Interviews

Interview Dr. Tobias Hoffman, Direktor Bröhan–Museum und Kurator der Ausstellung Nordic Design, bis 1. März

Ausgehend von Avantgarde–Strömungen wie dem Bauhaus entwickeln Künstler aus den skandinavischen Ländern eigene Design–Ideen. Das Bröhan–Museum in Berlin zeigt eine Ausstellung, die sich speziell diesem »Nordic Design« widmet. Susanne Braun hat Dr. Tobias Hoffmann – Direktor des Bröhan–Museums und Kurator der Ausstellung – zu Entstehung und Besonderheiten dieser Stile interviewt.

Dr. Tobias Hoffmann © Bröhan Museum
Dr. Tobias Hoffmann © Bröhan Museum

Susanne Braun: Das Bröhan–Museum trägt den Zusatztitel »Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus«. Wie passt das »Bauhaus–Design« da hinein?

Tobias Hoffmann: Man sollte den Begriff »Bauhaus–Design« eigentlich nicht verwenden. Ich spreche lieber vom Design der Moderne, denn die Entwicklungen der 1920er Jahre wurden von vielen Zentren und Protagonisten getragen, die zum großen Teil nichts mit dem Bauhaus zu tun hatten. Das Bauhaus war ein wichtiger Player der Moderne, aber bei weitem nicht der einzige und bei weitem nicht der wichtigste. Viele Konzepte und Entwürfe der Moderne der 1920er Jahre kreisen um den Begriff Funktionalismus und das ist für das Bröhan–Museum der Anknüpfungspunkt.
Natürlich fällt das Bauhaus, als es 1919 von Walter Gropius gegründet wird, nicht vom Himmel. Vielmehr basiert es auf einer europaweiten Entwicklung, die Mitte des 19. Jahrhunderts in England beginnt. Im Mutterland der Industrialisierung entstand mit der Arts and Crafts–Bewegung die Idee, als Gegengewicht zur industriellen Produktion, das Handwerk mit der Kunst zu verbinden. Diese grundlegende Idee wurde in ganz Europa aufgegriffen und an Akademien ausbildete Maler wie Peter Behrens, Henry van de Velde und Richard Riemerschmid begannen nun, Möbel zu entwerfen und Häuser zu gestalten. Der Jugendstil ist Ausdruck dieses neuen Anspruchs, dass auch alltägliche Objekte künstlerisch sein sollen. Als Walter Gropius das Bauhaus in Weimar eröffnet, knüpft er mit der ganz engen Koppelung von Kunst und Handwerk genau an diese Tradition des Jugendstils und der Arts and Crafts Bewegung an. Wir haben dies in der großen Ausstellung »Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design eine neue Einheit Anfang 2019 thematisiert.

Alvar Aalto / O.Y. Huonekalu-ja, Rakennustyötehdas A.B. Armlehnstuhl Modell 41 „Paimio“ 1932 Birke, Formholz Privatsammlung Foto: Iiro Muttilainen © Alvar Aalto Foundation
Alvar Aalto / O.Y. Huonekalu-ja, Rakennustyötehdas A.B. Armlehnstuhl Modell 41 „Paimio“ 1932 Birke, Formholz Privatsammlung Foto: Iiro Muttilainen © Alvar Aalto Foundation


SB: Was ist „Nordic Design«?

TH: »Nordic Design« ist ein Überbegriff für die Entwicklungen des Designs in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland ab etwa 1930.

SB: Wie unterscheidet sich das Design aus Nordeuropa aber von dem, was wir heute unter dem „Bauhaus–Design« verstehen?

TH: Eines der interessanten Resultate dieser Ausstellung ist die Erkenntnis, dass die vier nordischen Länder ab Mitte der 1920er Jahre voller Interesse die Entwicklungen der deutschen Moderne rezipieren. Viele Architekten, Designer und Theoretiker reisen nach Deutschland, um die Bauten und Projekte der Modern zu besuchen. Ihre primären Reiseziele sind dabei die
Werkbundausstellung 1927 in Stuttgart, das Bauhaus in Dessau, der CIAM Kongress 1929 in Frankfurt und natürlich auch Berlin als dem kulturellen Zentrum der Weimarer Republik.

