Buchrezensionen, Rezensionen

Leonardo da Vinci: Schriften zur Malerei und sämtliche Gemälde, herausgegeben von André Chastel, Schirmer / Mosel 2011

Leonardo da Vincis berühmter Traktat ist wohl eines der am häufigsten zitierten Fragmente der Literatur überhaupt. Leonardo hatte seine Notizen über Jahrzehnte fortgeschrieben, ohne dass jemals ein Abschluss dieser Arbeit in Sicht gewesen wäre, und nach dem Tod seines Erben wurden die Manuskripte in verschiedene Konvolute aufgeteilt und in alle Himmelsrichtungen verkauft. Der Pariser Kunsthistoriker André Chastel (1912 – 1990) legte 1960 eine auch philologisch saubere Edition dieser Schriften vor, die jetzt wieder auf Deutsch zugänglich ist. Stefan Diebitz las das Buch.

Die deutsche Ausgabe der Schriften Leonardos erschien bereits 1990, was der Leser eigentlich sofort an der alten Rechtschreibung bemerkt. Trotzdem ist die Neuauflage ein erfreuliches Ereignis, denn der Preis des schön gebundenen und auf hochwertigem Papier gedruckten Buches ist für die Qualität durchaus moderat, und weder an der Bedeutung der Notizen Leonardos noch an dem Wert der Arbeit Chastels kann irgend ein Zweifel bestehen. Die vielfach verstreuten und ungeordneten Papiere Leonardos hat Chastel in Gruppen sortiert, zusammengestellt und kommentiert. In seinem ausführlichen Vorwort informiert er den Leser über das Schicksal der Originalmanuskripte, die nach dem Tod Leonardos Francesco Melzi (1491 – 1570) erbte, der ihn nach Frankreich begleitet hatte. Erst nach dem Tod dieses Schülers, der noch ganz ernsthaft eine seriöse Edition des »Trattato della pittura« angestrebt hatte, wurden die Papiere in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Der Schuldige war Melzis Sohn, der den Nachlass, in verschiedene Konvolute aufgeteilt, an zahlungskräftige Kundschaft verscherbelte.

Das Buch enthält nicht allein die in fünf Kapitel zusammengefassten, vom Herausgeber je neu eingeleiteten und zurückhaltend kommentierten Aufzeichnungen des Malers, sondern noch zusätzlich die zeitgenössischen Viten Leonardos aus der Feder Paolo Giovios (1527), Anonimo Gaddianos (1545) und Giorgio Vasaris (1550/68). Dazu kommen 23 Bildtafeln mit den erhaltenen Gemälden Leonardos.

Den größten Teil des Buches machen natürlich Leonardos Schriften aus. Was der Leser vorfindet, sind nicht immer leicht lesbare, weil in zahllose Fragmente aufgeteilte Reflexionen über sämtliche Aspekte der Malerei, die aus der Sicht eines avantgardistischen Künstlers zwischen Mittelalter und Neuzeit umstritten oder irgendwie wichtig waren. Manches ist im Stil eines Lehrbuches geschrieben und sollte der Unterweisung von Malerschülern dienen, andere Passagen sind eher philosophische oder kunsttheoretische Überlegungen oder auch Beobachtungen über den Menschen. Besonders beeindruckend – auch in rhetorischer Hinsicht – sind die Passagen über die Anatomie, in denen Leonardo über seine eigenen Erfahrungen mit der Sektion von Leichen schreibt. Und auch heute noch können seine anthropologischen Beobachtungen belehren, etwa über den Ausdruck des Menschen, verbunden mit Tipps für den Maler, wie er diese möglichst unauffällig und dazu noch schnell in sein Skizzenbüchlein übertragen kann.