Ausstellungsbesprechungen

Hannah Höch – Aufbruch in die Moderne, Herzogliches Museum Gotha, bis 4. Mai 2014

Hannah Höch (1889-1978) diente der Nonsens als Waffe gegen eine erstarrte Gesellschaftsordnung. Abseits eines jeden Schubladendenkens schuf die Collagekünstlerin und bedeutende Vertreterin der Berliner Dada-Bewegung ein Œuvre, das das Unwirkliche wirklich erscheinen lässt und Grenzen verwischt. Rowena Fuß war in ihrer Geburtsstadt Gotha auf Ausstellungsbesuch.

Jeder Gothabesucher ist schon einmal durch die Straßen und Gassen gelaufen, die sich – am Fuß des Schlosses beginnend – immer weiter verzweigen und verschachteln. Klein ist auch die aktuelle Kabinettausstellung zur Stadttochter Hannah Höch im Herzoglichen Museum. 45 ausgesuchte Werke aus allen Schaffensphasen und Lebensstationen geben einen Einblick in ihr künstlerisches Œuvre. Die Vielfalt ihrer Ausdrucksmittel spiegelt sich in diversen Techniken vom Holzschnitt über Tusche- und Pastellzeichnungen bis zur Fotocollage.

Erst mit 22 Jahren entkam die älteste Tochter eines Generalagenten des Allgemeinen Deutschen Versicherungsvereins Stuttgart der Stadt. Ausgerechnet die naturalistische Pastellzeichnung einer weißen Tulpe besiegelte ihre Aufnahme an der Kunstgewerbeschule Berlin-Charlottenburg. Sie hat nichts gemein mit den späteren Collagen, für die die Künstlerin berühmt ist. Doch zeigt sie, so Kurator Timo Trümper, ein wiederkehrendes Motiv im Werk Höchs: die Natur. In Verbindung mit dem Thema Großstadt entspinnt sich daraus ein kontrastreiches Gesamtprogramm.

Bedrohlich wirkt der »Gothaer Fackelzug« um 1907. Die schemenhafte Menschenmenge läuft in der Mitte einer in Zentralperspektive wiedergegebenen Alleestraße. Einzig die rötlichen Lichtpunkte der Fackeln und fahles Sternenlicht erhellen den schwarzen Mob.

»Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt, / Unzählig Menschen schwemmen aus und ein. / Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein / Eintönig kommt heraus in Stille matt. / Gebären, Tod, gewirktes Einerlei, / Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei, / Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei« schrieb Georg Heym in seinem expressionistischem Gedicht 1911 über »Die Stadt«.

In Berlin zieht Hannah das Küchenmesser Dada durch die Weimarer Bierbauchkulturepoche. Der Irrsinn an der Front sorgte für einen Sinneswandel bei Künstlern und Intellektuellen, die noch 1914 den Krieg als Mittel gegen die Erstarrtheit und Scheinheiligkeit des Kaiserreichs befürwortet hatten. 1918 wurde der Berliner »Club Dada« gegründet. Eine der größten Gruppierungen der Dadaisten entstand und Hannah Höch gehörte als einzige Frau dazu. Zunächst literarisch geprägt, bekam die Bewegung schnell eine politisch linksgerichtete Tendenz.

Ein Scherenschnitt von Raoul Hausmann verweist auf die für sie prägende Gestalt zu der Zeit. Höch war sieben Jahre mit dem dadaistischen Künstlerkollegen liiert. Sie selbst sagt im Ausstellungskatalog: »Vom Leben habe ich in dieser Zeit mit ihm unendlich viel erfahren. Auch: ausweglosen Tiefen philosophischen Denkens nachzuspüren. Auch: der irdischen Liebe meinen Tribut zu zollen«. Und was für einen: Die Künstlerin ließ 1916 und 1918 Abtreibungen vornehmen, da der Kindsvater Hausmann verheiratet war. Kleinbürgerliche Moralvorstellungen dominierten trotz des Untergangs des Kaiserreichs die Realität der jungen Republik. Ein Problem für die nonkonformistische Frau, die nach ihrer Trennung von Hausmann bis 1935 eine Beziehung mit der Niederländerin Til Brugman führte. Heinz Ohff, der als erster ausführlich über die Künstlerin schrieb, bemerkte dazu: »Seit sie den engen, kleinbürgerlichen Verhältnissen zu Hause entronnen ist, lebt sie bewußt unkonventionell und gleichsam in Gegensätzen […]. Ihre Neugier ist riesengroß. Gibt es im Künstlerischen keinen Stil, keine Technik, keine Anregung, die sie auslässt (oder auszulassen imstande ist), so gilt dies auch für Leben, Liebe und all die weiten Felder, die beide bieten«.

