Ausstellungsbesprechungen

Hokusai-Retrospektive, Martin-Gropius-Bau, Berlin, bis 31. Oktober 2011

Die japanische Kunst übte einen starken Einfluss auf die Entwicklung der europäischen Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts aus und half ihr dabei, sich vom konservativen Historismus zu befreien und neue Wege zu beschreiten. Eine herausragende Stellung kam hierbei dem Künstler Hokusai (1760-1849) zu, dem die Rolle eines künstlerischen Mittlers zwischen Ost und West zugeschrieben werden kann. Anett Göthe hat die Ausstellung zu seinem Werk besucht.

Die ersten Arbeiten von Hokusai erreichten Europa, als die Grenzen Japans für die Welt noch fest verschlossen waren, denn Japan versuchte sich von 1639 bis 1853 über zweihundert Jahre lang vor den Einflüssen der westlichen Welt und des Christentums abzuriegeln. Nur unter staatlicher Aufsicht durfte auf der kleinen, Japan vorgelagerten Insel Deshima Handel mit Holland und China betrieben werden.
Mit holländischen Exportschiffen, die vor allem japanisches Porzellan nach Europa brachten, gelangten noch zu Lebzeiten Hokusais einige seiner Farbholzschnitte und Malereien nach Europa. Zu dieser Zeit war die westliche Kunst noch stark vom Klassizismus und der Romantik geprägt. Der deutsche Arzt und Naturforscher Franz von Siebold, der sich von 1823 bis 1829 in Deshima aufhielt, war sofort von Hokusais Holzschnitten und Malerei fasziniert und begann als einer der ersten Europäer, die Werke Hokusais zu sammeln. Siebold brachte Ukiyo-e Blätter und Malerei nach Europa und publizierte sie 1858 in seinem enzyklopädischen Japanbuch »Nippon – Archiv zur Beschreibung von Japan…«. Damit machte er die Arbeiten Hokusais einer breiten Öffentlichkeit in Europa zugänglich.

Die erzwungene Öffnung der japanischen Grenzen im Jahre 1854 und die darauf folgenden Handelsbeziehungen Japans mit Amerika, Russland, Großbritannien und Frankreich brachten seitens Europas eine große Nachfrage nach Porzellan und anderen kunsthandwerklichen Erzeugnissen. Nachdem man Japan vorerst nur industriell Interesse entgegengebracht hatte, begannen jetzt auch die europäischen Künstler, sich mit der Kunst Japans zu beschäftigen. Allen voran entdeckten die französischen Impressionisten Hokusai und seine Zeitgenossen. Für den Prozess des Entdeckens und Beeinflussens in der Zeit der Weltausstellungen und des Überwindens des Historismus steht in der Literatur eine Anekdote, die im Zusammenhang mit dem beginnenden Japonismus in Europa immer wieder erzählt wird: So wird berichtet, dass der bedeutende Graphiker Félix Bracquemond eines Tages bei seinem Drucker Auguste Delâtre ein japanisches Bilderalbum entdeckte, das als Packmaterial für importiertes Porzellan diente. Dieses Büchlein war Hokusais »manga«. Bracquemond drängte seinen Drucker, ihm das Büchlein zu überlassen. Daraufhin trug er es immer bei sich und zeigte es mit Stolz und Begeisterung seinen Malerfreunden Manet, Degas und Whistler.

Diese Geschichte steht für den Beginn der Entwicklung eines neuen Sehens und künstlerischen Schaffens, das durch die neuen Gestaltungselemente der japanischen Farbholzschnitte geprägt wurde.
Bei all der Begeisterung für die zarten Holzschnitte und teilweise kuriosen Zeichnungen in Hokusais »manga« konnten die französischen Impressionisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrunderts noch nicht ermessen, welchen großen Schatz an Kreativität und Schöpferkraft sie mit dem äußerst facettenreichen Künstler Hokusai entdeckt hatten.

