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Interview mit Virve Sutinen, Künstlerische Leiterin von »Tanz im August«, Berlin 9. Bis 31. August

Jedes Jahr im Sommer bereichert das Festival »Tanz im August« rund vier Wochen lang die Stadt Berlin mit Tanzperformances, Installationen, Diskussionen, Tanz-Partys und vielem mehr. Susanne Braun hat mit der Künstlerischen Leiterin, Virve Sutinen, über die Besonderheiten des Festivals, Tanz als Ausdrucksform sowie die Tanz-Legende Deborah Hay gesprochen, der »Tanz im August« in diesem Jahr eine Retrospektive widmet. Das Interview liegt auf Deutsch und Englisch vor.

Virve Sutinen, Künstlerische Leiterin von »Tanz im August« © Zacharie Scheurer Merce Cunningham Centennial  CCN - Ballet de Lorraine "Sounddance" © Laurent Philippe   Happy Island 2018 "La Ribot Danc ando com a Diferenc a MUDAS Funchal © Camilla Greenwell / Caroline Morel Fontaine Merce Cunningham Centennial CCN - Ballet de Lorraine "RainForest-2" © Laurent Philippe
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Suanne Braun: Das diesjährige Programm von »Tanz im August« scheint mir wieder unglaublich vielfältig zu sein. Neben Produktionen von Tanz–Legenden wie Deborah Hay und Merce Cunningham finden sich etwa auch Darbietungen vieler junger Künstler, die aus verschiedenen Ländern kommen und sehr unterschiedliche Stile und Ansätze mitbringen. Ist Tanz eine Kunstform, die sich besonders gut zur Darstellung kultureller Vielfalt eignet?

Virve Sutinen: Es ist schwer zu sagen, ob Tanz dafür besser geeignet ist als andere Kunstformen, sicher aber genauso gut wie andere. Wir wollen sicherstellen, dass wir Vielfalt nicht aus dem Programm streichen, auch dahingehende, dass es neben verschiedenen Stilen und Ansätzen, unterschiedliche Körper und Einstellungen zum Körperlichen gibt. Letztlich haben wir alle Körper, so unterschiedlich sie auch sein mögen, und es ist eine der grundlegenden Erfahrungen aller Menschen, innerhalb eines Körpers zu sein. Meine Absicht ist es nicht, kulturelle Vielfalt zu fördern, sondern sie in unserer heutigen Welt als selbstverständlich zu betrachten. Ich denke, dass kulturelle Vielfalt etwas Gegebenes ist und, dass alle Künstler*innen, wo auch immer sie herkommen, die Möglichkeit haben sollten, ihre Ausdrucksweise selbst zu wählen.

Suanne Braun: »Tanz im August« eröffnet dieses Jahr mit der Premiere des Stücks »Animals on the Beach & my choreographized body... rivisited« von Deborah Hay. Ist das vielleicht so zu verstehen, dass das Werk einer Tanz–Legende wie Deborah Hay [Anm.: sie ist Gründungsmitglieder des Judson Dance Theatre] immer noch die Grundlage bildet, auf der die Tanzszene heute arbeitet?

Virve Sutinen: Ich bin der Meinung, dass alle aktuellen kulturellen Ausdrucksformen Teil eines historischen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Kontinuums sind. Auf diese Weise ist Deborah Hay eine besonders interessante Künstlerin, deren Werk seit Jahrzehnten Künstler*innen beeinflusst, inspiriert und dazu bringt, sich weiter zu entwickeln. Ihre Schriften und Workshops stellen unser Denken über Tanz und Choreographie immer wieder in Frage. Sie ist eine unermüdliche Pionierin, die auch ihre eigenen Tänze überdenkt und neu bearbeitet. So überrascht sie ihr Publikum immer wieder und hält es wach.  

Suanne Braun: Wie hat sich der Tanz zwischen den 1960er Jahren und heute verändert?

Virve Sutinen: Er hat sich verändert, genau wie der Rest der Welt. Wir leben heute in einem globalen »Tanz–Dorf«, in dem Stile und Trends überall hinreisen, die kulturellen Bezüge jedoch eher vage bleiben und die kommerzielle Nutzung von Tanz zu einem großen Teil des Alltags im Internet geworden ist. Ich denke, die größte Veränderung war die Art und Weise, wie wir über Choreographie denken: nicht nur als Grundlage für den Tanz, sondern als ein allgemeineres Konzept, für das es eine breite gesellschaftliche Anwendung gibt. 
Vielfalt war immer vorhanden, aber während wir unsere Vorstellung von »hoher« und »niederer« Kunst dekonstruiert haben, sind ganz neue Tanzkulturen in das Feld der Kunst eingetreten. Der akademische Tanz, der sich vorwiegend auf Ballett und Modern Dance konzentrierte, wurde durch populäre Stile und Subkulturen, aber auch durch den Sport und die Körperkultur im Allgemeinen bereichert. Aus diesem Grund hat heute die Bedeutung des Tanzes in Hinblick auf die Artikulation kultureller Erfahrungen zugenommen.

Suanne Braun: »Tanz im August« bietet nicht nur Tanztheaterproduktionen ein zu Hause, sondern beispielsweise auch einer Videoinstallation, in der die Choreographie von Deborah Hay die Besucher dazu inspirieren soll, sich mit ihrer eigenen Rezeption auseinanderzusetzen. Darüber hinaus gibt es viele Gesprächsformate mit den Künstlern*innen, an denen jeder teilnehmen kann. Und es gibt mehrere Partys, bei denen man selbst zum Tänzer werden kann. Was erwarten Sie sich von solchen Möglichkeiten des Gedankenaustauschs und der Publikums-Teilhabe?

