Kunstbücher für junge Leser, Rezensionen

Marion Hansen: Fliegende Hunde und andere seltsame Dinge, hrsg. v. Peter Friese, Kehrer Verlag 2011

»Ein Fallenbild heißt Fallenbild, weil dem Künstler die Dinge in die Falle gegangen sind und nun können sie nicht mehr weg«! – Diese und viele andere einfache Erklärungen geben die Kinder in dem Buch der Kunstpädagogin Marion Hansen. Die Bremerhavenerin präsentiert ein praktisch angelegtes Kunst-Vermittlungs-Buch mit Kindern und nicht nur für Kinder. Ausgangspunkt des im Heidelberger Verlag Kehrer erschienenen Werkes sind die Arbeiten des Museums Weserburg in Bremen sowie ihre eigene Vermittlungsarbeit dort. Benjamin Schaefer hat sich das Buch für Portal Kunstgeschichte angeschaut.

»Manchmal sagen Menschen zu einem Buch: 'Das ist ein alter Schinken!' Dieter Roth hat diese Bezeichnung wörtlich genommen, nur aus einem solchen Schinken wurde bei ihm eine Wurst.« Einleuchtend und witzig sind die Sätze, mit denen Marion Hansen Künstler und Arbeiten des Museums Weserburg vorstellt. Man merkt ihnen die Praxis-Erfahrung an. Es geht dem Buch eben um die unmittelbare Heranführung von Kindern an die zeitgenössische Kunst, und das wird auch eingehalten. Die Autorin schickt die fiktiven Figuren Lilli, Mia, Klara, Sofie, Ali, Ben, Tim und Paul in das Bremer Ausstellungshaus und verbindet informative Texte mit typischen Reaktionen von Kindern, wie sie im kunstpädagogischen Alltag auftauchen. In 17 Kapiteln werden anhand einzelner Positionen von Spoerri bis Penck alle Sinne aktiviert und Bildhauerei, Klangkunst, Malerei, Eat Art, Land Art, Geruchsaspekte und schließlich konzeptionelle Ansätze behandelt.

Layout und Bildmaterial sind auffällig: Schmale Textseiten und große Bildseiten wechseln sich kapitelweise ab und neben Ausstellungsfotos finden sich solche von Kindern bei Kunstaktionen und deren Produkten. So kann man sich im Buch schnell orientieren oder die knapp gehaltenen Texte überspringen und nur die Bilder durchblättern. Der abwechselnd in Du-Ansprache oder aus der Sicht von Lilli und ihren Freunden geschriebene Text schreckt nicht ab und regt zum Nachmachen an. Denn nach den informierenden Passagen folgen Vorschläge für eigene Aktionen. Inhaltlich liegen Schwerpunkte auf Spurensuche und Materialbegegnungen, die als gängige Themen in der Kunst auch leicht von Kindern selbst erprobt werden können. Fallenbilder nach Spoerri werden nach einem gemeinsamen Mahl geklebt; Hefeteig, Schokolade und Schimmel werden untersucht; oder die Sammlung und Einteilung von „very small objects“ nach Brian D. Collier wird durchgeführt. Fehler und „Holzwege“ werden nicht ausgeschlossen, woran man merkt, dass es in erster Linie um das Tun geht. Es werden zahlreiche Verbindungen zur Lebenswelt der Kinder geknüpft, wobei die Aktionsvorschläge durchaus anarchisch sind – was elterliche Aufsicht anraten lässt.

Marion Hansen und der Herausgeber Peter Friese haben ihr Buch für Kinder, Eltern und Lehrer angelegt, wobei es gleichzeitig Leitfaden und Erfahrungsbericht« ist. Die Praxisbeispiele sind erprobt und mit Dokumentationsfotos versehen, wodurch man das Buch auch als Geschichte durchlesen und -sehen kann. Hier stimmen Konzept und Layout hervorragend überein, da den Arbeiten ihre Sinnlichkeit durch große Fotos erhalten bleibt, gleichzeitig die Bilder von Kindern in Aktion zum eigenen Tun anregen. Kinder sollen selber in dem Buch lesen können und die Methoden beziehen sich auf Kindergruppen von 5 bis 12 Jahren. Dabei ist eine Einschränkung allerdings bei der Wortwahl zu machen, die oft gehoben ist. Das Buch eignet sich in jedem Falle aber für das Vorlesen und gemeinsame Anschauen. Zwei Kopiervorlagen erleichtern das Nachmachen, ein Wissensanhang enthält Definitionen und Erläuterungen. Auch als Nachschlagewerk und Inspirationsquelle für Erwachsene ist »Fliegende Hunde« also empfehlenswert.

Nicht enthalten ist Videokunst, Performance nur indirekt; Fotografie findet sich nur in einer Arbeit. Das ist wohl der Sammlung der Weserburg selber geschuldet, wahrscheinlich aber auch Konzept – stellt doch die hier betriebene Kunstvermittlung laut Herausgeber Friese ein Gegenprogramm zu elektronischen Kommunikationsmedien dar. Hier gibt es andere einschlägige Literatur. Auch einzelne Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler in den Haupttexten verzeiht man dem gelungenen und praxisorientierten Band gerne.

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