Diese Vielfalt an Ideen und Virtuosität in Hokusais Werk versucht die aktuelle Ausstellung »Hokusai-Retrospektive« im Berliner Martin-Gropius-Bau anhand von über 400 ausgewählten Arbeiten zu erschließen. Die Ausstellung gliedert sich räumlich in mehrere Teile, wobei jeder einer Schaffensperiode des Künstlers, der im Laufe seiner sich über mehr als 70 Jahre erstreckenden Karriere mehr als 30 Künstlernamen annahm, gewidmet ist. In ihrem Verlauf ist die künstlerische Entwicklung von Hokusai ebenso nachzuvollziehen wie seine Experimente mit verschiedenen Stilen. Beeindruckend ist die Zahl unterschiedlicher Exponate, von denen viele erstmals außerhalb Japans zu sehen sind und aus Privatsammlungen stammen, oder zu den neusten entdeckten Werken zählen. Die Fülle an gezeigten Arbeiten offenbart die unglaubliche Wandelbarkeit Hokusais bis ins hohe Alter. Neben seinem wohl berühmtesten Werk, »Die große Welle vor Kanagawa« aus der Serie »36 Ansichten des Berges Fuji«, gibt die Berliner Schau weitere Einblicke in die scheinbar unerschöpfliche Kreativität des japanischen Ukiyo-e Meisters. Gezeigt werden verschiedene Motive des Theaters und der Mythologie, Alltagsszenen und feine Stillleben. Große Raritäten stellen die von Hokusai entworfenen Spielkartensätze und Bastelbögen dar, da diese Arbeiten naturgemäß nicht aufbewahrt, sondern genutzt und verbraucht wurden. Er illustrierte Gedichte und populäre Erzählungen. Er widmete sich dem Reisejournalismus, indem er seine Serien mit Ansichten bekannter Orte Japans schuf, und er entwarf Landkarten von japanischen Regionen und China, auf denen Sehenswürdigkeiten verzeichnet sind.

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Diese Ausstellung ist eine der wichtigsten Retrospektiven über Hokusais Werk außerhalb Japans in jüngster Zeit. Die letzte Hokusai gewidmete große Überblicksschau im deutschsprachigen Raum fand im Jahre 1901, in der Zeit der Hochphase des Japonismus und des Jugendstils, in Wien statt. Dort zeigte des Museum für Angewandte Kunst damals die beachtliche Zahl von 630 Werken aus dem Œuvre Hokusais.
Bei all der Fülle und Vielseitigkeit der in Berlin ausgestellten Werke Hokusais, die das Auge des Betrachters in der Ausstellung von der ersten Sekunde an fesseln, muss bewusst gemacht werden, dass es sich dabei nur um einen Bruchteil des Werkes Hokusais handelt. Von einem »Gesamtwerk«, wie die Berliner Ausstellung vereinzelt in der Presse tituliert wird, kann hier keine Rede sein.

Trotz der vielen filigranen Details in den Holzschnitten und Zeichnungen, die sich in den vielfältigen Motiven wie Landschaft, Theater, Blumen- und Tierdarstellungen finden, ist die Ausstellung auf keinen Fall ermüdend. Im Gegenteil: Oft animieren die Motive Hokusais durch ihren intelligenten Witz zum schmunzeln. Ein wahrer Künstler, der die dargestellte Situation im Bild haarscharf auf den Punkt bringen kann und den Betrachter dazu einlädt, sich in der Schönheit der gedruckten und gezeichneten Landschaften und der Frische und Leuchtkraft der Farben zu verlieren. Dabei bleiben seine Werke, obwohl vor etwa 200 Jahren entstanden, zeitgemäß und aktuell. Hokusais wohl bekanntester Holzschnitt »Große Welle vor der Küste von Kanagawa« birgt eine unglaubliche Schönheit und Leuchtkraft in sich und zeigt gleichzeitig den drohenden Untergang durch die zerstörerische Kraft des Wassers. Automatisch wird dem Betrachter die verheerende Tsunami-Katastrophe vom März diesen Jahres vergegenwärtigt. Doch im Zentrum des Bildes ruht der Fuji, der Hoffnung und Zukunft verheißt. Und das ist heute noch genau so wie zu Zeiten Hokusais.