Buchrezensionen

Ein Künstler, ein Verlag, zwei Kataloge: Adrian Ghenie, 2014 | Adrian Ghenie – Darwin's Room, 2015, beide Hatje Cantz

Adrian Ghenie ist einer der derzeitigen Stars der Kunst: Zum Beispiel schmücken seine Werke den rumänischen Pavillon auf der Venedig Biennale. Mit kreativen Mitteln lotet er die Kluft zwischen »großer« Geschichte und subjektivem Erleben aus, seine Bilder rufen irgendetwas zwischen Faszination und Verunsicherung hervor. Kein Wunder also, dass der Hatje Cantz Verlag ihm innerhalb eines Jahres zwei Kataloge widmet. Raiko Oldenettel hat sie sich angesehen und ist in die verstörende Bildwelt Ghenies eingetaucht.

Der Hatje Cantz Verlag führt mit drei Veröffentlichungen eindeutig gegenüber anderen Verlagen und auch Ausstellungshäusern, die sich mit dem Künstler Adrian Ghenie befassen. Innerhalb von sechs Jahren hat man dem aufsteigenden Künstler international neun Publikationen gewidmet. Tendenz steigend. Zeit also den Tabellenführer Hatje Cantz unter die Lupe zu nehmen. Welchen besseren Anlass gäbe es, wenn nicht die Biennale des laufenden Jahres, um dies zu tun? Zur Hilfe eilt dazu noch der Katalog aus dem Vorjahr, weil er auch ohne den aktuellen Anlass Adrian Ghenie beleuchtet.

Beim Öffnen des 2014er Katalogs mit dem Titel »Adrian Ghenie« scheint etwas nicht zu stimmen. Gleich nach der Schmutzseite folgt eine Hochglanzabbildung. Danach noch eine. Und noch eine. Ich vermisse Text, Einleitung, Impressum. Nun, vermissen klingt vielleicht zu hart. Ich suche auf jeden Fall den »Anfang«. Aber spätestens mit dem fünften Bild habe ich vergessen zu suchen. Es ist wie ein Daumenkino ohne erkennbaren Film, in den ich hineingeraten bin. Stills und Frames aus Filmen, die ich nicht kenne. Schlimmer noch: Da ich mich zum ersten Mal mit dem Künstler befasse, habe ich keinerlei Ahnung, ob die Bilder, die mich da gefangen halten, Ausschnitte der Werke sind oder sie in Gänze abbilden. Später erst lernen wir, dass Ersteres der Fall ist. Was der Verlag direkt zu Beginn des Katalogs da macht, ist mitnichten bloßes Ausprobieren gestalterischer Mittel, es hat Bezug. Den muss man sich nur erarbeiten. Die ungewohnt lange Bilderfahrt endet mit einem Selbstporträt des Künstlers, gefolgt von einer Schmutzseite und dem Deckblatt. Dahinter dann endlich Worte. Habe ich sie wirklich so vermisst, dass es mir wert ist, hier in extenso darüber zu schreiben? Wahrscheinlich schon. Adrian Ghenies Kunst macht den Eindruck von Willkür, Wut, Einsamkeit, Melancholie, sie zerfasert Altes und fügt Neues dermaßen opulent und eindringlich dazu, dass ich an die Hand genommen werden will.