Virve Sutinen: Was vor und nach den Vorstellungen passiert ist ein wichtiger Teil des Gesamterlebnisses! Manchmal scheint es schwierig, Tanzerfahrungen zu verbalisieren, aber eigentlich ist das nur eine Frage der Übung. Wir möchten den Dialog über und um den Tanz üben. Und nun, es ist auch wahr, dass ich selbst gerne rede... Die Besucher können übrigens auch an einem »Awareness Boost« teilnehmen, das neuartige »Werkzeuge« für den Einstieg in eine Performance bietet. Einem eher schüchternen Publikum empfehle ich die »Bibliothek im August«. Hier lassen sich von Künstlern empfohlene Bücher finden. Das ist auch eine Möglichkeit, die Welt eines bestimmten Künstlers besser kennen zu lernen.

Suanne Braun: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Virve Sutinen: »What is wrong with peace, love and understanding«, wie der Song sagt! Wenn das Festival dazu beitragen kann, dann hat »Tanz im August« jedem Besucher und jedem Künstler etwas zu bieten. Und natürlich hoffe ich, dass der zeitgenössische Tanz in Berlin und darüber hinaus die Unterstützung und den Respekt erhält, den er verdient.

Biografie:
Virve Sutinen ist seit 2014 Künstlerische Leiterin von »Tanz im August - Internationales Festival Berlin«. Sie hat vergleichende Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Soziologie an der Universität Helsinki studiert und einen Abschluss am Performance Studies Department der New York University. Sie war Leiterin des »Kiasma Theatre«, des Festivals »Moving in November« sowie des »Rotation Dance Festival« in Helsinki. Außerdem war sie Mitbegründerin und Co-Leiterin der Festivals »theatre.now« und »URB Urban Festival«. Von 2008 bis 2013 war sie Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des »Danses Hus Stockholm« und Präsidentin des »IETM- Netzwerks« (international network for contemporary performing arts). Von 2006 bis 2012 hatte Virve Sutinen den Vorsitz des »Nordic Culture Point’s Mobility and Network-Programm« inne. Sie war außerdem Mitbegründerin des EDN (European Dancehouse Network) und gehörte zum künstlerischen Leitungsteam von »ENPARTS« (European Network of Performing Arts). Derzeit ist sie u.a. Jurymitglied der European Festival Association »Europe for Festivals, Festivals for Europe« (EFFE).


Interview in English:

This year's program of »Tanz im August« seems unbelievably diverse to me again. The programme includes productions by dance legends such as Deborah Hay and Merce Cunningham as well as many young artists. They come from different countries and bring with them very different styles and approaches. Is dance an art form that is perhaps particularly suited to depicting cultural diversity?

Virve Sutinen: Well, I think it is hard to say that it is more suited than other art forms, but surely as suited as others. Our intention is to make sure that we are not erasing diversity from the program, and that along with different styles and approaches there are different bodies and bodily attitudes. After all, we all have bodies, as different as they might be, it is one of the fundamental human experiences to be in a body. My intention is not to promote cultural diversity, but take it as a given in our contemporary world. I would like to think that cultural diversity is a fact, and that all artists, wherever they come from, should be free to choose their way of expressing themselves.

»Tanz im August« opens this year with the premiere of the play »Animals on the Beach & my choreographed body... rivisited« by Deborah Hay. Is this perhaps to be understood as meaning that the work of dance legends such as Deborah Hay still forms the basis on which the dance scene still works today?

Virve Sutinen: I would like to think that all current cultural expressions are part of a historical, political, social and economical continuum. In this way, Deborah Hay is an especially interesting artist, whose work has been developing, influencing and inspiring artists for decades, and whose writings and workshops keep on challenging our thinking of dance and choreography. She is a relentless pioneer, who keeps on re-working and re-thinking her own dances and therefore keeps her audience suprised and alert, too.

How has dance changed between the 1960s and today?

Virve Sutinen: Dance has changed just like the rest of world has. We live now in a global dance village, where styles and trends travel, where cultural references are aloof, and commercial use of dance has become a huge part of everyday life in the internet. I think the biggest change has been in the ways we are thinking about choreography, not only as something special for dance but as a more general concept that has wide societal application.

The diversity was always there, but as we have been deconstructing our thought about high and low arts, whole new dance cultures have entered the art’s field. The academic dance of ballet and modern, have been enriched by popular styles and subcultures, and also by the sports and body culture in general. This is why dance has grown its importance in the cultural articulation of contemporary experience.

»Tanz im August« is not only home to dance theatre productions, but also, for example, a video-Installation in which the choreography by Deborah Hay is intended to inspire visitors to examine their own reception. In addition, artists in the Library »Bibliothek im August« talk about books that have particularly influenced them. There are many talk formats with the artists in which anyone can participate. And there are also several parties where everyone can become a dancer themselves. What experiences do you have with these diverse opportunities to exchange ideas and participate?

Virve Sutinen: The before and after performance are an important part of the whole experience! Sometimes, it is hard to verbalize dance experiences, but it is just a matter of practiceü. We would like to practice dialogue about and around dance. Well, it is true also that I myself like to talk…. One can also participate in »Awareness Boots«, which gives new kind of »tools« to enter a performance. For shyer audience members, I would recommend the Library Bibliothek im August«, where one can find books recommended by artists. It is one way of entering the world of a specific artist.

What do you want for the future?

Virve Sutinen: »What is wrong with peace, love and understanding« as the song goes! If the festival can play a part in this, then that is what »Tanz im August« can do with the audience and the artists of each edition. Naturally, I hope that contemporary dance will achieve the support and respect that it deserves in Berlin and beyond.