Kataloge

Hrsg. von Heinz Spielmann, Ortrud Westheider, Texte von Klaus Gallwitz, Ursula Harter, Mario-Andreas von Lüttichau, Sean Rainbird, Silke Schuck, Barbara Stehlé-Akhtar, Ortrud Westheider: Max Beckmann, Menschen am Meer, Hamburg 2003.

Das Meer seh’n. Mehr seh’n. Mehr vom Meer seh’n. Max Beckmann sieht und malt das Meer und noch vieles mehr

Wer in diesem Winter die Ausstellung „Max Beckmann. Menschen am Meer“ im Bucerius Kunstforum in Hamburg (9.11.2003 – 1.2.2004) gesehen hat, dem musste die Darstellung der Promenade des Anglais in Nizza oder die Kleine italienische Landschaft ebenso wie Der kleine Fisch als Bilder aus fernen sommerlichen Zeiten erscheinen.

Mit der Max Beckmann Ausstellung „Menschen am Meer“ ging das Bucerius Kunst Forum im Herbst 2003 in das zweite Jahr erfolgreicher Ausstellungstätigkeit.

Erklärtes Ziel der Ausstellung war es, und so schildert es auch Heinz Spielmann im Vorwort zum Katalog, nach zahlreichen Retrospektiven zum Werk des Malers Max Beckmann, nun einzelne thematische Aspekte aus dessen umfangreichem Werk zu untersuchen.

Mit der Wahl des Themas „Menschen am Meer“ ist es der Ausstellung vortrefflich gelungen, einen individuellen künstlerischen Aspekt zu beleuchten, der auf solche Weise bisher noch nicht aufgedeckt wurde. 1998 hatte die Hamburger Ausstellung „Landschaft als Fremde“ sich bereits zum Thema Landschaften bei Max Beckmann geäußert. Doch handelt es sich bei der jüngsten Max Beckmann-Ausstellung „Menschen am Meer“ nicht um das Meer als bloße Landschaftsform, sondern als Lebensform, wie der Katalog betont.

Fortsetzung von Seite 1

Der Katalog ist dank der nahezu komplett reproduzierten Ausstellungsstücke (36 Gemälde und 19 Zeichnungen) ein Augenschmaus und eine wunderbare Erinnerung an das Erlebnis der Ausstellung. Außerdem stellt er eine Veröffentlichung der Vorträge aus dem am 9. Juli 2003 im Warburg-Haus veranstalteten Symposium dar. Die Beiträge im Katalog gehen zum großen Teil auf diese Vorträge zurück.

Mit dem Max-Beckmann-Spezialisten Klaus Gallwitz hat nicht nur die Ausstellung einen vortrefflichen Kurator, sondern auch der Katalog einen ebensolchen Herausgeber gefunden.

Die ersten fünf Katalognummern zeigen Darstellungen der Nord- und Ostsee. Allesamt zeigen sie das Meer, „ein Zentralmotiv seiner Kunst“, in tosender heroischer Gebärde. Winterlich wildes Meer demgegenüber die vereinzelten menschlichen Gestalten die Rolle der Standhaftigkeit angesichts der Naturgewalt einnehmen.

Diese frühen Seestücke kommen ohne erzählende Elemente aus, ohne Staffagen und fast ganz ohne Menschen. Den Höhepunkt einer solchen Reduzierung auf das Meer als heroische Landschaftsdarstellung stellt das Gemälde „See bei Abend“ von 1907 dar (Kat. Nr.: 3). Allein die Bewegung der Wellen ist hier Protagonist der Darstellung.

Anders das Gemälde „Rivalen, 1908 (Kat. Nr.: 4). Es zeigt den Kampf zweier athletischer Männer im Bildmittelgrund und verlegt das tosende Meer in den Hintergrund. Endlich ein Bild, das dem Titel der Ausstellung „Menschen am Meer“ gerecht wird. Es gehört der Auffassung und dem Duktus nach in jene Gruppe der frühen Marinen, denn die tonige Fleckentechnik, die energischen Farbflecken, die Max Beckmann in den Jahren 1905 bis 1909 einsetzt, bestimmen auch hier die Bildauffassung. Sie entsprechen dem Tosen des dargestellten Meeres.

Fortsetzung von Seite 2

Diese Meerlandschaften der frühen Zeit, welche die ersten Katalognummern ausmachen, haben die Weite und Grenzenlosigkeit sowie die Urgewalt des Meeres zum Thema. Für den Betrachter wird hier eine spontane und unmittelbare Empfindung der Natur möglich. In den späteren Marinen ist das nicht mehr so. Die Meerlandschaften werden durch Staffagen und Bildarchitekturen verstellt. Der Zugang zum Meer ist nur noch mittelbar.

Erst Mitte der 20-er Jahre widmet Beckmann sich wieder intensiv der Darstellung von Seestücken. Die Motive findet er nun in mediterranen Gefilden.

Die neuen Ausblicksbilder unterscheiden sich in der Komposition nun grundlegend von den offenen Marinen der frühen Jahre. Nahm das Wasser zuvor fast den gesamten Bildraum für sich in Anspruch, so nimmt es in den Bildern der 20-er Jahre nur noch einen Bruchteil der Bildfläche ein. Das Fenstermotiv, das Ausstellung und Katalog mit den beiden herausragenden Gemälden „Landschaft mit Vesuv“, 1926 (Kat. Nr.: 6) und „Blick auf das Meer“, 1928 (Kat. Nr.: 7) präsentieren, ist typisch für diese Art der Bildauffassung.