Sie nehmen grundlegende Konzepte der Moderne mit in den Norden, wie Bauen und Gestalten für das Existenzminimum und damit verbunden die Frage, ob gute Gestaltung für jedermann möglich ist; die Frage ob man eher auf handwerkliche oder industrielle Produktion setzen soll; und natürlich begeistern sie sich auch für die neue Ästhetik, sei es das Flachdach und die Glasfassaden in der Architektur oder das Stahlrohr und die Idee des Freischwingers im Möbeldesign.

Daraus entwickelt sich in Schweden und Finnland schnell eine eigenständige Weiterentwicklung dieser Konzepte. Die Ideen werden aufgegriffen aber den Bedingungen des Nordens entsprechend angepasst. Man verzichtet auf das verchromte Stahlrohr und arbeitet lieber mit Holz. Der rechte Winkel und die Geometrie als Grundlage der Entwürfe werden eher abgelehnt und dafür weiche, an der Natur orientierte Formen bevorzugt. Und besonders die Finnen haben ein ausgeprägtes Gespür für die Praktikabilität der Entwürfe. Eine Form, die sich nur an ihrer eigenen Ausgefallenheit berauscht, als Gegenstand tatsächlich aber nicht gut funktioniert, wäre dort undenkbar.

Dänemark entwickelt mit Designern wie Hans Wegner und Finn Juhl als Antithese zur deutschen Moderne ein Design, das voll aufs Handwerk setzt und edel verarbeitete fast skulpturale Möbel entwirft. Funktionalität wird dabei eng mit dem Begriff Behaglichkeit, um nicht zu sagen »Hygge« (Anm.: Urspr. Dänisch und Norwegisch für »hegen«, »Wohlbefinden verbreiten«), verbunden. Erst die zweite Generation der goldenen Ära des dänischen Designs mit Arne Jacobsen (1902–1971) und Poul Kjaerholm wagen sich an das »deutsche« Material Stahl im Möbeldesign heran. Aber auch sie vermeiden die kalte Ästhetik des Chroms und versuchen, den Stahl warm und behaglich erscheinen zu lassen.

Kaj Franck / Nuutajärvi glassworks Vasen „Seifenblase“ 1952 Glas Privatsammlung Foto: Iiro Muttilainen © Kaj Franck
Kaj Franck / Nuutajärvi glassworks Vasen „Seifenblase“ 1952 Glas Privatsammlung Foto: Iiro Muttilainen © Kaj Franck

SB: Wie prägend sind diese Design–Stile, die im 20. Jahrhundert entwickelt worden sind, bis heute?

TH: Etwa 90 % der Objekte der Ausstellung sind heute immer noch in Produktion. Die nordische Moderne ist zum nationalen Kulturgut der einzelnen Länder geworden. Dies bedeutet, dass sich viele der Entwürfe wie selbstverständlich in vielen Haushalten im Norden befinden. Das ist ein großer Unterschied zur deutschen Moderne, die immer Avantgarde geblieben ist. Die deutsche Geschichte hat mit den Brüchen von 1918, 1933, 1945, 1968 und 1990 auch im Design eine Kontinuität verhindert. Auf der einen Seite hat dies einen nationalen Design–Stil verhindert, auf der andere Seite aber auch eine Offenheit für Neues und auch für Einflüsse von außen gefördert.

SB: Sie bieten im Rahmen der Nordic–Design–Ausstellung jeden Sonntag eine kostenlose Führung an. Wie ich sehen konnte, wird die außergewöhnlich gut besucht! Außerdem gibt es eine kostenlose Design–Werkstatt für Kinder und Erwachsene sowie zahlreiche Veranstaltungen zum Thema der Ausstellung. Welche Vermittlungskonzepte haben Sie und welche Erfahrungen machen Sie damit?

TH: Wir setzen in der Vermittlung nicht nur auf die passive Rezeption der Inhalte, sondern auch auf eine aktive. Durch einen Workshopraum direkt in der Ausstellung soll die Kreativität der Besucher aktiviert werden und im Selbermachen die Inhalte der Ausstellung noch einmal anders reflektiert werden. Wir praktizieren dies seit drei Jahren und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht.


Tobias Hoffmann (*1970) ist ein deutscher Kunsthistoriker, Kurator und seit 2013 Direktor des Bröhan–Museums in Berlin.

Poul Henningsen Hängeleuchte „Spiral“ Entwurf 1942, Ausführung 1963 Jackson Design AB, Stockholm © Poul Henningsen / Louis Poulsen
Poul Henningsen Hängeleuchte „Spiral“ Entwurf 1942, Ausführung 1963 Jackson Design AB, Stockholm © Poul Henningsen / Louis Poulsen

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