Buchrezensionen, Rezensionen

Erik Forssman: Edle Einfalt und Stille Größe. Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst von 1755, Rombach Verlag 2010.

Der große deutsch-schwedische Kunsthistoriker Erik Forssman hat sich im Rahmen der Reihe "Quellen zur Kunst" (herausgegeben vom Rombach Verlag) mit dem schriftstellerischen Werk und der Wirkung von Johann Joachim Winckelmann auseinander gesetzt. Ulrike Schuster hat das Buch für Sie gelesen.

Forssman © Cover Rombach Verlag
Forssman © Cover Rombach Verlag

Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen stehen die 1755 erschienenen »Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst« – Winckelmanns erste gedruckte Schrift, die offenbar bei ihrem Erscheinen einen Nerv der Zeit getroffen hatte und eine Schlüsselrolle in der Kunsttheorie des deutschen Klassizismus einnehmen sollte.

Freilich sind die »Gedanken« für einen heutigen Leser nicht mehr ohne weiteres zugänglich. Der Kunstbegriff und die Ideale, die Winckelmann und seine Zeitgenossen vertraten, sollten vom 19. Jahrhundert beiseite geschoben und von der Moderne hinweggefegt werden. Erst das fortgeschrittene 20. Jahrhundert hat den Klassizismus der Winckelmann’schen Prägung einer eingehenden Untersuchung und einer kritischen Würdigung unterzogen.

An dieser Wiederentdeckung war Erik Forssman (geb. 1915) bereits vor über einem halben Jahrhundert mit seinen bedeutenden Schriften zu Architektur- und Kunsttheorie beteiligt, und er hat sich immer wieder mit der Thematik auseinandergesetzt. So ist es ihm auch in seinem neuesten Buch ein Anliegen, den kunsttheoretischen und ästhetischen Anspruch Winckelmanns aus heutiger Sicht zu untersuchen. Seine Ausführungen verstehen sich, wie er selbst schreibt, als Versuch, den Text im Zusammenhang mit Ort und Zeit seiner Entstehung zu sehen und aus den geistigen Voraussetzungen seines Verfassers heraus noch einmal neu zu lesen.

Systematisch geht er in den ersten Kapiteln auf den historischen Kontext und die biographischen Rahmenbedingungen ein. Winckelmann schrieb seine »Gedanken« im Frühjahr 1755 innerhalb nur weniger Wochen nieder, während er noch in Dresden weilte und mit den Vorbereitungen auf seine langersehnte und doch immer wieder hinausgezögerte Reise nach Rom befasst war. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass er bis dahin wahrscheinlich nur sehr wenig Gelegenheit hatte, antike Kunstwerke im Original zu studieren. Zwar hatte er Zugang zur Dresdener Antikensammlung, diese soll jedoch mehr schlecht als recht in einem Depot untergebracht gewesen sein.

Ganz im Allgemeinen war im 18. Jahrhundert der Bestand an antiker Plastik nur bruchstückhaft anzutreffen, unübersichtlich und oft auch unsachgemäß restauriert. Griechische oder hellenische Originalplastiken fand man nur äußerst selten vor, ansonsten war man auf römische Kopien angewiesen. Gut denkbar ist für Forssman deshalb, dass sich Winckelmann zusätzlich an grafischen Reproduktionen orientierte.

Dennoch vermochte Winckelmann aus dem wenigen, das er sah, eine Genealogie des Altertums erstellen, die bis heute nachhaltigen Einfluss auf die Kunstwissenschaften ausübt. Er war der erste, der nicht generell von der Kunst der Alten sprach, sondern ausdrücklich zwischen Römern und Griechen unterschied, und nur die letzteren sollten in seiner Kunsttheorie das Maß aller Dinge darstellen.

Er verfasste damit nicht nur einen der frühesten archäologischen Essays, sondern verfolgte mit seiner Schrift zugleich didaktische Absichten. Seine Ausführungen verstanden sich vor allem auch als Streitschrift gegen die vorherrschende Kunst des Rokokos. Darüber hinaus wollte er das zeitgenössische Publikum bei der Bildung von ästhetischen Urteilen anleiten und den Künstlern den Weg einer neuen Kunstrichtung weisen, die sich an der Nachahmung der alten Griechen orientierte.

Forssman dringt, fesselnd und scheinbar mühelos, in den Geist der Winckelmann’schen »Gedanken« und legt dessen Positionen mit großer Klarheit und sprachlicher Präzision dar. Er bringt sie dem Leser nahe und verweist zugleich auf die große zeitliche und geistige Distanz: in der Beurteilung von Kunstwerken spielen Kategorien wie Geschmack und Schönheit heutzutage schon längst keine Rollen mehr, bei Wickelmann hingegen bilden sie den Nukleus seiner Betrachtungen.

Nachdem Forssman eingehend die Logik, aber auch die Widersprüche in Winckelmanns theoretischem Gebäude analysiert hat, widmet er sich im dritten Teil seines Buches der Wirkungsgeschichte der »Gedanken«. Der Klassizismus erlebte seine große Blüte in der Epoche der Weimarer Klassik. Doch weit darüber hinaus hinterließen Winckelmanns Schriften ihre Spuren in der bildenden Kunst. Noch in der späteren Romantik erkennt Forssman ein Streben nach »edler Einfalt und stiller Größe«. Freilich, die Konzentrierung auf das schöne Menschenbild – die sich bei Winckelmann noch dazu fast ausschließlich auf das jugendliche männliche Modell bezieht – schwand im 19. Jahrhundert rasch dahin.

Das letzte Kapitel gilt schließlich einigen kurzen Bemerkungen über den Einfluss Winckelmanns auf die deutsche Kunstgeschichte. Auch hier gilt die Feststellung, dass die Kunsthistoriker im Laufe der Zeit andere Wege und Methoden verfolgten. Dennoch gilt er als der eigentliche Urheber der Disziplin und vieles, dass in der heutigen Methodik als selbstverständlich vorausgesetzt wird, basiert letztendlich auf seinen Betrachtungen. Diese Wurzeln, geleitet durch die geschickte Regie eines großen Kenners, zurückzuverfolgen, bereitet ein außerordentliches Lesevergnügen.

Weitere Informationen

Vor 5 Jahren wurde Erik Forssman anlässlich seines 90. Geburtstages an seiner Universität in Freiburg in einer Laudatio von Hans W. Hubert geehrt. Was darin über die Schriften von Forssman gesagt wird, gilt ganz genau so auch über das neueste Buch. Zur Laudatio