Buchrezensionen, Rezensionen

Felix Saure: Karl Friedrich Schinkel. Ein deutscher Idealist zwischen "Klassik" und "Gotik", Wehrhahn Verlag 2011

Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) ist nicht nur einer der bedeutendsten deutschen Architekten, Maler und Gestalter des 19. Jahrhunderts. Vielmehr hat er auch zahlreiche theoretische Texte verfasst. In dieser Monografie wird Schinkels Denken über Geschichte, Kultur und Nation erstmalig zusammenhängend als ein Modell entworfen und exemplarisch in die Ideen- und Kulturgeschichte der Zeit eingeordnet. Christian Welzbacher hat das Buch für PKG gelesen.

Das theoretische Werk Karl Friedrich Schinkels (1781-1841) ist Fragment geblieben. So ist es für die Forschung wichtig, die verstreuten Äußerungen in Briefen, Aufsätzen, Beischriften der »Sammlung Architektonischer Entwürfe« und den Rudimenten seines »Lehrbuchs« zu sammeln, zu ordnen und, wenn möglich, zu einer Einheit zu führen. Dass es diese Einheit nicht gibt, ist mittlerweile Konsens. Es lässt sich gar mutmaßen, Schinkel selbst habe das geahnt, als er mitunter schwammig argumentierte und eine einheitliche Theorie bis zum Lebensende nicht vorlegen konnte. Deutlichstes Zeichen nach außen ist dafür das Verhältnis von „Klassizismus“ und „Gotizismus“ in seiner Architektur, die Frage also, wie in welchem Falle warum mit Geschichte umgegangen wird – und zwar in direktem Bezug auf die Gegenwart. Dass Schinkel „zwischen“ beiden Möglichkeiten gestanden habe, um im Auftrag der preußischen Könige Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. den damaligen Staat mit den Mitteln der Architektur zu inszenieren, zu transzendieren und zu historisieren, dass er also beide Möglichkeiten nutzte und nutzen konnte, offenbart bereits der Titel des hier angezeigten Buches: »Karl Friedrich Schinkel. Ein deutscher Idealist zwischen ‚Klassik’ und ‚Gotik’«. Felix Saure, sein Autor, widmet sich damit einmal mehr einem zentralen Feld der Schinkelforschung, das man getrost als Evergreen bezeichnen darf, beschäftigte es doch bereits die ersten Schinkelbiografen Franz Kugler und Gustav Friedrich Waagen.

Saures Buch ordnet Schinkels Äußerungen in den Kontext der zeitgenössischen Geistesströmungen ein und offenbart dadurch schlüssig, wie sehr Schinkels Denken vom Idealismus geprägt war. Nun wird man nicht sagen können, diese Erkenntnis stelle eine Überraschung dar. Aber es ist eben wichtig, dass die lange stillschweigend vorausgesetzte oder kursorisch abgenickte Annahme, Schinkel sei ein geistiges und ästhetisches Kind seiner Zeit gewesen – und stehe daher selbstverständlich in den großen kulturpolitischen Zusammenhängen des preußischen Reformstaates und der biedermeierlichen Restauration – hier durch ausgebreitetes Quellenmaterial Bestätigung findet.

Saure gelingt es, durch eine Fülle von Parallellektüren Schinkel an seinem angestammten Platze noch fester zu fundamentieren. Winckelmanns Griechenideal, Wilhelm von Humboldts und Schillers Bildungstheorien oder das von Fichte etablierte Konzept der Nation spiegeln sich in Schinkels Schriften ebenso wie in seinem architektonischen Werk – und dieses wird lange schon als symbolische Visualisierung des Staatsgedankens begriffen, als Überhöhung der politischen Realität ins Ideal einer Kunst, die zwar eigenen Gesetzen gehorcht, aber doch aus den Diskursen eines bestimmten intellektuellen Umfeldes heraus entsteht.

Fortsetzung von Seite 1

Dem festen Bezugspunkt des antiken Hellas antwortet bei Schinkel – analog zu Humboldt oder Hegels „Teleologie“ – das Modell der „historischen Progression“, die Geschichte und Kunstgeschichte für eine Auswertung in der Gegenwart nutzbar machte. Dass diese in der „Schinkelzeit“ entstandene Auffassung im Lauf des 19. Jahrhunderts in den „Historismus“ münden sollte, führte bei einigen Kritikern des 20. Jahrhundert dazu, Schinkel als Urahn der stilistischen Beliebigkeit zu brandmarken. Da dieser Vorwurf noch immer im Raum steht, sei gesagt, dass Saures Buch Anlass zur Relativierung gibt. Denn es zeigt, wie sehr Schinkels Denken im 18. Jahrhundert verwurzelt war, einer im Bezug auf die Geschichte vermeintlich „homogenen“, „organischen“ Epoche.

Dass Saure in seinem Resümee die Fallhöhe nutzt, um dem bedeutenden Künstler Schinkel den epigonalen, alles in allem mediokren Denker und Theoretiker zur Seite zu stellen, tut der Sache keinen Abbruch. Mit dieser Monografie liegt die (im Grunde lange erwartete) Fleißarbeit vor, über die man zwar wohlfeil sagen kann, man hätte alles schon gewusst oder geahnt. Aber früher hat sich eben niemand wirklich die Zeit genommen, es auch zu überprüfen. Saure hat es, dankenswerterweise, getan, mit der Unterstützung eines Stipendiums im Rahmen des Forschungsprojekts „Griechische Antike und deutsches Altertum im deutschen Nationalbewusstsein des 19. und 20. Jahrhunderts“ am Institut für Neuere deutsche Literatur der Universität Marburg. Sein Buch ist nun in der Publikationsreihe erschienen, die der Forschungsverbund „Berliner Klassik. Eine Großstadtkultur um 1800“ (Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) betreut. Kurzum: Die rechte Sache am rechten Fleck.

Zwei Dinge zum Schluss. Der Autor hätte gut daran getan, das Ganze erheblich zu raffen. Der Verlag wiederum hätte gut daran getan, Abbildungen in den Text einzustreuen. Auch auf einfachem Papier, wie dem hier verwendeten, lassen sich Schinkels grafische Blätter annehmbar reproduzieren. Auch, wenn sich ein solches Buch an jene Schinkelkenner und -forscher wendet, die sämtliche hier verhandelten Werke vor Augen haben, stellen Abbildungen in einem kunsthistorischen Buch doch eine elementare Bereicherung für die Argumentation des Autors dar.

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Das Buch kann über den Verlag oder den Buchhandel erworben werden.