jedes Zitat auch viel über die Gegenwart aussagen kann.

Als Urvater dieser Technik kann Zeuxis gelten. Der Legende nach soll der Maler für eine Darstellung der Helena die fünf schönsten Frauen der Stadt Kroton eingeladen und deren jeweils schönsten Attribute kombiniert haben. Diese Geschichte eines »Best-Of-Prinzips« wurde über die Jahrhunderte hinweg gerne instrumentalisiert, um eine eklektische Kunstpraxis zu rechtfertigen. Doch was genau ist damit gemeint? Im Buch wird erläutert, dass es sich um ein mehrstufiges Verfahren handelt: In einem ersten Schritt wird das historische Material gesichtet. Es folgt die Auswahl der einzelnen Teile, die danach der eigenen »idea« angepasst und schließlich umgeformt und miteinander verschmolzen werden.

Zwar ziert eine Darstellung der Zeuxis-Legende das Cover der Publikation, doch zeitlich setzt der Band an anderer Stelle an. Die streng chronologische Reihung der Aufsätze beginnt mit dem deutschen Barock. In seinem Text zur Architektur dieser Epoche stellt Meinrad von Engelberg überzeugend verschiedene Typen eklektizistischer Verfahren vor. Das ist bei ihm zunächst der sogenannte demonstrative Eklektizismus, wie man ihn beispielsweise in Bruchsal am Residenzschloss erleben kann. Die einzelnen architektonischen Zitate sind hier noch als solche zu erkennen, wodurch eine spezifische Lesart forciert wird. Anders ist dies bei der synthetisierenden Variante. Bei dieser verschmelzen die Einzelteile zu einer unauflösbaren Einheit. So können beispielsweise französische Ornamentik, italienische Freskoelemente und deutsche Holzschnittkunst als ineinander verwobener Komplex erscheinen. Beim aemulativen Eklektizismus soll das historische Vorbild noch zu erkennen sein. Der neue Bau soll indes aber den vorausgegangenen übertreffen, um das Können des Architekten zu demonstrieren. Als Beispiele hierfür nennt der Autor die Dresdner Frauenkirche oder die Würzburger Residenz. Von Engelberg macht deutlich, dass im Barock das künstlerische Ideal nicht im kreativen Erfinden, nicht im gänzlich Neuen lag. Vielmehr war ein Architekt besonders gut, wenn er die verschiedenen historischen Stile und Gattungen kannte und virtuos mit ihnen zu spielen wusste.

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Auch in Anastasia Dittmanns Beitrag zu Sir Joshua Reynolds und dessen Rückgriff auf den Apoll von Belvedere liest man von ähnlichen Prinzipien. Der bekannte englische Maler unterschied ebenfalls zwischen imitatio, aemulatio und superatio, also dem Imitieren, dem Verschmelzen und dem Übertreffen. Zugleich erläuterte er, dass sein Ideal des »borrowing« sich vom Plagiat unterscheide, da Letzterem die Erfindungsgabe (inventio) fehle.

Lange galten derartige Vorstellungen als selbstverständlich. Erst im 19. Jahrhundert begann eine stärkere Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten und eine Diskussion um die philosophische Verortung dieser Praxis. In einem äußerst lesenswerten und fachkundigen Aufsatz von Yves Schoonjans erfährt der Leser, wie in europäischen Architekturzeitschriften des 19. Jahrhunderts ein Legitimationsrahmen für den (gelehrten) Eklektizismus gefunden wurde. Inhaltlich definierte sich dieser durch einen Dreiklang zwischen der künstlerischen Freiheit, dem Respekt für die Vergangenheit und dem Glauben an den Fortschritt.

Genau in dieser Epoche beginnt sich die Wertung des Wortes Eklektizismus zu wandeln. Er wird zum Kampfbegriff, wie Hiltrud Kier schreibt. In ihrem Aufsatz legt die Autorin dar, wie die Bezeichnung ab etwa 1850 nach und nach einen pejorativen Charakter erhielt. Vor allem mit dem Jugendstil um 1900 galt das bis dahin gängige Zitieren als »Babylon der Stile«, als »charakterloses Nachäffen« oder auch als »Mischmasch«. Immer wieder drehten sich die damaligen Diskussionen um die Frage, die Heinrich Hübsch einst stellte: »In welchem Style sollen wir bauen?«. Wunderbar verdeutlicht Kier, dass Kunst- und Bauhistoriker mit der Architektur dieses Zeitraums lange nicht wertfrei umgehen konnten. Nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete Hans Sedlmayr beispielsweise die Bauten der Wiener Ringstraße noch immer als »wildeste Wucherung der Stilmaskeraden«.

Den Höhepunkt erlebte diese Entwicklung in den klassischen Avantgarden, die gemeinhin als Verfechter des Neuen und der Originalität gelten. Doch auch hier lassen sich einzelne Beispiele einer kreativen Neunutzung bekannter Stile entdecken. Debbie Lewer nimmt in ihrem Text die Aufführungen der Zürcher Dadaisten unter die Lupe, während Anna-Sophie Laug Max Ernsts Collagenromane auf ihre Einzelteile untersucht.

Den Abschluss der Publikation bildet Anne-Marie Bonnets spannender Text über postmoderne Bauten der 1980er Jahre. Beispielhaft führt sie Gebäude wie James Stirlings Staatsgalerie in Stuttgart und Hans Holleins Bau für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach an. Deren Umgang mit Architektur verdeutlicht, wie bewusst und offensichtlich Architekten dieser Jahre Stilelemente mixten. Die Autorin definiert dieses Vorgehen nicht als Stil, sondern als Bewusstseinszustand einer postindustriellen Gesellschaft, in der allerorts Grenzen verschwinden und Strukturen diffus zu werden scheinen.

Am Ende der Lektüre gewinnt man den Eindruck, dass es gar eine allgemeingültige Definition des Eklektizismus geben kann. Vielmehr ist er eine historisch instabile Variable, die immer wieder neu verhandelt werden muss. In diesem Sinne ist der Band als Definitionsversuch aus einer heutigen wissenschaftlichen Perspektive zu verstehen. Leider wirkt die Publikation selbst ebenfalls eklektizistisch. Stichprobenartig werden verschiedene Fallbeispiele aus drei Jahrhunderten abgebildet. Jedes für sich ist spannend, auf das Thema des Buches bezogen stellt sich die Frage des Mehrwerts. Denn dass Künstler sich auch über die Moderne hinaus an der Antike schulten und dass der Begriff Eklektizismus nicht immer nur negativ verstanden wurde, das ist nichts Neues. Vielmehr knüpft die Publikation an einen etwas betagten postmodernen Diskus an, bei dem alle philosophischen Ecken und Kanten abgeschleift wurden.