Rezensionen

Michele Robecchi/Francesca Bonazzoli: Gesichter mit Geschichten. 36 Porträts in der Kunst. Prestel Verlag

Sicherlich kann es besonders reizvoll sein, in einem Museum vor ein Bildnis hinzutreten und sich weitschweifig auszumalen, wer dieser Mensch denn wohl gewesen sein mag und unter welch tückischen Umständen er sein Leben mehr oder weniger gemeistert hat. Allerdings ist das genaue Gegenteil mindestens genauso richtig: Man sieht mehr, wenn man mehr weiß. Deshalb ist es nur begrüßenswert, dass die Autoren dieses Bandes den Schwerpunkt ihrer Betrachtungen auf die Schlüssellochperspektive legen. Nicht nur die Darstellung ist von Interesse, auch und besonders der oder die Dargestellte. – Sehr erbaulich, zeitweilig richtig spannend und immer kurzweilig, so das Urteil unseres Autors Walter Kayser.

Cover © Prestel Verlag
Cover © Prestel Verlag

Der deutsche Titel des Buches spielt mit dem Gleichklang der beiden Begriffe »Gesicht« und »Geschicht«. Nun macht es den Reiz jedes Gesichts aus, dass es nicht nur Geschichten, sondern ganze Bände erzählen kann. In jedem Antlitz spiegelt sich das individuelle Schicksal, erst recht, wenn man alt geworden ist und sich die Last der Tage furchentief eingegraben hat. Davon lebt auch jedes gemalte Porträt.
Den beiden italienischen Autoren Francesca Bonazzoli und Michele Robecchi ist es gelungen, für bekannte und unbekannte Bildnisse äußerst kurzweilig Interesse zu entfachen. Sie ist eine Kunstgeschichtlerin, die für den renommierten »Corriere della Sera« schreibt, er ein in London arbeitender Autor, Kurator, ehemaliger Chefredakteur von »Flash Art« mit Schwerpunkt Gegenwartskunst, derzeit auch Gastdozent bei »Christie's Education« und Redakteur bei »Phaidon Press«.

Das Buch beherzigt all die Kniffe des guten Journalismus: Vor allem das Sprichwort, wonach in der Kürze die Würze liegt. Wie bei einer Illustrierten ist das jeweils im Fokus stehende Bild ganzseitig rechts abgebildet, so dass es als Blickfang gleich beim Umblättern ins Auge fällt. Unter der »Headline« – ein bündig zusammengefasster Vorspann, welcher rasch mit der Beantwortung der wichtigsten W–Fragen den Leser ins Bild setzt. Schlüsselaussagen werden in größerer Fraktur aus dem Text herausgelöst. Nirgends akademische Umständlichkeit – alles griffig, süffig, eingängig. Genauso kommt man dem Bedürfnis eines bereits interessierten Lesers entgegen und weiß neue für die Kunst zu gewinnen.

Tiziano Vecelli : Danaë (zwischen 1560–1565) © Prado Madrid/Wikimedia Commons
Tiziano Vecelli : Danaë (zwischen 1560–1565) © Prado Madrid/Wikimedia Commons

Nun ließe sich grundsätzlich einwenden, dass es wahrlich egal ist, welche ganz privaten Empfindungen dereinst den Anstoß zu einem großen Kunstwerk gaben. Dieses steht schließlich für sich, hat sich abgelöst von seinem Schöpfer und ist oft genug anders objektiv wirksam als subjektiv intendiert.
Um Beispiele aus anderen Bereichen zu nehmen: Welche Dame sich nun tatsächlich hinter Beethovens »unsterblicher Geliebten« verbergen mag, ist nicht so wichtig wie die Leidenschaft, die sie seiner Musik einzugeben wusste. Die schmerzlich gedehnte Reibung des berühmten »Tristan«–Akkords kann man auch dann tief empfinden, wenn man nie etwas von Mathilde und Otto Wesendonck gehört hat. Oder muss man vielleicht wissen, dass Dostojewskis Vater von seinen Leibeigenen erschlagen wurde, um seine »Brüder Karamasow« als einen der größten Romane der Weltliteratur zu bewundern? Auch eine andere Grundsatzkritik ist schwerlich zu entkräften: Ist es nicht so, dass bei jeder kunstgeschichtlichen Betrachtung es neben formalen Untersuchungsparametern selbstverständlich um die inhaltlichen, ikonographischen Aspekte zu gehen hat. Die Frage »Wer ist hier dargestellt?« gehört und gehörte schon immer dazu.
Die Verfasser würden dem nicht widersprechen. Aber, so wäre zu kontern, was ist gegen weitere Hintergründe zu sagen – zumal, wenn sie unterhaltsam vorgetragen sind, und seien sie manchmal aus der Kategorie schlüpfrige Schlüssellochperspektive?

