Buchrezensionen, Rezensionen

Miriam Brunner: Manga, UTB 2010

Was die kindgerechten Zeichentrickserien »Heidi«, »Nils Holgerson« und »Sindbad« (alle drei ausgestrahlt ab den 70er bzw. 80er Jahren in ARD und ZDF) gemeinsam haben, dürfte den wenigsten deutschen Zuschauern geläufig sein: Es handelt sich bei ihnen um »Anime«, animierte Filmchen im Stil der Manga, der japanischen Bilder- bzw. Comickultur. Heute, dreißig Jahre später, sind die Mangas aus den Jugendabteilungen der deutschen Buchläden kaum noch wegzudenken, und doch wurde bisher nur ein Bruchteil dessen, was der japanische Manga-Markt bietet, nach Deutschland exportiert. Bei UTB legte nun jüngst Miriam Brunner einen Einführungsband zur komplexen Thematik »Manga« vor und unser Rezensent Lennart Petersen hat für Portal Kunstgeschichte einen Blick darauf geworfen.

Brunner © Cover UTB
Brunner © Cover UTB

»Manga« - Allein zur Wortbedeutung gibt es variierende Ansätze, Miriam Brunner nennt einige davon in ihrem Buch. »Manga«, das könne je nach Blickwinkel und Bewertung als »spontane, impulsive, ziellose«, »kunterbunte« oder »unfreiwillige« bis »moralisch verdorbene Bilder« meinen.
Die Definitionsproblematik spiegelt die Vielfalt des Mediums wieder. Was in den Regalen des deutschen Buchhandels wie hektisch gezeichnete Kindercomics aussieht, ist auf dem japanischen Markt ein Phänomen, das jede Zielgruppe anspricht. Mangas sind in Japan eine Art Zwilling der Literatur, und das auf vielen Ebenen. Und auch wenn Brunner diesen Vergleich nicht explizit formuliert, ihre ausgreifenden Ausführungen drängen einem diese These geradezu auf.

Mit dem Ziel, eine Einführung ins Thema »Manga« zu schreiben, die nach dem Grundsatz der UTB Profile Reihe »klar – knapp – konkret« sein soll, stellt sich Miriam Brunner einer enormen Herausforderung. Wie bereits angedeutet, kann man Mangas in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, ihrer Geschichte, ihrer breit gefächerten Genrevielfalt, ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Popularität mit der Literatur vergleichen. Entsprechend umfassend, unhandlich und unüberschaubar ist das Material, das für ein Einführungsbändchen also erst in die richtige Form geschmolzen werden muss. Diese Problematik vor Augen, konzentriert sich Brunner vor allem auf Ursprung und Entwicklung der Mangas, auf ihre Genres, ihren Vertrieb in Japan und Deutschland und, abschließend, auf die wichtigsten Darstellungsmittel der japanischen Bildsprache.

Brunners Arbeitsweise ist multiperspektivisch und exemplarisch. Schlaglichthaft beleuchtet sie das weite Feld der japanischen Mangakultur und versucht so, die engen Verflechtungen des Mediums mit der Geschichte, der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Problemen, mit der Wirtschaft und der Kunst aufzuzeigen. Es gelingt ihr auffallend gut, Bezüge herzustellen und Zusammenhänge zu erläutern, und sie legt zielsicher die Grundlinien des Manga-Stils frei: Es geht um Kunst auf der einen, Kommerz auf der anderen Seite; um einen unterhaltsamen Ausgleich zur strengen japanischen Arbeitswelt, also um Erfolgs-, Erotik- und humoreske Geschichten; und um die realistische Spiegelung des gesellschaftlichen Ideals, also um Gewalt, Niederlagen und Tabus.

Bei all der Themenfestigkeit Brunners und ihrem kritischen Blick auf den Gegenstand »Manga«, bleiben dem Buch einige Schwierigkeiten nicht erspart. Die Unübersichtlichkeit der Mangakultur findet sich dort wieder, wo man das Fehlen eines starken, durchgängigen, roten Fadens feststellen muss. Brunners Struktur, in fünf Oberkapitel gegliedert, zerfasert sich in unzählige kleine Kapitelchen, die von leicht prosaischen Exkursen wiederum durchbrochen werden. Mag dieses auch der Komplexität des Themas geschuldet sein, führt es doch zu bisweilen störender Redundanz oder Verwirrung. Letztere wird auch vornehmlich dadurch erzeugt, dass Brunner in ihren gesamten Ausführungen – auch dort, wo sie zwischen verschiedenen Zeitebenen der Geschichte Japans hin- und herspringt – konsequent im Präsens schreibt. So ist nicht immer deutlich, ob sich ihre Aussagen noch auf die geschilderte Vergangenheit oder schon wieder auf die Gegenwart beziehen. Diese Unklarheiten wären durch eine differenzierte Nutzung der Tempora vermeidbar gewesen.

Als besonders gelungen kann man dagegen Brunners Entscheidung ansehen, ein eigenes Kapitel für die Darstellungsmittel des Manga anzusetzen. Assoziiert man in Deutschland bei dem Wort »Comic« noch eher knallbunte, thematisch eindimensionale Kinderbücher, zeigt sich der Manga-Stil in einer sehr dynamischen, artifiziellen und überraschend erwachsenen Bildsprache. Dabei erstaunt es, wie viel der kulturellen Andersartigkeit Japans in der japanischen Bildsymbolik zu finden ist. Der Umstand, dass man Mangas nicht von vorn nach hinten und von links nach rechts, sondern umgekehrt – also von hinten nach vorn und von rechts nach links – lesen muss, gibt einen ersten Einblick in die japanische Kultur bzw. in die Ausdifferenziertheit der menschlichen Kulturen im Allgemeinen. Ein anderes Beispiel wäre die unterschiedliche Art, Emotionen in Bildsprache zu übersetzen: Wo im westlich-amerikanischen Raum eher die Mundpartie bedeutsam wirkt, konzentriert sich der Manga-Stil auf eine stärker ausgeprägte Darstellung der Augen.

Abschließend kann also zusammengefasst werden, dass mit Miriam Brunners Buch »Manga« eine kompakte, kritische und perspektivenreiche Einführung in das Thema japanische Bilderkultur vorliegt, die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Phänomen »Manga« einlädt. Die leichten Defizite in der Struktur der Ausführungen lassen sich aufgrund der ansonsten klaren, verständlichen Sprache und der differenzierten Darstellung ohne größere Probleme verschmerzen, sodass das Buch insgesamt durchaus empfehlenswert ist.