Fortsetzung von Seite 1

Ruhiger wird ihr Leben erst ab 1933. In der Zeit des Dritten Reichs zieht sich Höch in die innere Emigration zurück. Das Bild »Resignation« legt hierfür Zeugnis ab. Man denkt bei der Betrachtung der beiden hellbraunen einfach skizzierten skulpturalen Figuren unweigerlich an Paul Klees Bildnisse seines versteinernden Selbst. Höchs Rückzugsort ist ihr Garten in Berlin-Heiligensee. »Der Garten gehört zu Hannah Höch wie ihr Leben, wie ihre Freunde, wie ihr Werk ...; sie hat ihn gepflanzt, gepflegt, begärtnert, beschnitten, eine natürliche Collage, ein gewachsenes, blühendes, im Jahreskreislauf reifendes Materialbild aus Chlorophyll und Blütenfarben, aus Blättern und Ranken« notiert Ohff.

Nach dem Krieg gehört die Künstlerin nicht zu den Vergessenen, auch wenn ihre Wiederentdeckung nur zaghaft voranschreitet. Ab ihrem 65. Geburtstag bezieht sie ein Ehrenruhegeld vom Berliner Senat. 1958 ist sie mit 21 Arbeiten an der Düsseldorfer Ausstellung »Dada – Dokumente einer Bewegung« beteiligt.

Spielerisch, surrealistisch und dadaistisch zugleich erscheint die rätselhafte Bilderwelt in dem 1950 entstandenen Werk »Vor der Kathedrale«. Sie bleibt dem Betrachter verschlossen, die Figuren aus Gesichtsfragmenten und Gardinen, die auch gut einem Herstellerkatalog entstammen könnten, rätselhaft. Im benachbarten »Stadt am Meer« (1968) suggeriert die Montage verschiedener Bildelemente eine neue Gegenständlichkeit, die ebenfalls nichts mit der Realität zu tun hat, sondern einem surrealistischen Traumgebilde gleicht. Man fühlt sich an Venedig erinnert, an den Blick von der Gondel auf den Markusplatz. Als Gäste eines dort stattfindenden Maskenballs könnten die Figuren »Vor der Kathedrale« herhalten.

Das letzte Bild der Ausstellung ist ebenfalls eine Stadtdarstellung. So jedenfalls will es uns der Titel weismachen. Zu sehen ist eine abstrakt-geometrische Konstruktion aus archaischen, schwarz-weißen Symbolen. Wir haben hier Mäander, schwarze Quadrate, Rauten und mal dick, mal dünn nach rechts oben oder links unten laufende Linien. Den Hintergrund bildet ein buntes Farbfeld. Aus der Entfernung mag man hier eine Landschaft mit Häusern erkennen, die von der leuchtend gelb-weiß-orangen Sonne beschienen werden. Über dieser schwebt wie eine böse Vorahnung eine schwarze Wolke.

Ihr wirklich letztes Bild ist im Katalog zu finden: Eine Collage aus Fotografien ihrer Familie, ihrer Freunde, ihrer Lebenspartner und natürlich ihres Gartens mit dem Titel »Lebensbild«. Die 103 Bildkomplexe in dominierendem Schwarz-Weiß führen uns noch mal Hannah Höchs reiches und schwieriges Künstlerleben vor. Bis zum Ende hat sie in dieser Technik ihr Gedankengut, ihre Kritik, ihren Sarkasmus, aber auch Trauer und Schönheit veranschaulicht.

Alles in allem ist es eine logisch-stimmig aufgebaute Schau, deren Form jedoch fad erscheint. Es fehlt etwa an einem Video, das die Monotonie der gehängten oder in Vitrinen zu besichtigenden Arbeiten aufbricht. Mögliche Beispiele wären der dokumentarische Kurzfilm »Hannah Höch – jung geblieben«, gedreht 1968 von Hans Cürlis, oder »Hanna Höch: Im Innern der Flugbahn« von Hedwig Schmutte. Empfehlenswert ist der knapp 100 Seiten umfassende Katalog. Da nur ein Bruchteil der insgesamt 114 Werke aus dem musealen Gesamtbestand gezeigt wird, kann man im Begleitband, der deutlich mehr enthält, noch die ein oder andere Entdeckung machen.