Ausstellungsbesprechungen

Manet – Sehen. Der Blick der Moderne, Hamburger Kunsthalle, bis 4. September 2016

Zehn Jahre leitete er mit Glück die Hamburger Kunsthalle, jetzt nimmt Hubertus Gaßner seinen Abschied mit einer Ausstellung, in der er Édouard Manet als einen der Väter der modernen Kunst präsentiert. Stefan Diebitz ist von der Ansammlung wirklicher Meisterwerke beeindruckt.

Wie weit ist es eigentlich her mit der Bildungsrepublik Deutschland? Der Umgang mit den Museen könnte der Probierstein sein – ist es mehr als bloße Rhetorik, wenn Politiker die Bildung hochleben lassen, oder sind es doch bloße Sonntagsreden? Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kultur wirklich geschätzt und gefördert wird. Die Hansestadt Hamburg, die mit der Kunsthalle eines der schönsten und am besten bestückten Kunstmuseen Deutschlands besitzt, hat seine Kunsthalle zuletzt eher schlecht behandelt, und es bedurfte großer Energie und hinter den Kulissen wohl auch viel diplomatischen Geschicks, um das Haus durch eine gefährliche See von Ablehnung und Gleichgültigkeit zu steuern. Hubertus Gaßner ist das ausgezeichnet gelungen, denn nach der großen Renovierung ist das Haus schöner denn je, und den Besuch der Kunsthalle kann man deshalb in diesem Sommer gar nicht warm genug empfehlen; wer durch die Flucht der Säle geht, der wandelt von einem Meisterwerk zum nächsten, angefangen mit dem Mittelalter, endend in der Gegenwart.

Im Mai strömten endlich einmal wieder die Massen – buchstäblich die Massen, denn wer das Haus wieder verließ, der glaubte Hamburg leer zu finden, solche Besuchermengen drängten sich in den schönen Räumen vor den berühmten Bildern. Und warum? Weil ein großzügiger Sponsor mit einer Spende für freien Eintritt gesorgt hatte. Bund und Länder sollten sich angesichts dieser Demonstration des Hungers nach Bildung und Schönheit einmal fragen, ob der Eintritt nicht überall viel zu hoch ist und es nicht angesagt wäre, Museen nicht allein in Hamburg viel, viel großzügiger zu unterstützen, damit diese ihre Preise endlich wieder senken können – vielleicht sogar auf Null. Das wäre wirklich ein Schritt in Richtung »Bildungsrepublik«.

In diesem Sommer also Édouard Manet. Der französische Malerfürst ist für Hubertus Gaßner einer der Väter der Moderne, in seinen Worten ein »Türöffner für die Gegenwartskunst« – nicht weniger versucht er mit seiner Abschiedsausstellung zu zeigen. Das moderne Kunstwerk geht auf uns zu und fordert uns, und so begründet der Blick, mit dem der Porträtierte seinen Betrachter aus dem Bild heraus anschaut, die Moderne: das ist die These dieser Ausstellung. Mit den Worten des den Katalog eröffnenden Beitrags von Michael Lüthy geht es »um das Sehen im Bild und das Sehen des Bildes – und um die Folgen, wenn beides aufeinandertrifft.« So spielt das Sehen oder das Anblicken in eigentlich allen Bildern eine wesentliche Rolle. Manets Figuren schauen fast alle den Betrachter offen an, und wenn sie es nicht tun und zur Seite blicken, so ist doch dieser Blick trotzdem immer noch das wesentliche Motiv des Bildes.

Es sind also die Bilder, die uns anschauen, so dass die Perspektive im Vergleich zur Tradition faktisch umgekehrt wird: nicht wir treten in ein Bild mit einer großen Tiefe ein (landschaftliche Tiefe findet man auf keinem der Bilder Manets), sondern der Hintergrund ist geschlossen, und oft verschwimmen der Boden und die rückwärtige Wand ineinander – ein Verfahren, das Manet neben anderem von seinem großen Vorbild Diego Velázquez übernommen hat. Vor dieser oft graubraunen Wand oder einem meist uninteressanten Hintergrund steht aber ein Mensch und schaut uns unverwandt an.

Es kann natürlich sein, dass dieser Blick auf den Betrachter auch effekthascherisch gemeint war. Der ungeliebte Manet sah seine Bilder im alljährlichen Salon nämlich immer weit oben gehängt (meist gab es drei Reihen, und die obersten Bilder sah man am schlechtesten), und wenn seine Arbeiten überhaupt auffallen sollten, dann mussten sie etwas Besonderes sein und den Besucher anstarren: So und nur so fanden sie doch die Aufmerksamkeit, die sich der Künstler wünschte. Der Strategie Manets – darf man den großen Meister eine Skandalnudel nennen? – im alljährlichen Kampf mit Jury und Kritik hat Matthias Krüger im Katalog einen eigenen Aufsatz gewidmet (»Wie Manet den Salon bespielte«).

Schon Manets Vorbild Velázquez hat die einfachen Leute, ja sogar Hofzwerge mit ebenso viel Liebe und Respekt porträtiert wie König und Hochadel, und im Spanien des 17. Jahrhunderts konnte man damit offenbar umgehen; Manet dagegen provozierte, wenn er einen Bettler (»Philosophe (Le mendiant)« oder gar eine Kokotte malte, als seien sie ebensoviel wert wie die anständigen Bürger, die sich vor ihnen im Salon drängten. Es scheint, dass diese Bilder geradezu Wutausbrüche und gewisse ikonoklastische Aktionen (nämlich mit einem Regenschirm) provozierten, und es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Manets Skandale dem von der Jury wenig respektierten, von der Kritik entsprechend wenig geliebten Künstler nicht ganz unrecht waren. Dann wäre eben manches, was in den Jahrzehnten seines Schaffens der Moderne die Tür öffnete, die geschickte Marktstrategie eines Künstlers, der rechnen konnte und ja wahrscheinlich auch musste.

