Buchrezensionen, Rezensionen

Horst Bredekamp: Michelangelo. Fünf Essays. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009.

Noch druckfrisch präsentiert der Verlag Klaus Wagenbach die Publikation „Michelangelo“ von Horst Bredekamp, die sich durch einen unkonventionellen, scharf analysierenden Blick auszeichnet. In fünf Essays gelingt dem Autor aus verschiedenen Perspektiven und in einer kristallin geschliffenen Sprache ein neues, spannendes Porträt dieses beeindruckenden Menschen und Künstlers.

„Schon zu Lebzeiten ist Michelangelo als eine entrückte Größe erachtet worden, die etwas von dem verkörperte, was später mit dem Begriff des Erhabenen verbunden wurde“, so Horst Bredekamp im Vorwort seiner Essaysammlung. Um diese Erhabenheit sowie das Problem der Bedingtheit und Freiheit im Wirken Michelangelos nachvollziehen zu können, legt der Autor sein Augenmerk nicht ausschließlich auf die Gemälde, Skulpturen und Bauwerke, sondern auch auf das von Brüchen und Wendungen geprägte Leben des Künstlers, der mehrmals auf der Flucht vor seinen mächtigen Auftraggebern war.

In „Varianten der Vollendung (1498-1505)“ porträtiert Bredekamp in klarer Sprache den Vertragsschwindler Michelangelo, der die ihm angebotenen Aufträge annimmt, nur einen Teil davon vollenden kann und daraus eine künstlerische Tugend zu entwickeln sucht. Dergestalt entfaltetet sich in einer Zeitspanne, in welcher der Meister „im Vertrauen auf die eigene Phantasie und Arbeitskraft die verschiedensten Aufträge regelrecht aufsaugte“, ein „Kaleidoskop möglicher Grade der Vollendung“. Diese reichen „von Formen des suchenden Zugangs bis zur letzthändigen Fertigstellung“ [Bredekamp]. Während später in Skulpturen Auguste Rodins das Fragmentarische und Unvollendete zum Kern einer Moderne wurde, die eine „angemessene Antwort auf elementare Erfahrungen des 19. Jahrhunderts erkannte“, war Michelangelo nie bestrebt, das Non-Finito als vollendet auszuweisen. „Dass dies dennoch geschah“, so das schlüssige Ergebnis des Autors, „reflektiert die zeitliche Pression im Status der Zeitlosigkeit.“

Im zweiten Text „Ende (1545) und Anfang (1505) des Juliusgrabes“ wird demonstriert, wie Michelangelo ein vermeintlich katastrophales Scheitern in einen Triumph verwandelt. Giorgio Vasari und Ascanio Condivi, die beiden zeitgenössischen Biographen des Künstlers, charakterisierten das Wandgrab von 1545 „als Endpunkt einer Verhinderungskampagne“, weshalb das Freigrab von 1505 „zum strahlendenden Gegenstück“ avancierte, „das als Entschuldigung für das schließlich ausgeführte Werk und zugleich als Anklage gegen die päpstlichen Verhinderer in Stellung zu bringen war“ [Bredekamp]. Doch verdeutlicht Bredekamp in diesem spannend zu lesenden Essay dem Leser, dass der Künstler sein Freigrabkonzept von 1505 vier Jahrzehnte später zumindest für die Einbildungskraft verwirklicht hat. „Mit welch geradezu diebischer Freude er [Michelangelo] in einer Zeit, in der er seinen Verlautbarungen zufolge der Verzweiflung nahe war, das Grabmal beendet hat, wird“, so der Autor weiter, „an den vier mächtigen Voluten deutlich“, die als „Bildwerke [...] den Charakter von Skulpturen [besitzen], die etwas Abwesendes ersetzen und gerade in dieser Kompensationsfunktion ihre hintergründige Wirkung entfalten.“ Infolgedessen gelingt es den vier Architekturelementen, „die ‚Tragödie’ des Juliusgrabes in ein Satyrspiel“ [Bredekamp] zu verwandeln.

