Buchrezensionen

Florian Knauß (Hrsg.): Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt, Hirmer Verlag 2017

1000 Jahre Geschichte des Porträts erwarten die Leser des Buches und die Besucher der gleichnamigen Ausstellung. Ausdrucksstarke Persönlichkeiten geben sich hier ein Stelldichein. Walter Kayser hat sich das wunderbare Katalogbuch näher angesehen.

Der Katalog der Münchner Ausstellung über »Charakterköpfe« der Antike beginnt mit einem Stilbruch als ganzseitigem Blickfang: Francesco Totti, eine Kickerlegende des AS Rom, grüßt bei seiner Verabschiedung 2017 im Stil eines antiken Imperators, dem nach siegreichem Feldzug ein Triumphzug auf dem Forum Romanum gewährt wurde. Wäre nicht der unweigerlich tätowierte Unterarm, so sähe der Fußballprofi zum Verwechseln einem Hollywoodstar ähnlich, der für ein opulentes Remake von »Ben Hur« gecastet wurde. Da fehlt eigentlich nur noch der Sklave auf der Hinterachse des Wagens, der dem Star frech und unaufhörlich ins Ohr flüstert: »hominem te memento!« (Vergiss nicht, dass du nur ein Mensch bist!).

Auch einem antiken Bildhauer hätte der beinharte »Il Capitano« gefallen. Mit seinem kantigen Kinn, dem zerfurchten Gesicht, den Kringellöckchen über tiefliegenden Augenhöhlen hätte er gut als Modell dienen können. Was heißt also in diesem Zusammenhang »Charakterkopf«? Bedient der athletische Kicker so nicht eher ein Klischee? Was bedeuten Begriffe wie »Porträt« und »Bildnis« eigentlich? Lebt diese große Münchner Ausstellung nicht paradoxerweise von der irrlichternden Bedeutungsunschärfe solcher Worte?

Jeder Besucher der beiden Antikenmuseen am Münchner Königsplatz hat sicherlich als bleibenden Eindruck die reiche Büstensammlung im sogenannten Römersaal der Glyptothek mitgenommen. Wie an aufgespießten Trophäen geht dort der Betrachter in einem Wald von Köpfen auf Stelen umher, ein Tête-à-tête »auf Augenhöhe« (wie man heute unbedingt sagen müsste). Dieser reichhaltige Fundus ist nicht nur das Ergebnis des Wirkens des antikenbegeisterten bayerischen Königs Ludwig I. Eigens hatte seine Majestät Agenten auf solche Werke angesetzt und später in klassizistischer Manier seine Liebe für antikisierende Büsten von »homines illustri« aller Art in der »Walhalla« oberhalb der Donau fortgesetzt. Schon die im 16. Jahrhundert zusammengetragene Kaiserbüstensammlung des sogenannten »Antiquariums« der Münchner Residenz suchte ihresgleichen. Um mit diesem Pfund zu wuchern und den Schatz ihrer Bestände ins Bewusstsein zu heben, haben die Kuratoren nun aus dem eigenen Depot und aus bedeutendsten Antikenmuseen der Welt hochkarätige Leihgaben herbeigeschafft. So wird durch wunderbare Ergänzungen ein repräsentativer Querschnitt durch 1000 Jahre antiker Bildniskunst zu einem eindrücklichen Erlebnis.

Doch gilt es zunächst, die begriffliche Verschwommenheit des Ausstellungstitels als produktives Missverständnis aufzulösen. Die Unverwechselbarkeit jedes Menschen gilt uns heute als das Fundament, auf dem seine naturrechtliche Würde gegründet ist. Hält sich doch insbesondere der Westen zugute, »Individualität« und »Charakter« als philosophische Kategorien in die Welt gebracht zu haben. »Individualität« bedeutet ja nichts anderes, als dass jeder Mensch etwas »Unteilbares«, also einzigartig und damit unersetzbar sei. Unsere Gegenwart aber mit ihren täglichen Schreckensmeldungen von sinnlosem Sterben lässt oft genug daran zweifeln. Der Diskurs über den Zynismus, mit dem Naturkatastrophen und Terror Menschenleben auszulöschen pflegen, und andererseits die berechtigte Sorge um die rücksichtslose Durchleuchtung und biometrische Erfassung jedes Einzelnen müssen immer wieder neu den Begriff der »Würde« begründen.

Trügerisch ist jedoch auch die Frage nach der Mimesis im Sinne von Wirklichkeitstreue und Ausgeprägtheit individueller Züge in der künstlerischen Darstellung: Inwiefern hatte die Antike, insbesondere auch die antike Porträtkunst der Griechen und Römer, einen entscheidenden Anteil an dem, was »Charakter« oder individuelles »Porträt« heute meinen?