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»Nana« allerdings, das Skandalbild, das seit 1924 der Kunsthalle selbst gehört und das Plakat der Aufstellung schmückt, erregte im Salon kein Aufsehen, weil es erst gar nicht zugelassen wurde. Die weißgekleidete Kokotte schaut den Betrachter so ruhig und selbstbewusst an, wie es auch »Olympia« oder die Nackte auf dem »Frühstück im Grünen« tun. Es ist wohl wirklich dieser Blick, dieses Selbstgefühl, das provozierte, nicht etwa Nanas Dastehen in Unterwäsche – Nacktheit schließlich gab es im Salon auf vielen Bildern, aber der ältere Herr in Schwarz, der rechts von ihr sitzt und ihr bei der Toilette zuschaut, macht deutlich, dass es sich um eine Prostituierte handelt.

Übrigens gab es 1973 eine von Werner Hofmann kuratierte Hamburger Ausstellung unter dem Titel »Nana«, und Hofmanns Überlegungen zum Thema ist im Katalog unter dem Titel »Lehrjahre des Auges« ein Aufsatz von Joachim Kaak gewidmet, der um die »eigenartige Atmosphäre der Sprachlosigkeit« kreist, die für die Werke Manets so typisch ist. Sie findet sich unter anderem in dem »Frühstück im Atelier«, dessen Gegenstände so wenig zueinander passen wie die Figuren, von denen zwei uns direkt anschauen.

Ebenso ratlos lässt das berühmte Balkonbild den Betrachter zurück, denn weder erzählt das Bild eine Geschichte, noch klärt es uns über die Verhältnisse zwischen den Personen auf, die einfach nur so nebeneinanderstehen, wie es auch die drei Figuren auf dem »Frühstück im Atelier« tun. So sind Manets Bilder einerseits ganz und gar dem Bild des Menschen verpflichtet, andererseits sind sie rätselhaft und schon fast hermetisch verschlossen. Im Katalog heißt es, dass »Manet den Zusammenbruch von Bedeutung und Botschaft inszenierte«. Merkwürdig an diesem Bild ist, dass es als eines der ganz wenigen Werke Manets in die Tiefe führt, uns nämlich in die hinter dem Balkon liegende, allerdings verschattete Wohnung schauen lässt. Der Kommentar legt es nahe, dass der Blick in eine private Welt Manets ironische Reaktion auf ein eben erst vom Parlament verabschiedetes Verbot darstellte, privates Geschehen darzustellen.

Manet malte keine Landschaften, er malte Menschen. Die Ausstellung präsentiert fast nur Porträts – aber wie viele! und wie schöne! – und noch einige Gruppenbilder wie die eben angesprochenen. Besonders erwähnenswert sind noch die Bilder des mit Manet eng befreundeten Schauspielers Faure, den er als Hamlet malte, den Degen in der Hand, oder des Politikers Antonin Proust, in dessen Darstellung der Kommentar des Katalogs Anspielungen auf die Porträts des Diego Velázquez sehen möchte: »doch hat der Maler in Anspielung auf den Spanier den bei diesen Herrscherdarstellungen so häufig zu findenden Kommandostab in einen Spazierstock verwandelt und die Herrscherpose mit der in die Hüfte gestemmten Hand in das Innehalten eines Spaziergängers«.

Mein liebstes Porträt ist aber ein anderes. Besonders wegen seiner Ambivalenz anregend und interessant ist das Bildnis des Malers Desboutin, eines ehemaligen Adligen, der sich verspekulierte und sich nun als Künstler durchs Leben schlug. Eine genaue Analyse des Bildes kann sowohl Hinweise auf seine so ganz andere Vergangenheit wie auf seine jetzige prekäre Situation entdecken; aber großartig ist das Bild mindestens ebenso sehr wegen des gedankenverloren nach vorn gerichteten Blicks, während die rechte Hand im Tabakbeutel den Knaster für die lange Pfeife zusammensucht. Lebensechter kann ein Porträt unmöglich sein.

Desboutin scheint ein eher liebenswürdiger Mensch gewesen zu sein, eine andere Gestalt aber war es weniger. Dem Porträt von d’Henri Rochefort, das seit langem zum Bestand der Hamburger Kunsthalle gehört, widmet Gaßner im Katalog einen kleinen Essay, in dem nicht allein der malerische Aspekt des Bildes angesprochen wird, sondern auch der Porträtierte selbst, ein höchst umstrittener Politiker, der einen scharfen Richtungswandel vom Republikaner zum Anitsemiten und Royalisten vollzog. Rodin, der von ihm eine Büste schuf, und Manet scheinen seinen waren Charakter frühzeitig erkannt zu haben. Sie »lassen die Differenz zwischen der Maske des Kämpfers für die Wahrheit und für die Entrechteten und dem vor allem der eigenen Eitelkeit und Selbstbetätigung dienenden Provokateur bereits spürbar werden.« Ein Menschenkenner also war Manet auch.

Insgesamt zeigt die Ausstellung 60 Arbeiten, zu denen auch Lithografien und Ölskizzen gehören sowie einige Werke anderer Künstler. Der Katalog ist ebenso empfehlenswert wie die Ausstellung selbst.