Francesca Bonazzoli und Michele Robecchi haben 36 Porträts zur Besprechung ausgesucht. Ihre Streuung ist sehr breit, vom 15. Jahrhundert, der Entdeckungsphase des Individuums in der Frühen Neuzeit, bis zur Gegenwart. Es sind sattsam bekannte und völlig unbekannte Werke. Die Texte werden thematisch in 8 Kapiteln gruppiert: »Liebesglück, Liebesleid«, »Der Schein trügt«, »Familiensache«, »Gefährliche Liebschaften« oder »Erinnern an Vergangenes« heißen einige der Überschriften – zugegeben, reichlich vage formuliert. Gleichwohl kündigen solche Titel doch schon an, dass wie in Boulevardblättern pikante Privatheiten verraten werden sollen. Dennoch, es wird nicht (nur) Klatsch statt Klasse geboten, vieles ist informativ und anregend, ohne spektakulär zu sein.

Hans Holbein d.J.: Die Gesandten (1533) © London National Gallery/Wikimedia Commons
Hans Holbein d.J.: Die Gesandten (1533) © London National Gallery/Wikimedia Commons

Das zeigt sich exemplarisch im Text zu Hans Holbeins berühmten »Gesandten«, die heute ein Juwel der Londoner National Gallery darstellen. Das Bild wurde 1533 gemalt, als der englische König Heinrich VIII. seine zweite Frau Anne Boleyn heiratete. Die Autoren identifizieren zwar die Diplomaten mit exakter Personenrecherche, die Qualität dieser Ausführungen zeigt sich aber eher in den vielen anderen dezidierten Hinweisen zur Komplexität des Doppelporträts, welches zugleich auch als Vanitas–Allegorie zu lesen ist.
Dass man in der Renaissance besonders gern Akte malte und diese dann mythologisch verbrämte, war zu erwarten; dass aber Tizian laut Vasari nicht irgendeine »nackte Frau, die Danae vorstellt« zu malen hatte, sondern offensichtlich die bekannte Kurtisane Camilla Pisana und diese unter anderm auch die Favoritin des Kardinals Alessandro Farnese war, das ist dann doch besonders frech und scheinheilig. Der Rezeption tat das aber keinen Abbruch, im Gegenteil, das Gemälde kam so gut an, dass es der Maler danach in etlichen Varianten kopierte.

Der Einband dieses Buches wird geziert von Grant Woods »American Gothic« aus dem Jahr 1930. Bekanntlich hat dieses Gemälde wie kaum ein anderes das Zeug dazu, das Selbstverständnis der Amerikaner als »settler and pioneers« mythisch zu bündeln: ein ernst–verhärmtes Ehepaar irgendwo aus dem tiefsten mittleren Westen als Inbegriff des Frontier–Spirits; ein Farmer, der seine Mistgabel ostentativ wie eine Waffe in den Vordergrund stellt; die schlichte Presbyter–Holzkirche über allem zentriert im Hintergrund... schlechthin alles an diesem Bild fügt sich so sehr zum idealtypischen Klischee, dass es sich dutzende Male zur satirischen Karikatur anbot. – Nur, und das ist die ironische Pointe: der Farmer war eigentlich der befreundete Zahnarzt B.H. McKeeby, und seine etwas herb–zugeknöpfte Frau war Nan, die auf alt gestylte junge Schwester des Malers.

Michelangelo Merisi da Caravaggio: Madonna dei Pellegrini/Madonna di Loreto (1605) © Basilika Sant'Agostino in Campo Marzio in Rom/Wikimedia Commons
Michelangelo Merisi da Caravaggio: Madonna dei Pellegrini/Madonna di Loreto (1605) © Basilika Sant'Agostino in Campo Marzio in Rom/Wikimedia Commons

Ungeheuer spektakulär zeigen sich aber vor allem jene Besprechungen, welche Kriminalfälle und amouröse Skandale aufdecken. Bei Caravaggio konnte man auf Anrüchiges gefasst sein. Doch seine »Madonna dei Pellegrini« aus dem Jahr 1604 (die es jüngst dem Schriftsteller Martin Walser in seiner Altersnovelle »Mein Jenseits« besonders angetan hat) schlägt dem Fass doch den Boden aus: die dargestellte Jungfrau Maria war die stadtbekannte Hure Maddalena di Paolo Antognetti, mit der der Maler verkehrte; der schmutzige Jesusknabe der uneheliche Sohn und das alte Pilgerehepaar mit den dreckigen Fußsohlen Obdachlose von der Straße.