Fortsetzung von Seite 1

„Im Zustand der Belagerung (1528/29)“ befindet sich Michelangelo im politischen Spannungsfeld seiner Auftraggeber: Den aus Florenz vertriebenen Medici, die zugleich den Papst in Rom stellen, und der Florentiner Republik, für die er sich nach einigem Zögern entscheidet. Er zeichnet und baut mächtige Festungsanlagen, wobei er die Wahrnehmung des Betrachters aufnahm, „um diese zum Organ des Werkes selbst werden zu lassen“. So avancieren die „Wahrnehmungsenergien der Feinde [...] zum Bestimmungspotential seiner Entwürfe“. Durch „die wechselseitige Energiezufuhr gerät die zeichnende Raumplanung“, wie der Autor es so treffend formuliert, „zu einem Laboratorium der Einbildungskraft par excellence.“ Wenngleich Bredekamp seine Ergebnisse am Ende bündelt und diese Zeichnungen als „ein Wechselspiel von nach außen gewandter Wirkung und invertierter Formphantasie“ bewertet, scheint mir der Text in manchen Passagen in Bezug auf die Informationsfülle zu „schwächeln“, da sie beim Leser Verwirrung stiften könnte.

Mit „Der Künstler als Souverän (1549)“ präsentiert der Autor den grandiosen Architekten Michelangelo, der beim Neubau von St. Peter eine Machtfülle beansprucht, die wie ein Vorzeichen auf den Absolutismus wirkt. Der Architekt erhält – vergleichbar einem Souverän – „die Lizenz zur Zerstörung, die Möglichkeit autonomer Gestaltung, die freie Verfügung über Geldmittel und die Befreiung von der zuständigen Justiz.“ [Bredekamp] Dass das von Michelangelo eingereichte und von Paul III. bewilligte Schriftstück weitgehend Papier geblieben ist, macht seine Bedeutung jedoch keinesfalls zunichte, da in „Michelangelos Utopie einer souveränen Verfügung über die fabbrica von St. Peter [...] Strukturen der Architektur des modernen Staates erahnt“ [Bredekamp] werden.

Fortsetzung von Seite 2

In seinem abschließenden Essay „Die Figur des Moses als Gedankenfilm von Sigmund Freud (1912/13)“ hinterfragt Bredekamp kritisch die Verbindungslinie zwischen dem großen Psychoanalytiker, der Skulptur Michelangelos und dem Kino. Eine Frage, die nur auf den ersten Blick irritierend erscheint, denn Freud ließ Zeichnungen anfertigen, die die Phasen der internen Bewegungen des Moses darstellen. „Ohne filmische Prinzipien zu reklamieren, hat Freud sie offenbar dennoch genutzt, indem er in Michelangelos Moses den Film einer gedanklich imaginierten Bewegung erkannte, in dem die Psychoanalyse wie in einem Lehrstück ablief.“ [Bredekamp] Die Versprechung einer Bildbewegung wurde für Freud „nicht im Film selbst, sondern in der binnenbewegten Skulptur als eingelöst“ anerkannt. Und so scheint er für eine formbezogene Bewegung sensibilisiert worden zu sein, „die er nicht in der sukzessiv ablaufenden Bildfolge der Leinwand, sondern in der vom Standbild ausgehenden Bewegung der bildhaften Phantasie vollendet sah,“ wie Bredekamp erklärt. Damit wird in der Auseinandersetzung mit der Skulptur die Antwort auf das Filmerlebnis gegeben.

Horst Bredekamp beleuchtet in seinen fünf Essays das sich an Zeitumständen reibende Leben und Œuvre Michelangelos. Wenngleich der mittlere Beitrag nicht zur Gänze überzeugen kann, so ist die Publikation insgesamt informativ, spannend zu lesen wie ein Krimi und es finden sich überall Sätze, die wir unterstreichen, herausnehmen und bedenken möchten. Daher verspricht dieser wissenschaftlich fundierte und diskussionsanregende Band nicht nur für das Fachpublikum eine tolle Lektüre, sondern er lädt auch all diejenigen zum Lesen ein, die ein allgemeines Interesse an Michelangelos Leben und Werk haben. Ein Buch, das ich in meinem Bücherregal nicht missen möchte!