Ausstellungsbesprechungen

Jean Paul Gaultier – From the Sidewalk to the Catwalk, Kunsthalle München, bis 14. Februar 2016

Er gilt nach wie vor als Enfant terrible der Mode: Jean Paul Gaultier. Seine Kreationen sind wild, manchmal regelrecht fantastisch und einigen eilt der Ruf voraus, so gut wie untragbar zu sein. Und doch prägt der Designer seit mehr als dreißig Jahren die Modewelt, handelt es sich bei seinen Kleidern doch wirklich um regelrechte Kunstwerke. In München sind nun viele davon zu sehen. Katharina Glanz war da.

»From the Sidewalk to the Catwalk« ist der Titel einer Ausstellung zum umfangreichen Werk des Modedesigners Jean Paul Gaultier, die ab sofort in der Kunsthalle in München zu sehen ist. Es handelt sich dabei nicht um eine Retrospektive im klassischen Sinne. Vielmehr gibt die Schau einen Einblick in das überwältigende und umfangreiche Werk des Designers. Über 150 Kreationen von Haute Couture und Pret-a-Porter bis hin zu Film- und Theaterkostümen, ergänzt durch Filme und Fotografien, sind zu sehen. Das Ganze ist jedoch keine reine Moden-Werkschau, sondern eine spektakuläre Inszenierung, ein Gesamtkunstwerk, das dem Besucher in einer opulenten Show den Geist Gaultiers spürbar macht.

Eigentlich, so betont der Meister launig zur Eröffnung, sei er gegen eine solche Ausstellung gewesen, denn für ihn »klang Ausstellung ein bisschen nach Tod.« Zum Glück für uns hat er sich aber dann doch noch überzeugen lassen, und so ist die Schau nun nach Stationen in Montreal und Paris auch in München zu sehen. Gaultier berichtet weiter von den Ursprüngen seines Schaffens in der Kindheit, von seinem ersten Model, dem Teddy, dem Einfluss der Filmkunst sowie von der Bedeutung der Modefotografie für sein Werk.

Gaultier begann als Autodidakt und wurde in den achtziger und neunziger Jahren berühmt mit exzentrischen Entwürfen wie der bekannten Korsage für den Popstar Madonna. Für München entwarf Gaultier eigens eine freizügige Version der klassischen Tracht. Gaultiers Stil gilt als ironisch, kühn und unkonventionell, was sich nicht zuletzt in der Wahl seiner Materialien widerspiegelt. Mit größter Handwerkskunst verarbeitet er diese in seinem Atelier in oft unkonventionellen Kombinationen zu seinen Avantgarde-Kreationen.

Die Ausstellung ist in sieben Kapitel gegliedert, die grundsätzlich in beliebiger Reihenfolge rezipiert werden können. Das erste Kapitel, »Der Salon«, ist eine Reminiszenz des Künstlers an den Schönheitssalon seiner Großmutter. Er war fasziniert vom Charme der altmodischen Garderobe. Insbesondere das Korsett beeindruckte den Jungen so sehr, dass es später zu einem zentralen Element des Werkes wurde. Zahlreiche Stars, unter anderem Madonna und Kylie Minogue, trugen Variationen des Kleiderstücks mit den spitzen Brüsten. Neben Korsagen in verschiedensten, vor allem goldfarbigen Ausführungen steht im Zentrum des Raumes das älteste Gaultier-Modell, der berühmte Teddy, bekleidet nur mit einem spitzbrüstigen Oberteil und umgeben von Parfumflakons.

Matrosen, Meerjungfrauen, Sirenen und Nymphen sind immer wiederkehrende Figuren in Gaultiers Schaffen. Ihnen ist das Kapitel »Odyssee« gewidmet. Gestalten, die als Prototypen der Verführung gelten, werden hier mit verschiedenen lasziv wirkenden Madonnenfiguren als Gegenwurf zu den triebhaften Mischwesen konfrontiert.

Fortsetzung von Seite 1

Den Musen ist ein weiteres Kapitel der Ausstellung gewidmet. Seine Musen, so führt Gaultier aus, müssten nicht per se perfekt sein. Für ihn sei es besonders wichtig, dass diese verschiedene Charaktere verkörperten und sich selbst treu blieben. Sie müssten nicht einem klassischen Schönheitsideal entsprechen, sondern sich individuell bewegen können und vor allem das Leben in seinen verschiedenen Facetten repräsentieren. Daher holt Gaultier auch Personen auf den Laufsteg, die nicht dem gängigen Ideal entsprechen, und er bricht ebenfalls mit der geschlechtlichen Zuordnung der Kleidung: Männer tragen Frauenkleidung, Frauen Männerkleidung, androgyne Modelle treten auf. Hier wird unter anderem auch der Aspekt der Zusammenarbeit mit schillernden Persönlichkeiten wie Conchita Wurst beleuchtet, einer Gestalt, die mit ihren Attributen der Manneskraft und der zugleich äußerst femininen Wirkung ein, so Gaultier, ganz neues Genre begründe.

Ein weiteres Kapitel ist unter dem Titel »Metropolis« der zahlreichen Film-, Theater- und Opernkostümen des Designers gewidmet. Unter dem Motto »Großstadt-Dschungel« wird in einem anderen Raum darauf verwiesen, wie die Mode, wie einzelne Kleidungsstücke einen Dialog zwischen Kulturen und Ethnien begründen und geografische Grenzen, religiöse Überzeugungen und Sprachbarrieren überwinden können. Das facettenreiche Werk Gaultiers ist zugleich von verschiedenen Epochen von der Belle Époque bis zum Punk beeinflusst. Das Kapitel »Punk cancan« zeigt dem Betrachter diese Verbindungslinien anhand einzelner Stücke anschaulich auf. Immer wieder werden dabei die Aspekte von Nacktheit, Erotik und Geschlechterrollen hinterfragt. Der menschliche Körper, dies wird ganz deutlich, ist in mannigfaltiger Weise die Basis von Gaultiers Arbeiten.

Modenschauen enden traditionell mit Brautmode. Daher kann man das Kapitel »Bräute« als Abschluss des Rundgangs sehen. Zahlreiche eindrucksvolle Brautkleider, aufwändig gearbeitet und verziert, sind hier zu sehen. Gaultiers Brautkleider sind unkonventionell und von den verschiedensten Einflüssen inspiriert. Nicht selten brechen sie mit dem Prinzessinnenimage, welches der Brautfigur anhaftet.

Die von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitete Ausstellung ist als multimediale Show konzipiert. Ein besonderer Hingucker sind sicherlich auch die zahlreichen gleichermaßen gruselig wie echt wirkenden Schaufensterpuppen, die ihre lebendige menschliche Wirkung der Videoprojektion verdanken. Must see!