Der erste und einzige Beitrag des Katalogs, direkt nach der sehr informativen Einführung, scheitert daran grandios. Bald könnte man denken, in der Hoffnungslosigkeit des Erklärungsversuches macht der Autor eine Rolle nach vorne und drei zurück. Ich kann nicht folgen. Klar, der Text ist auf Englisch und trotz allerbesten Verständnisses sind viele der Worte fremd, manche klingen ausgedacht, erweisen sich aber als besonders alt und allein beim Aussprechen ermüdend. Das macht aber dann irgendwann nichts mehr. Immerhin bekomme ich Begriffe an die Hand, auch wenn ich sie mir mühselig erschließen muss. Das flache, pastose Geschmiere von Adrian Ghenie wird zum Gewand auf der Leinwand. Zum barocken Spiel mit den Texturen, in der sich der Betrachter verlieren kann. One frame at a time, sozusagen, wird hier in sogenannten Skizzen, Studien und dann vollendeten Werken die Geschichte des 20. Jahrhunderts untersucht, durch den Kakao gezogen, durch unpassenden Witz in Frage gestellt. Von Abziehbildern ist die Rede, oder von der Qualität der Leinwand und der wiedergebrauchten Leinwand als Palimpsest der historischen Betrachtung. Man kennt die Männer und Frauen auf den Gemälden. Aber ihre Gesichter zerfließen, oder sie sind überlagert mit etwas, das sich anfühlt wie Sahnetorte. Kein Wunder, denn in den »Pie Fights« ist eine Menge von der düsteren Spielweise, die oben erwähnt wurde. Der Frust des Unverständnisses wird immer größer. Ich habe da am Anfang die Bilder gesehen, verstehe den Text nicht – widerliches Gefühl übrigens, das einem zum Glück hin und wieder zeigt, dass man ständig lernen und sich verbessern kann – und wann kommen endlich die Gemälde ins Spiel? Erwähnt werden sie ja alle Nase lang. Also durch den Text hindurch und in die Bilder rein. Von einer Irritation in die nächste. Das fühlt sich an wie vom Wattenmeer in Treibsand geraten. Kaum ein Strauch oder Ast wird gereicht, ich versinke.

Und komme dadurch endlich an.

Mark Gisbourne, der Autor des so verschlungenen Texts, braucht einen zweiten Anlauf. Er braucht ihn aber nicht, weil er sich selbst zu schwer macht, oder man beim Umblättern auf die kommende Seite wieder vergessen hat, was er aussagen wollte, sondern weil er es mit Adrian Ghenie nicht einfach hat. Die Verführung der Texturen, die historischen Verschiebungen der Inhalte, die plötzliche Einsamkeit in den Gemälden, das alles sind Momente, die auszuhalten Kraft kosten. Also stemmt man Worte dagegen, wie Balken in einen auszugrabenden Tunnel. Ist man erst einmal auf der Seite von Gisbourne und kann, mit den Bildern jetzt im Hinterkopf, der Argumentation folgen, so steckt man unmittelbar(er) drin. Eine klare Leseerfahrung also. Dadurch kommt man dem Daumenkino am Anfang auf die Schliche, man erfährt von Ghenies Begeisterung für das Medium Film, von den komischen Kinostreifen, aus denen er sich die »Pie Fights« entlehnt hat, von seiner Jugend, seinem Streben, man erfährt ebenso, dass die Studien, die er auch als solche bezeichnet, teils keine sind. Sondern ganze, fertige und somit eigenständige Werke.

Was passiert also, wenn man einen wie Ghenie den Pavillon Rumäniens auf der Biennale gestalten lässt? Oder besser noch: Was für einen Katalog macht ein Verlag daraus? Was kann ich erwarten, wenn kluge Köpfe immer neue Details finden und Adrian Ghenie sich offensichtlich nicht scheut über alles zu reden und es genauso detailreich in Interviews auszuführen?

Fortsetzung von Seite 1

»Adrian Ghenie – Darwin’s Room« heißt der Katalog von 2015. Da klingelt es. Bereits im vorherigen Band gab es Abbildungen zum Thema. »The Death of Charles Darwin« heißt ein Gemälde da. Es ist von 2013 und wurde als Coverabbildung genutzt. Darwin ist eine dankbare Figur für das Spiel mit Erkennbarkeit und Verschiebungen für Ghenie. Er nutzt seine distinktiven physiognomischen Eigenschaften, die darüber hinaus durch Pressebilder, Karikaturen und historische Aufnahmen im kollektiven Bildgedächtnis verankert sind, und verfremdet sie bis zu dem Moment hin, dass er Gefahr läuft ihn unkenntlich zu machen. Vielleicht ist er manches Male sogar schon davor. Doch in dem erwähnten Gemälde ist das nicht der Fall. Darwin steht an einem Ufer, an einem Fluss, hinterfangen von einer Brücke. Die Landschaft ist ruckartig gemalt, der Brückenstein glatt, insgesamt ist alles grau, weiß, schwarz. Nur das Gesicht von Darwin wird von einer fließenden, fliederfarbenen Masse dominiert. Sein Bart ausgenommen.