Das wohl beeindruckendste Bild in der Ausstellung schmückt gleichsam den Buchdeckel des Kataloges und erhält damit die gebührende Ehre: „Der kleine Fisch (Der kleine Wels)“ von 1933 aus der Sammlung des Centre Georges Pompidou in Paris. Es handelt sich bei diesem prächtigen Gemälde um eine Verarbeitung der Kohle- und Kreidezeichnung „Junge mit Krabbe“ aus dem Jahre 1926 (Kat. 40), das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen und im Katalog abgebildet ist.

Es sind unter anderem solche Aspekte, welche die Ausstellung so lehrreich und interessant und aus dem Katalog geradezu ein Nachschlagewerk machen. Der Katalog macht die Entwicklung einer Bildidee visuell und intellektuell nachvollziehbar, beginnend mit der Präsentation einer der ersten Ideen bis hin zu einem viele Jahre später entwickelten Gemäldegedanken. Das Meer stellt in dem Gemälde „Junge mit Krabbe“ nur noch den inhaltlichen und bildlichen Hintergrund dar für eine farbenprächtige und voluminöse Figurengruppe.

Fortsetzung von Seite 3

Erst aus dem Jahre 1935 stammt das nächste reine Marinestück, welches die Ausstellung zeigt: „Meeresstrand“ (Kat.: 15). Im Gegensatz aber zu den Marinen aus dem ganz frühen Jahrhundert, die durch die Darstellung wuchtiger Wellen beeindruckten, widmete Beckmann sich 1935 der Umsetzung einer fast planen Wasseroberfläche.

Die Reihe der im Katalog abgebildeten Zeichnung vervollkommnet die Präsentation der Gemälde. Neben einigen Ideenskizzen (Kat.: 40, 43) repräsentieren die Zeichnungen auch Möglichkeiten abgeänderter Darstellungsformen von Motiven aus den gezeigten Gemälden (Kat.: 47, 48).

Das herausragendste Blatt unter den Zeichnungen ist aber sicher das „Selbstbildnis mit Fisch“ (Kat.: 56). Eine Tuschezeichnung, die Max Beckmann 1949 in Colorado ausführte. Mit einer Marine hat dieses Bild nun nichts mehr zu tun, so dass es sinnvollerweise den Platz der letzten Katalognummer einnimmt. Der Fisch wird wie eine Mahnung hochgehalten, um nicht vollkommen hinter den Symbolen der neuen Heimat Amerika zu verschwinden.

Im Anschluss an den farbenprächtigen und ausführlich beschriebenen Bildteil, führt der Katalog wissenschaftliche Texte zu spezifischen Themen der Malerei der Meereslandschaften von Max Beckmann an. So befasst sich beispielsweise Erhard Göpel in seinem Text mit dem Verhältnis Max Beckmanns zur Landschaft der Cote d’Azur. Diese Abhandlung trägt den bezeichnenden Titel: „Wunschträume". Der Aufsatz von Ursula Harter widmet sich dem abstrakteren Thema der „Metaphorik des Meeres bei Max Beckmann“.

Von der selben Autorin stammt die „Biographie in Tagebuch- und Briefnotizen“, welche den wunderbaren Katalog beschließt.

Fortsetzung von Seite 4

Seit der Ausstellung: „Landschaft als Fremde“ in der Hamburger Kunsthalle 1998 ist jene Klassifizierung längst aufgehoben, nach der die Landschaften Max Beckmanns stets im Schatten seiner großen Figurenbilder standen. Schließlich sind fast ein Drittel aller Gemälde Beckmanns Landschaften und die Vorliebe Beckmanns für das Meer wurde bereits durch diese frühere Ausstellung bekannt. Denn das ein oder andere Gemälde, was nun im Bucerius Kunst Forum zu sehen war, konnte man auch 1998 schon in der Kunsthalle bewundern. (u.a..: „Blick auf das Meer, rot, grau, blau“, „Landschaft mit Vesuv“ „Blick aus der Schiffsluke“, „Große Buhne“, „Kleines Bild mit Badenden“)

Der Katalog zur Ausstellung „Max Beckmann. Menschen am Meer“ ist wahrhaftig ein Augenschmaus. Doch er ist auch ein wunderbares Buch über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die Darstellung des Meeres als Landschaftsform zu verstehen. Dass diese Form der Landschaft unendlich viele Möglichkeiten der Darstellung kennt und dass Max Beckmann ein wahrer Meister dieser Kunstform war, zeigt der Katalog auf anschauliche und wissenschaftlich fundierte Weise.

 

Bibliographische Angaben

Max Beckmann, Menschen am Meer, Hrsg. Heinz Spielmann, Ortrud Westheider, Texte von Klaus Gallwitz, Ursula Harter, Mario-Andreas von Lüttichau, Sean Rainbird, Silke Schuck, Barbara Stehlé-Akhtar, Ortrud Westheider, Hamburg 2003, 172 S., 159 Abb., davon 92 farbig, geb., 29,80 €.