Rezensionen, Buchrezensionen

Mary Beard: Der Parthenon, Reclam 2009

Der Parthenon, der große Tempel auf der Akropolis in Athen, ist für viele Gipfel und Inbegriff des antiken Griechenlands und seiner Baukunst. Er diente im Laufe der Jahrhunderte als Kirche, Moschee und Pulverlager, wurde in die Luft gesprengt und wieder aufgebaut und ist daher nicht von ungefähr der symbolträchtigste Bau des griechischen Altertums. Unsere Autorin Ulrike Schuster hat sich dem Bauwerk für PKG angenommen.

Der Parthenon © Reclam
Der Parthenon © Reclam

„Der Parthenon“, schreibt Mary Beard, „gehört […] zu jener Elite von Monumenten, deren historische Bedeutung von dem Ruf, berühmt zu sein, überlagert ist.“ Damit bringt sie, in ihrer unübertrefflich pointierten Ausdrucksweise, die Problematik genau auf den Punkt: der Parthenon ist die Verkörperung der griechischen Klassik schlechthin, ein Höhepunkt der klassischen Architektur und das Symbol des demokratischen Athens unter Perikles.

Aber genau aus demselben Grund war er immer auch Projektionsfläche. Jede Epoche formte sein Bild nach ihren eigenen Idealvorstellungen zurecht. Nicht nur die Spuren der wechselvollen Geschichte, sondern auch ein Ballast an Bildern und Deutungen überlagern den ursprünglichen Befund. In seiner heutigen Erscheinungsform befindet sich das Wahrzeichen der griechischen Hauptstadt längst nicht mehr im authentischen Zustand, sondern ist das Ergebnis einer gut 200-jährigen Rekonstruktions- und Wiederaufbauarbeit – und darin wiederum ein Spiegelbild der Verdienste und der Sündenfälle der modernen Archäologie.

Vor diesem Hintergrund also nimmt Mary Beard die Herausforderung an, die Geschichte des Parthenons zu erzählen. Die Autorin ist renommierte Altertumsforscherin an der Universität von Cambridge und im angelsächsischen Sprachraum eine prominente Persönlichkeit. Ihr Buch über den Parthenon erschien 2002 in Großbritannien und liegt nun in deutscher Übersetzung vor, im praktischen und preiswerten Reclam-Format.

Vorab sei gesagt, es sind keine wesentlichen neuen Erkenntnisse, die Beard präsentiert. Ihr Vortrag besticht jedoch durch die große fachliche Kompetenz der Kennerin, aufgelockert mit viel trockenem britischen Humor und gekennzeichnet von einer erfrischenden Respektlosigkeit gegenüber den Vorstellungsbildern einer „erhabenen“ Klassik. Das eigentliche Verdienst des Buches liegt jedoch darin, dass die Autorin von Anfang an den Blick auf die Rezeptionsgeschichte lenkt. Der Parthenon, so macht sie deutlich, war beinahe immer schon ein Konstrukt der Interpretation.

Nur weniges weiß man über seine Baugeschichte und noch nicht einmal die ursprüngliche Funktion des Tempels im Bauprogramm der Akropolis ist eindeutig geklärt. Er galt bereits im Altertum als touristische Sehenswürdigkeit und für die kaiserzeitlich-römischen Zeitgenossen war Athen das grandiose Denkmal seiner selbst. Die Aufmerksamkeit der antiken Augenzeugen galt allerdings weniger dem Parthenon als Bauwerk, sondern der berühmten Goldelfenbeinstatue der Athena Parthenos des Bildhauers Phidias, die er in seinem Inneren beherbergte. Diese wurde vermutlich im 3. Jahrhundert n.Chr. bei einem Großbrand vernichtet und durch eine kleinere Statue ersetzt.

In jenem Zeitraum liegt vieles im Dunklen, auch der Übergang vom Tempel zur christlichen Kirche, der wahrscheinlich im Laufe des 6. Jahrhundert n.Chr. vollzogen wurde. Es existieren jedoch Berichte über das Erscheinungsbild der Akropolis während des Mittelalters und der Renaissance. Beard lässt die Zeitzeugen ausführlich zu Wort kommen, denn man kann aus ihren Zeugnissen erschließen, dass weder die Adaptierung zur Marienkirche, noch die spätere Umwidmung in eine Moschee, schwerwiegende Eingriffe in die Bausubstanz mit sich zogen. Eine glückliche Fügung des Zufalls will es, dass Athen ab den 1660er Jahren wieder vermehrt von Bildungsreisenden besucht werden konnte. So haben sich sogar einige Momentaufnahmen des Parthenons erhalten, unmittelbar bevor sich am 28. September 1687 jene fatale Explosion ereignete, die das Monument unwiederbringlich zerstörte.

Damit beginnt die Geschichte des Parthenons als Ruine. Als britische Althistorikerin muss sich Beard mit einem besonders schwierigen Kapitel auseinandersetzen: dem Willkürakt des Lord Elgin, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts den größten Teil der Parthenonskulpturen abmontieren und nach England verschiffen ließ, wo sie heute im British Museum zu sehen sind. Beard geht mehrmals auf das heikle Thema ein – freilich, ohne dabei selbst eine klare Stellung zu beziehen. Sie führt hingegen aus, dass die Vorgangsweise Elgins bereits zu seiner Zeit heftig umstritten war, für die einen barbarischer Kunstraub im großen Stil, für die anderen die Rettung vor der sicheren Zerstörung durch Krieg und Behördenignoranz. Kleines amüsantes Detail am Rande: die ersten Besucher, die Elgins Marbles in der neuen Heimat besichtigen durften, zeigten sich enttäuscht – am Anblick hellenistischer und römischer Plastik geschult, empfanden sie die griechischen Originale zu schlicht und zu „unklassisch“.

Die chronologisch letzten Kapitel widmen sich der Wiedererstehung der Akropolis als archäologischer Bezirk. Beard kritisiert, dass sich die Forschung im 19. Jahrhundert viel zu einseitig auf das fünfte vorchristliche Jahrhundert konzentrierte. Zeugnisse der späteren Geschichte wurden eliminiert, als ob sie niemals existiert hätten. Der Parthenon selbst, im frühen 20. Jahrhundert mit Hilfe von Eisenklammern wiedererrichtet, wird seit 1986 einer umfassenden Restaurierung unterzogen. Im Zuge der aufwendigen Arbeiten wurde buchstäblich jeder Stein herausgehoben und neu eingesetzt. Während Beard in ihrer Publikation noch von einer Fertigstellung für 2010 ausgeht, wird, laut welt.de, mittlerweile das Jahr 2018 für den Abschluss der Restaurierungsarbeiten prognostiziert. Der Wiederaufbau beansprucht damit bereits zweimal so viel Zeit wie die Errichtung des ursprünglichen Bauwerks.

Abschließend lädt die Autorin zum Besuch des Weltmonuments ein – in ihrer Heimat, im British Museum, sowie vor Ort auf der Akropolis. Ihr kleines feines Büchlein ist sicher eine ideale Einstimmung dafür.