Ausstellungsbesprechungen

Glasmalerei der Moderne – Faszination Farbe im Gegenlicht, Badisches Landesmuseum Schloss Karlsruhe, bis 9. Oktober 2011

Keine andere Kunstgattung bezieht das Licht selbst so stark in die künstlerische Darstellung mit ein, und keine andere Disziplin ist dabei so eng mit der Architektur verbunden wie die Glasmalerei. Dieser Kunstform widmet das Badische Landesmuseum Karlsruhe seine neue große Sonderausstellung, die den Fokus auf eine ganz besondere Epoche dieser Malerei legt: das 20. und 21. Jahrhundert. Günter Baumann hat die leuchtenden Werke vor Ort auf sich wirken lassen.

Das Karlsruher Landesmuseum hat in seiner aktuellen Präsentation Pionierarbeit geleistet: Auf einer spektakulären Tour durch die Geschichte der Glasmalerei haben es die Ausstellungsmacher geschafft, eine Kunst umfangreich vorzustellen, die gemeinhin an ihren Präsentationsort gebunden ist: Glasfenster sind Bestandteil der Architektur, mit der sie traditionsgemäß auch ihre charakteristische Ausstrahlung teilen. Dessen ungeachtet ist es ein Genuss, die aus halb Europa (Deutschland, Frankreich, Schweiz) zusammengetragenen, transportablen Fenster und Gläser sowie Entwürfe und Zeichnungen im Schloss von Karlsruhe zu bewundern. Das Manko der eingeschränkten Verfügbarkeit wird dabei zum Appetizer – es macht Lust, diese oder jene Kirche oder auch das eine oder andere Rathaus und andere öffentliche Gebäude zu besuchen.

Ein Grund dafür mag auch darin liegen, dass diese Kunst, die für gewöhnlich in anonymer Höhe angesiedelt ist, hier in der Rundumschau auf Augenhöhe gleich mit über 70 Namen spannende Gesichter bekommt und damit auch ein historisch nachvollziehbares Profil zeigt – freilich im begrenzten Raum der Moderne. Im Parcours begegnet man überzeugten Glaskünstlern wie Campendonk, Domes, Hölzel, von Stockhausen und Johan Thorn Prikker genauso wie zur Zeit hoch gehandelten Stars, die sich eben mal einen Ausflug in die Kunst erlauben, wie Neo Rauch, Gerhard Richter oder Markus Lüpertz. Und schließlich sind da noch die Namen, die man als Glasmalkünstler geradezu neu entdecken muss, wie Otto Dix, Karl Schmidt-Rottluff oder selbst Willi Baumeister und Franz Wilhelm Seiwert, die sich freilich – wenn man ihre Arbeiten gesehen hat – rasch in die Zunft eingliedern lassen. Dass keine Spur von Marc Chagall zu sehen ist, macht nur das Faktum deutlich, dass in der Glaskunst erstens doch nicht alles ins Museum zu zwängen ist, und dass es noch viel mehr zu bereisen gibt, als man so schon ahnt.

Am Ende der Ausstellungsrunde hat man – dank bereitgelegter Informationen – nicht nur beiläufig einiges über die Techniken und die Fachtermini erfahren und eine Vorstellung von der großen »Gemeinde« der Glasmalmeister erhalten, sondern auch den Sprung von der Sakral- zur Profankunst und von der figurativen zur abstrakten Kunst nachvollzogen. Die Glasobjekte, die den letzten Raum füllen, machen den Blick frei für eine ganz selbständige Gattung. Fast 100 Exponate auf rund 800 qm Fläche reichen aus, um den Betrachter zum begeisterten Fan einer vielfältigen Bildsprache zu machen, deren Ausdruck weit über bloße Malerei und die dienende Dekorationskunst hinausgeht. Es ist erstaunlich, wie man die dazugehörige Architektur dennoch mitdenkt – was in erster Linie an der liebevollen Inszenierung liegt. Die Kuratorin Jutta Dresch meinte dazu keck, im Hinblick auf die unerreichbar fernen Kirchenfenster in der realen Perspektive: »Hier können wir die Schönheit der Glasmalerei den Besuchern auf die Nase binden«. Viele weitere Chancen zur unmittelbaren Betrachtung wird es nicht mehr geben. Deshalb – und auch, um sich den Genuss zu bewahren – ist der exzellente Katalog sehr zu empfehlen.

Weitere Informationen

Katalog:

Jutta Dresch: Glasmalerei der Moderne. Faszination Farbe im Gegenlicht. Hrsg. vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Karlsruhe: Info Verlag, 2011.
ISBN 978-3-937345-50-5

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