Bei genauerer Betrachtung wurden schon von den griechischen Naturphilosophen Empedokles oder Theophrastos »Charaktere« nur als Typen, als Charakter-Typen eben, beschrieben. Die Wortherkunft kündigt latent insofern ein ambivalentes Spannungsfeld an, als der Ausdruck zunächst den Prägestempel für Münzen bezeichnet, also das stereotyp Wiederholbare meint – und erst dann das genaue Gegenteil: Eigenart und abgegrenzte Unverwechselbarkeit. Unmittelbar nach Herrschaftsantritt der römischen Kaiser wurden Münzen mit ihren Bildnissen geprägt, um die Legitimität eines neuen Herrschers zu verbreiten. Dabei zielten sie nicht auf individuelle Ähnlichkeit, sondern auf ein zeitloses Ideal, mit dem man sich einer bestimmten dynastischen Tradition und Familienzugehörigkeit einschrieb. Die Bildung eines Charakters ist auch in der »Nikomachischen Ethik« des Aristoteles ein mühsamer und langwieriger Prozess, in dem erst allmählich, durch immer neue ethische Bewährungsproben und Selbsterziehung so etwas wie die Persönlichkeit ausgeprägt werden kann.

Nicht weniger schillernd und irreführend ist der Ursprung des Wortes »Porträt«, bedeutet doch das lateinische »portrahere« soviel wie »hervorziehen« oder »ans Licht bringen«. Was wird hier ans Licht gebracht? Die Einzigartigkeit der äußeren Erscheinung oder das »eidon«, das man sich gemacht hat und dem das Porträt zu entsprechen hat?

Tatsächlich waren die meisten Büsten der Griechen nichts weiter als passgenaue oder angepasste Einsatzköpfe für Statuen. Mit anderen Worten: die plastischen Bildnisse waren austauschbar und nur insoweit physiognomisch ein »echtes« Konterfei, als sie einem Image oder konstruiertem Ideal folgen wollten, das den Menschen unabhängig von ihrem Aussehen zugesprochen wurde. So entstanden die typischen Strategen-, Dichter- und Philosophenköpfe oder auch die Muster, denen ein Herrscherbild Folge zu leisten hatte. Hinzu kommt, dass sich vor allem die Römer darin übertrafen, die Werke der bedeutendsten griechischen Bildhauer wie Polyktet, Praxiteles, Phidias oder Lysippos durch möglichst getreue Kopien zu vervielfältigen.

Das Buch ist im hinteren Teil als Katalog angelegt. Es überzeugt durch nahezu 1000 hervorragende Abbildungen und ist insofern mehr als ein temporärer Ausstellungsbegleiter. Zunächst geht es in sieben Kapiteln dem angedeuteten Problemzusammenhang und Bedeutungsverschiebungen nach. Gleich drei Aufsätze sind von Christian Gliwitzky verfasst, dem federführenden Kurator der Ausstellung. Es dauerte demnach lange, bis der Ausdruck »wie aus dem Gesicht geschnitten« im heutigen Sinne die einzigartige Wiedererkennbarkeit in der physiognomischen Wiedergabe eines Antlitzes meinte. Erst in der Frühen Neuzeit, also vor gut 500 Jahren, entstand der Begriff des »Porträts« in moderner Hinsicht. Unverwechselbarkeit und Eindrücklichkeit traten zuvor zurück hinter dem Bedürfnis nach markanter Lebendigkeit als Ausdruck einer öffentlich wirksamen und eindrücklichen Verehrung. Das Äußere sollte in der lebendigen Erscheinung markanter Züge als eine adäquate Entsprechung das Wesen beglaubigen. Die Porträtbüste als verkürzte Form einer Statue wurde ins Geistige erhoben und idealisiert, was ja immer auch heißt: über das Einzigartige und die Vergänglichkeit des Individuums hinaus ins überzeitlich Gültige erhoben. Homer etwa wurde deshalb als »blinder Sänger« mit geschlossenen Lidern und Greisenkopf gesehen, weil er wie niemand vor oder nach ihm als welterfahren und weise galt, als ein Sinnbild tiefer Einsicht in alle Bereiche der menschlichen Natur.

Mit dem Hellenismus wuchs das Bemühen, die Physiognomie pathetisch, emotional und psychologisierend, in einem dramatischen Augenblick, in dem sich die Affekte spiegeln, aufzuladen. Das schaffte neue Konventionen. Noch für die Spätphase der römischen Republik im letzten vorchristlichen Jahrhundert, deren Büsten wir als ungemein markant und sprechend empfinden, gilt das. So sehr auch die Gesichter von Marius, Sulla, Cicero oder Caesar, also jener Männer, die allenthalben die Geschichts- und Lateinbücher bevölkern, unverwechselbar wirken - sie sind Idealisierungen: Ihre Bärbeißigkeit und Kahlheit, ihre Stiernacken und Abstehohren und vor allem ihre hohlen Wangen mit den tief eingefurchten Mienen künden von dem, was sie gewesen sein wollten: erfahrene, aufopferungswillige, gestählte »senes«, gezeichnet von den Bewährungsproben des harten Lebens und den römischen »virtutes« wie disciplina und simplicitas.

Zugleich sind aber auch die Ursprünge von dem, was wir heute unter Porträt verstehen, mit den Römern verknüpft. Insbesondere der Totenkult, das Bedürfnis, den Verlust eines Familienangehörigen wenigstens dadurch besser verschmerzen zu können, dass ein möglichst getreues Abbild von ihm blieb, ist hier zu nennen. Die Totenmasken, die man ursprünglich mit Wachs oder Gips abnahm, im Trauerzug mitführte und im Holzschrein des Atriums bewahrte, oder auch die wunderbar farbigen Enkaustik- und Gipsporträts aus dem ägyptischen Hauwara markieren hier einen beeindruckenden Anfang und zugleich Höhepunkt des Bildnisses im modernen Sinne.