Ausstellungsbesprechungen

Frontline - Die Macht der Bilder, NRW-Forum Düsseldorf, bis 8. Januar 2012

Bis zum 8. Januar zeigt das NRW-Forum in der Ausstellung 200 Fotografien von Kriegsreportern. Dabei wird den "jungen Wilden" die alte Garde rund um Robert Capa gegenübergestellt. Cornelia Ganitta nutzte die Gelegenheit, bei der Eröffnung der Schau in Düsseldorf mit einem Fotografen der jungen Generation zu reden.

Weglaufende, verletzte, erschöpfte Rebellen. Kinder, die ein Auto anzünden. Ein Mann, der sich ein Messer an die Kehle hält und damit zum Ausdruck bringt, was mit Gaddafi geschehen müsste. Das Problem hat sich mittlerweile erledigt. Der Kampf um Freiheit und mehr Rechte dauert noch an. Diese vielfach beschriebene "Arabellion", die Anfang des Jahres die Welt in Atem hielt, ist von jungen Fotografen mit der Kamera festgehalten worden.

Dominic Nahr ist einer von ihnen. Mit seiner Hornbrille, akkuratem Haarschnitt und einer Cola in der Hand sieht er eher aus wie ein frischgebackener IT-Absolvent. Tatsächlich aber gehört der 28-jährige Schweizer zu der seltenen Spezies der Kriegsreporter und damit in die Kategorie "It´s a man´s world". Von der US-Zeitschrift PDN wurde er jüngst zu den „Top-30-Fotografen unter 30“ gewählt. Seit Juni 2010 ist er von Magnum Photos nominiert – was so viel heißt wie Mitglied der berühmtesten Fotoagentur der Welt zu sein. Eine Ehre, die derzeit etwa 70 Fotografen gebührt, davon nur circa zehn Frauen.

Nahrs internationale Biografie gleicht denen seiner vier Kollegen: aufgewachsen in Hongkong, Fotografie-Studium in Toronto, im Dienst für Time, Stern, The Wall Street Journal und andere Magazine. Seit 2006 berichtet er von den Krisenherden dieser Welt: Osttimor, Kongo, Gaza, Haiti, Japan (Fukushima) und nun Ägypten. Dort, so Nahr, habe er seinen berührendsten Moment erlebt, als die Anti-Mubarak-Demonstanten neun Stunden lang versucht hätten, auf den Tahrir-Platz in Kairo zu kommen — und von Reitern der Miliz brutal abgewehrt wurden. Chaos und Panik waren die Folge. Und Nahr mittendrin: »Wir waren alle unglaublich müde«.

Die Angst ist sein ständiger Begleiter. Trotzdem will er sie nicht missen: »Ich funktioniere da draußen besser als hier«, sagt Nahr, der in Nairobi lebt und es höchstens ein paar Wochen im Jahr in westlich-gesicherten Verhältnissen aushält. Seine Motivation ist es, dabei zu sein, wenn Geschichte passiert und mit seiner Kamera die Menschen in das Geschehen rein zu ziehen. Das sei für ihn der wahre "Kick", nicht die Abenteuerlust. »Ob ich Kriege verhindern kann, weiß ich nicht. Aber ich kann dazu beitragen, dass man sie besser versteht«.

»Nie wieder Krieg« hingegen lautete die zutiefst humanistische Botschaft der alten Garde rund um Robert Capa, die als Gründer von Magnum den jungen Hasardeuren gegenübergestellt ist. "Im Gegensatz zu heute, waren die damaligen Fotografen nicht nur Augenzeugen, sondern von den Kriegen betroffen", resümiert Andréa Holzherr, Ausstellungsmanagerin bei Magnum Photos Paris. Dominic Nahr und seine Kollegen hätten oft ein entsprechendes Studium. »Capa dagegen war auf der Flucht, erst als Antifaschist aus Ungarn, 1933 als Jude aus Berlin, später mit dem Einmarsch der Deutschen auch aus Paris«. Für ihn, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodger war die Kamera ein notgedrungenes Mittel, mit dem sie den Spanischen Bürger- und Hitlers Vernichtungskrieg für die Nachwelt festhielten.

Ihre analogen Schwarzweißfotos waren Dokumente mit Exklusivitätscharakter. So exklusiv, dass bis heute das berühmte Capa-Bild vom »Loyalistischen Soldaten im Moment des Todes« bezüglich seiner Echtheit angezweifelt wird. Es gibt keine Zeugen und Negative mehr, die belegen könnten, ob die Szene vom sterbenden Soldaten seinerzeit echt war oder gestellt, wie so oft behauptet. Trotzdem war der Fotograf damals zumeist der einzige Dokumentar einer solchen Begebenheit.

In Zeiten von TV, Handy und Internet – mittels Blog-Darstellungen auch in der Ausstellung präsent – gibt es wesentlich mehr Medien, die soziale Unruhen, Kriege und Katastrophen sekundenschnell weltweit verbreiten. Vor Manipulation aber sind auch diese Bilder nicht gefeit. Im Gegenteil: Täglich erreichen Tausende Fotos die Bildredaktionen, viele davon über soziale Netzwerke. Welches ist gefälscht? Welches leicht, welches gänzlich bearbeitet? Das wird auch künftig mehr denn je hinterfragt werden müssen.

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