Geradezu atemberaubend dann das Eifersuchtsdrama rundum den einzigartigen Gianlorenzo Bernini, der ganz Rom seinen barocken Stempel aufgedrückt hat. Nicht auszudenken, wenn nach dem Grundsatz »fiat iustitia pereat mundi« (dt.: Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe die Welt darüber zugrunde) der große Bernini, statt den Petersplatz zu gestalten, den Rest seiner trüben Tage in einem Verlies hätte verrotten müssen! Die Büste der Costanza Bonarelli aus dem Jahre 1637 ist ein Musterbeispiel für jene transitorische Lebendigkeit und ungeheure Sinnlichkeit, wie sie nur Bernini dem Marmor entlocken konnte. Der Bildhauer lernte die 22jährige, etwas dralle Schöne als inzwischen verheiratete junge Frau eines Werkstattmitarbeiters kennen. Obgleich 16 Jahre älter, verliebte er sich unsterblich in sie und begann mit ihr eine Affäre. Das hinderte Costanza aber nicht daran, gleichzeitig auch noch mit Gianlorenzos jüngerem Bruder Luigi ein Techtelmechtel anzufangen und sich in flagranti erwischen zu lassen. Daraufhin drehte der große Bernini komplett durch: Er verfolgte seinen Bruder quer durch Rom mit der Brechstange in der Hand und schlug ihm, als er ihn in der Nähe des Petersdom endlich zu fassen bekam, mehrere Rippen zu Brei. Anderntags wollte er in eifersüchtiger Raserei die Schönheit der geliebten Costanza ein für allemal mit dem Rasiermesser entstellen und mit einer Gang von gedungenen Kumpanen dem Bruder den Garaus machen. Nur mit Mühe konnte man den Rasenden stoppen. Das Ende vom Lied: Costanza wurde für Monate in einer Besserungsanstalt in Haft genommen. Bruder Luigi brachte sich in Sicherheit, indem er nach Bologna floh. Der aggressive Schläger Gianlorenzo aber wurde im Handumdrehen vom Kardinal persönlich exkulpiert. Einsichtige Begründung des Freispruchs: Er sei nun mal »zu exzellent in seiner Kunst«.

Gianlorenzo Bernini: Büste der Costanza Bonarelli (1637–38) © Museo Nazionale del Bargello in Florenz; sailko/Wikimedia Commons
Gianlorenzo Bernini: Büste der Costanza Bonarelli (1637–38) © Museo Nazionale del Bargello in Florenz; sailko/Wikimedia Commons

Meines Erachtens kann man, was die entsprechende Qualität mancher ausgewählter Kunstwerke der Moderne angeht, ein Fragezeichen machen. Der Rang anderer Meilensteine der Kunstgeschichte ist allerdings unbestritten. So kennt natürlich jedermann »Die weinende Frau«, wie Pablo Picasso sie in der Phase seines »Guernica«–Bildes und der Trennung von Dora Maar gemalt hat. Jeder Kunstverständige weiß, was er am »Pelzchen« des Peter Paul Rubens aus dem Wiener KHM oder an Rembrandts »Badender« aus der National Gallery in London zu bewundern hat. Aber gerade weil wir diese erhabenen Schätze so gut zu kennen meinen, ist es schön, doch noch die eine oder andere kleine Indiskretion gesteckt zu bekommen und dann entrüstet zur Kenntnis zu nehmen, dass dieser Rembrandt in der Art, wie er die eine Lebensgefährtin gegen die nächste eintauschte, in nichts Picasso nachstand.
Ein kurzweiliges Buch wie eine altmodische Pralinenschachtel: kein mehrgängiges opulentes Menu, das sich stundenlang hinzieht, sondern dekorativ verpackt und genussreich ein Schmankerl neben dem andern.


Titel: Gesichter mit Geschichten: 36 Porträts in der Kunst
Autoren: Michele Robecchi, Francesca Bonazzoli
Prestel Verlag, München 2020
Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
Maße: 20.6 x 2.6 x 26.7 cm
ISBN–10: 3791386212
ISBN–13: 978–3791386218

Diese Seite teilen