Kataloge, Rezensionen

Gerald A. Matt/Peter Weiermair (Hg.): No fashion, please! Fotografie zwischen Gender und Lifestyle, Verlag für moderne Kunst 2011

Wie ein Sachbuch zum Thema kommt der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung daher. Aber bloß keine Haute Couture oder Modeklischees! Ganz unkonventionell brechen die präsentierten Künstler mit jeglichen Vorurteilen. Rowena Fuß hat es sich angesehen.

Den größten Teil der Publikation nehmen die Arbeiten der gezeigten Künstler ein. Das ist auch gut so, da es jede Menge zu entdecken gibt. Als theoretische Unterfütterung der inszenierten Fotografien, Performances, Körperskulpturen und Videos dient ein sieben Seiten langer Aufsatz zum Verhältnis von Kunst und Mode.

Dieser Aufsatz enttäuscht jedoch auf weiten Strecken. Zahlreiche Allgemeinplätze zur Beziehung von Kunst und Mode werden abgehandelt bis der Autor endlich zu einem wichtigen Punkt kommt. Es ist die Definition von Kleidung als Hülle des Körpers. Dabei wird das lateinische Wort habitus für die genauere Untersuchung dieser Begriffsbestimmung herangezogen. Habitus hat mehrere Bedeutungen und bezieht sich sowohl auf die Seinsweise, eine geistige Disposition, als auch auf die äußerliche Ansicht des Körpers bzw. auf die Summe dieser Eigenschaften, die die Menschen voneinander unterscheiden. Kurzum: All das, was wir bei uns haben bzw. was unsere Angewohnheiten sind.

Das lateinische Wort kann aber auch das soziale Umfeld bezeichnen. So gesehen wird der Begriff zum Schlüsselelement zwischen dem einzelnen und dem sozialen Körper, die er in sich vereint. Dementsprechend wird Kleidung zu einer zweiten Haut, der Körper zu einer übercodierten Textur, in der sich linguistische Sprachspiele. Bedeutungssysteme und Lebensformen ablagern, begegnen und in Konflikt geraten.

Diese Kleidungshaut ist es auch, die die Wahrnehmung des Beobachters informiert und organisiert. An dieser Stelle folgt ein Gleichnis von Leigh Bowery. Der Künstler setzte unzählige Alter egos in Szene, um eine künstlerische-existentielle Reise in das Innere sämtlicher möglicher Identitäten zu unternehmen. Es ist diese Suche nach der eigenen Identität, bei der die Kunst zu Hilfe genommen wird. Subtil werden die Grenzen der eigenen Realität erforscht. Heidegger hat es das In-der-Welt-Sein genannt.

Für das Verständnis der 19 präsentierten Einzelpositionen besonders wichtig ist der Untertitel von Ausstellung und Katalog. Im Mittelpunkt steht das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person, welches hinterfragt wird und das, was sie von anderen Menschen unterscheidet. Gender-Rollenspiele bietet beispielsweise Sophia Wallace. Sie fotografiert Männer in Frauenposen. Klischeevorstellungen über das starke Geschlecht werden dadurch ironisch gebrochen. Die Modefotografie entpuppt sich als trojanisches Pferd im Hof des Feminismus.

Transvestitisch geht es auch in den Arbeiten des Duos Martin & the evil eye of Nur zu. Auf dem Bild mit dem Titel »Boulevard« geht es dem äußerst männlichen Sport American Football an den Kragen. In einem hell beleuchteten Tunnel verteilen die beiden Transvestiten Kusshändchen. Eingehüllt sind sie dabei in enge Latexhosen, knallroten High-Heels und roten Schulterpolstern, die unter eine Footballuniform gehören.

Die wohl seltsamsten Aufnahmen bietet Chan-Hyo Be. Dieser fotografiert sich selbst in Frauenkleidern des Hochadels vergangener Epochen. Ihn wie Elisabeth I. mit übergroßem Stehkragen, kalkweißem Gesicht und reich besticktem, ausladendem Kleid zu sehen, erzeugt ein Gefühl des Unbehagens parallel zu seinen eigenen Empfindungen als Ausländer.

Kleidung wird hier zu einer Hülle, ja Kostüm, das die wahre Identität des Trägers verdeckt. Stattdessen wird ihm eine fremde gegeben, in der er sich wohlfühlen soll. Dies grenzt schon an Selbstverleugnung. Das Künstlerduo Luigi & Luca hat sie daher direkt zum Thema einiger Schwarz-Weiß-Fotografien gemacht. Eine zeigt beispielsweise eine junge schlanke Frau mit schusssicherer Weste, halb verhüllt von einer Decke und einem Mundschleier. Neben der Aufnahme steht ein kurzer Text, der mit Mode als neuer Religion abrechnet. Als Ersatzreligion praktiziert, führt sie dazu, dass man sein Selbst verleugnet, um einem bestimmten modischen Ideal zu entsprechen bzw. en vogue zu sein, weil Außenseiter immer gehänselt werden. Durch die Sichtbarmachung und ironische Brechung dieser Vorgänge, appellieren die Künstler an mehr Mut zur Individualität. Also: Anschauen!!!

Wem dieser sozialwissenschaftliche Blickwinkel auf Mode(fotografie) nicht genügt, dem sei außerdem der Katalog zur parallel laufenden Schau »Vanity« empfohlen, die eine kunstwissenschaftlich-philosophische Betrachtungsweise des Themas eröffnet. Kompakter kann man nicht über Mode(fotografie) informiert werden!