Ausstellungsbesprechungen

Francis Alÿs - A Story of Deception, Wiels Brüssel, bis 30. Januar 2011

Durch verschiedene poetische und allegorische Annäherungen erkundet Francis Alÿs politische Themen wie umstrittene Grenzen und ökonomische Krisen, aber auch alltägliche Situationen. Die erste große Retrospektive zum Künstler reist von der Tate Modern London nun über das Wiels in Brüssel zum MOMA New York. Katharina Hohenhörst nahm die Gelegenheit in Brüssel wahr, um für PKG über diesen ungewöhnlichen Künstler zu berichten.

Der Belgier Francis Alÿs (*1956) mit dem Sonderzeichen im Namen, ist auch ansonsten ein ungewöhnlicher, bemerkenswerter Künstler. Das Wiels, seit 2007 ein Ort für zeitgenössische Kunst in Brüssel, passt sich dem Ausstellungsparcours der mäandrierenden Arbeitsweise von Alÿs an. Bevor das Eintrittsticket gelöst wird, trifft man bereits auf der Straße und im Café auf erste Arbeiten. Frei von Wegvorgaben verteilen sich unterschiedlichste Medien, Künstlerfilme, Dokumentationen, Malereien, Zeichnungen, Objekte, über 2 ½ Stockwerke des modernistischen Betonkolosses aus den 30er Jahren von Adriane Blomme. Entlegenste Winkel der spröden Industriearchitektur belebt der ausgebildete Architekt mit südamerikanischen Rhythmen und Bildern, die er in eine maßgefertigte Ausstellungsarchitektur setzt, ohne ethnografische Entgleisung.

Seit Mitte der 80er Jahre lebt Alÿs in Mexiko-Stadt. Die Megalopolis ist Quelle seiner künstlerischen Streifzüge. Als Europäer ist und bleibt er dort ein Fremder und genau dies zeichnet seine scheinbar unerschöpflichen Beobachtungen aus. Mit offenen Augen durch die Stadt gehend, registriert er Dinge, Situationen, Bedingungen und analysiert diese auf ihre Ursachen. Angelehnt an die literarische Figur des Flaneurs, ist auch Alÿs ein urbaner Spaziergänger, allerdings mit strategischer Ausrichtung. Auf der Wand liest man:»As Long As I'm Walking (1982)…I'm Not Choosing…I'm Not Knowing…I Will Not Repeat« (Auswahl). Die Deklination von Aktivitäten, die nicht neben dem Gehen stattfinden, verdeutlicht die Ernsthaftigkeit. Im Unterschied zum freien Flanieren, ist das Gehen für Alÿs ein künstlerisches Medium, das er gezielt einsetzt um zu beobachten, aufzugreifen und einzugreifen. Die Geste ist seine Intension, die sich unpolitisch auf Politisches bezieht, und dabei sanft eine enorme Sprengkraft entwickelt. Mit einer Waffe in der Hand läuft Alÿs zielstrebig durch die Straßen von Mexiko-Stadt. Es dauert 14 Minuten und 32 Sekunden bis er gestellt wird. Am nächsten Tag wiederholt er die gefährliche Tat. Im Déjà-vu erhält sich die Regie und Spannungskurve. »Re-enactments« (2000) ist der Titel der projizierten Zwei-Kanal-Videodokumentation, die Original- und Wiederholungstat auf der Wand synchronisiert. Die Ambiguität zwischen Aktion und Dokumentation, Original und Kopie, Authentizität und Performance wird deutlich. Die Wiederholung als Prinzip ist für viele seiner Werke konstitutiv, wie in »Rehearsal I (El Ensayo)« (1999-2001), einem Video, das auf tragisch-komische Art zeigt, wie der Fahrer eines roten VW Käfer unermüdlich versucht, einen zu steilen Hügel der Peripherie von Tijuana hinaufzufahren. Die Sisyphos-Unternehmung spielt allegorisch auf die Flüchtlingsproblematik an der US-amerikanischen Grenze zu Mexiko an. Die Wiederholung bekräftigt die Verzweiflung der Betroffenen, die an dieser Grenze immer wieder ihr Leben aufs Spiel setzen.

Alÿs will über das Fremdsein erfahren, wie es ist, kein Fremder zu sein. Als Tourist, »Turista« (1994), reiht er sich ein, neben den Tagelöhnern, die vor dem Zentralplatz Zócalo in Mexiko-Stadt ihre Arbeitskraft anbieten. Er mischt sich unter und mischt sich ein, in Strukturen, die aufgrund ihrer Alltäglichkeit ihre Kläglichkeit, ihre Absurdität verloren haben. Als Sammler von Kronkorken und anderem metallischen Müll zieht er in dem Projekt »The Collector« (1991-2006) selbstgebaute Magnethunde durch die Stadt. Die Begriffsanalogie zum Kunstbetrieb, sicher kein Zufall. Ein Kinderspielzeug mit doppeltem Boden, das mehr ist als nur ein harmloses Vehikel. Es sind ernste Kinderspiele, die sich aufgrund ihrer scheinbaren Leichtigkeit der Abwendung verwehren. Den erhobenen Zeigefinger eines ordnungsgewöhnten Europäers lässt Alÿs dabei in der Hosentasche. Im Gegenteil, die Faszination für das improvisierte Alltagsleben und der Lebensfreude, sind Ausgangspunkte für die Experimente mit alltäglichen Situationen. »Sometimes Making Something Leads to Nothing«, so der Untertitel des Projektes »Paradox Praxis I« (1997), in dessen Kern ein koffergroßer Eisblock von Alÿs durch die hitzigen Straßen von Mexiko-Stadt geschoben wird. Westliche Erfolgsprinzipien werden ad absurdum geführt und offenbaren uns, durch den Blick auf das Andere, Fremde, wie unsere Handlungen kodiert sind.

Viele der Arbeiten sind Dokumentationen von vergangenen Aktionen, was langatmig im Ausstellungskontext sein kann. Hier jedoch fesseln Erzählung sowie Ästhetik. Die Bilder sind einerseits gewaltig — 500 Peruaner, die mit Schaufeln einen Sandberg um Zentimeter versetzen — und anderseits detailverliebt. Alÿs Videos und Diaprojektionen sind orchestrierte Ausschnitte, die auf undogmatische und poetische Weise diese Lebenswirklichkeit verdichten, ohne dabei weltverbessernd zu sein. Es geht dabei um die Wirksamkeit von Kunst, ohne viel Objekthaftes der Umwelt hinzuzufügen. Das Absurde, das Verschwindende, das Markierte, die Handlung an sich, sind Materialien seiner Kunst, die allesamt den eigentlichen Zusammenhang entrücken und dadurch ihre Energie entfalten.

Der Künstler besitzt dabei eine wieder erkennbare Handschrift, die sich der zeitgenössischen belgischen Malerei von Raoul De Keyser, Luc Tuymans oder Walter Swennen bewusst ist, was sich am lasierenden Farbauftrag seiner Bilder sowie der stilisierten Einfachheit der Figuren zeigt. Alÿs als ausgebildeter Architekt ist Experte für räumliche Strukturen, die er mit wiederkehrenden und signifikanten Mitteln bricht.

Die Quelle für Ideen wird nicht versiegen, da zivilisatorische Brüche und Fehlstellen immer existieren. Seine gezielte Auswahl schafft, dass künstlerische Praxis politische Wirksamkeit gewinnt. »To paint the sky, to drink the ocean…easy for me«, so der Schlusskommentar eines Peruaners, der mitgeholfen hat, den Sandberg zu versetzen. Francis Alÿs regt an, Ungewöhnliches zu tun.