Ausstellungsbesprechungen

Künstlerkolonie Worpswede – Ein Stück vom Himmel? / Alfred Kollmar – Von Besigheim nach Worspwede

Worpswede hat Konjunktur, immer. Überraschend ist, dass dem kultigen Renommee der Künstlerkolonie eine relative Unkenntnis über die Gründungsväter gegenübersteht, die jenen öden Flecken im Teufelsmoor zum Publikumsmagneten machten.

Die berühmteste Worpswederin, Paula Modersohn-Becker, steht 2007, hundert Jahre nach ihrem Tod, im Rampenlicht der Biographen und Museen und wird oft gleichgesetzt mit dem künstlerischen Aufbruch vor den Toren Bremens um 1900 – Mitgründerin der Kolonie war sie jedoch nicht.

Den Charme des unter den Malerhänden plötzlich florierenden Fischerdorfes kann man sicher nur schwer in eine süddeutsche Stadt verpflanzen. Und da ein solcher Transfer schon einiger organisatorischer Kniffe bedarf, ist der Titel der Ausstellung, den die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen als Frage in den Raum gestellt hat, bestimmt vielschichtig zu sehen: »Künstlerkolonie Worpswede – Ein Stück vom Himmel?« Natürlich sprechen die Bilder auch ohne himmlischen Beistand für sich, im Gegenteil: Als im Jahr 1889 eine Handvoll Maler begann, das Licht dieser urwüchsigen Landschaft einzufangen, machten sie nicht nur den Geist des einfachen Lebens entlang der Katen, Kanäle und Kähne, sondern auch von sich aus den Himmel in nahezu idyllischer Pracht unsterblich.

Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck, Hans am Ende, Carl Vinnen und Heinrich Vogeler ließen sich hier nieder – und damit begann der Siegeszug der Künstlerkolonie. Ihn nachzuzeichnen, haben sich die Ausstellungsmacher in Bietigheim-Bissingen vorgenommen. Damit eröffnet sich die einmalige Chance, eine der spannendsten Künstlergemeinschaften auch im Süden in einer großen Auswahl – von über 130 Bildern und Plastiken – kennen zu lernen. Weitere Stationen sind nicht vorgesehen.

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Die Bandbreite der Worpswede-Schau lässt kaum Wünsche offen. Der harte Gründerkern ist genauso vertreten wie die stattliche Zahl der Künstlerinnen, allen voran freilich Modersohn-Becker – darüber hinaus dürften Ottilie Reylaender, Marie Bock und selbst die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, Gemahlin des berühmten Dichters, im »wilden Süden« wahre Entdeckungen sein. Doch damit nicht genug. Es zeichnet Worpswede aus, dass es nicht nur so üppige Blüten trieb, dass manche Künstler entnervt vom Rummel ins beschauliche Fischerhude um die Ecke auswichen, sondern eine besondere Dynamik entwickelte. So wandelte sich die Künstlerkolonie über die Zeit des Ersten Weltkriegs hinaus von der Kolonie zur Kunstwerkstatt, aus deren Schulen Möbelkünstler, Designer und Architekten hervorgingen. Willy Dammasch, Bernhard Hoetger und Albert Schiestl-Arding stehen für die Fortpflanzung einer Idee wie für deren Vielfalt an realistischen, symbolistischen und expressionistischen Positionen. Nur am Rande sei ergänzt, dass Worpswede bis in die Gegenwart weithin bekannte Künstler beherbergt wie etwa Friedrich Meckseper, Waldemar Otto oder Peter Jörg Splettstößer.

 

Ist die Überblicksausstellung zur Worpsweder Künstlerkolonie schon spektakulär, wartet die Städtische Galerie darüber hinaus mit einer Sensation auf: Parallel dazu ist eine Einzelschau mit Arbeiten des Malers Alfred Kollmar, der, geboren 1889 in Besigheim, im Kindesalter mit der Familie in den Bremer Raum zog. Frühzeitig fand der Fabrikantensohn Kontakte zur Kunst, zog mit seinem Freund Ernst Rowohlt – später bedeutender Verlagsgründer – durch die Kneipen und folgte dem väterlichen Willen, der ihm eine Lehrstelle in Shanghai vermittelte, von wo Kollmar als kränkelndes Nervenwrack zurückkam.

Als der dilettierende Künstler 1919 in Worpswede Fuß fasste, hatten sich die Gründungsmitglieder der Kolonie bereits entzweit und politisiert – zwischen Konservatismus (Mackensen) und Sozialismus (Vogeler). Aus den naturnahen Schilderungen atmosphärischer Eindrücke und den wechselhaften Naturschauspielen der Tages- und Jahreszeitenabläufe hatten expressive Darstellungen die Oberhand gewonnen (Damasch, Schiestl-Arding). Hoetger hielt den neuen Kreis mehr oder weniger zusammen. Doch Kollmar fand noch den engsten Bezug zu dem exzentrischen Alkoholiker Otto Tetjus Tügel. Jenem sentimental-skurrilen Maler und Dichter, der bezeichnenderweise vergaß, den versprochenen Nachruf auf Kollmar zu schreiben, nachdem dieser sich im März 1937 das Leben genommen hatte. – Martha Vogeler würdigte den Künstler mit einer kleinen Ausstellung, konnte aber nicht verhindern, dass, von einer Präsentation einiger seiner Arbeiten 1967 abgesehen, erst jetzt eine umfangreiche Werkschau mit über 60 Gemälden an Alfred Kollmar erinnert. Sie wird nach dem Start in Worpswede nun in Bietigheim-Bissingen, später in Oldenburg (Landesmuseum 23.8.–14.10.2007) zu sehen sein.

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Die suggestive Kraft und düstere Stimmung hinter grellen Farbakkorden, die von den Bildern Alfred Kollmars ausgehen, korrespondieren mit den verschiedenen Untergangsvisionen der modernen Kunst. Ebenso nimmt die verhaltene Monumentalität einer Paula Modersohn-Becker den Höhenflug der Klassischen Moderne vorweg, während das Gros der Worpsweder Künstler den Bogen der großartigen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts ins 20. Jahrhundert schlagen. Die Ausstellung wird von zwei Katalogen flankiert, von denen der Worpswede-Band als Überblicksdarstellung eine Lücke schließt. Tatsächlich findet man wenig Vergleichbares im Handel, was vielleicht daran lag, dass die Fragen an die Künstlerkolonie in Süddeutschland weniger verbraucht sind und damit noch mit Neugierde an eine scheinbar allseits bekannte Gruppe von Malern und Malerinnen herangeht. Dankenswerterweise haben die Ausstellungsmacher auch keine Kosten und Mühen gescheut, dem in Vergessenheit geratenen Alfred Kollmar einen eigenen Katalog zu widmen. Dieser würdigt einen wichtigen Expressionisten, der eine Brücke schlägt von Süddeutschland hinauf in den Norden (auch das ist selten: herausgegeben in Bietigheim-Bissingen, wurde dieser Katalog in Bremen gedruckt). Workshops für Kinder und Erwachsene ergänzen das begleitende Programm zu einem familientauglichen Ereignis.

 

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Dienstag bis Sonntag 11.00–18.00 Uhr
Donnerstag 11.00–20.00 Uhr