Wir erfahren viel über die Beziehung von Darwin und Ghenie aus den Interviews, die den Katalog bereichern. Sie stellen ihm, besonders in der ersten Hälfte, die richtigen und spannenden Fragen, die wertvolle Antworten erwarten lassen, und diese auch bekommen. Darwin ist nach Ghenies Einschätzung ein Beispiel für eine Leidensfigur. Ein brillanter Mann, gequält von ständiger Krankheit, insbesondere von einem ihn ununterbrochen heimsuchenden Hautausschlag. Kaum hatte Ghenie von diesem und von den andere Krankheiten erfahren, hatte er die Textur für Darwin im Kopf. Sehr wohl, wir sprechen hier von einer Textur. Manchen von uns fällt es schon schwer in Farbflächen, oder groben geometrischen Anordnungen zu denken, aber Ghenie erobert seine Leinwand mit einer Textur. Eine Schichtung mehrerer Farben, Prozesse und auch Zufällen, die sich in seiner Vorstellung bereits angekündigt haben. Er nimmt aber nicht nur Gesichter auseinander. Landschaft, Gegenstand, Form und Inhalte, sie alle sind Gegenstände in einem nicht enden wollenden Experiment.

Ghenie ist auf der Suche nach dem genuin Neuen, das man seiner Aussage nach noch vor kurzem erreichen konnte. Der anhaltende Wahn der Rekombination hat für ihn noch nichts davon hervorbringen können. Aber das stört ihn nicht. Er will sich auf die Schmelztiegel konzentrieren, seine Gemälde, die scheinbar unzusammenhängende Dinge verbinden und ihnen sinnstiftende Kräfte verleihen. Letztlich nimmt er sich also Darwin auch als Warnung an, hören wir heraus. Ein Mann, dessen Weg beschwerlich war, der großartige Theorien ersonnen hat, der aber auch durch die Gesellschaft als Affenmensch bezeichnet wurde und dessen Werk, besser gesagt die Natur seines Werkes, sogar die faschistoiden Grundmauern einer Rassengenetik ermöglichten. Diese Umkehr der Dinge herrscht weiter vor. Die Monumentalität von Dingen wandelt sich in pathologische Dekadenz. Die reinigende Karthasis wird zum Grotesken. Das Sublime, eigentlich Unspürbare, macht sich auf den besten Weg zur Heuchlerei und zum falschen Statement zu werden. Deswegen fühlt man bei der Betrachtung der Werke auch diese wütende Fluchtbewegung ins Melancholische.

Zum Glück muss er nicht immer nur malen. Er redet auch gerne. »I would get terribly bored if I were to discuss nothing but painting«, erklärt er uns und findet auch zu jedem anderen Thema einen geistreichen Einstieg. Ein Mensch also, mit dem man sich gerne über die aktuelle Politik, aber auch die Verfehlungen der Geschichte unterhalten mag.

Was der Katalog besonders gut macht, ist das Fließende des Rundgangs in der Biennale zu übersetzen. Wir bekommen Eindrücke des Ortes, der Ausstellungsräume, wir bekommen zwischendurch Gemälde und Ausschnitte. Alles durchzogen von Interviews und gut editierten Texten. Was allerdings fraglich bleibt, ist die Wahl der Druckfarbe für den Text. Man sollte den Katalog nicht im hellen Sonnenlicht lesen, und auch nicht bei Schreibtischbeleuchtung. Am besten gar kein direktes Licht von irgendwoher, denn man hat sich für weite Strecken des Katalogs ein Bronze ausgesucht und wenn man den Katalog dann hin- und herschwenken muss, weil man ein Wort nicht entziffern kann, dann unterbricht das den Gedanken.

Das aber nur am Rande. Beide Kataloge haben ihre Längen, beide haben ihre Schwächen, doch den aktuellen kann ich durchaus auch vom Preis her empfehlen. Die Abbildungen sind wie immer fantastisch – nicht so ist das beim Katalog vom Vorjahr stets der Fall – und wenn man der Schweizer Bindung eine Chance geben will, dann bitte mit diesem Buch! So kann man auch beide empfehlen, nimmt der eine doch dem anderen die Schwächen und wirken beide gegenseitig vielfältig aufeinander. Ganz wie es die Beziehungen der Malgründe bei Ghenie tun. Die Hauptsache ist, man geht nicht verloren.