Ausstellungsbesprechungen

Mythos Burg, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, bis 7. November 2010

Zu sehen sind mehr als 650 Ausstellungsstücke, zum Teil aus bedeutenden internationalen Sammlungen, die die Kulturgeschichte der Burg vom Mittelalter bis in die Gegenwart lebendig werden lassen. Die Exponate sind von bedeutendem künstlerischem und kulturhistorischem Wert. Darunter befinden sich einzigartige Kunstschätze wie das Ritteraquamanile (um 1350) aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art, die Weltchronik des Rudolf von Ems (um 1300) aus der Kantonsbibliothek von St. Gallen oder das mit 21 Metern weltweit längste Panorama des Rheins (1833) mit seinen zahlreichen Burgen. Ulrike Krenzlin machte sich auf den Weg, um von dieser Ausstellung zu berichten.

Germanisches Nationalmuseum und Deutsches Historisches Museum haben sich zusammengetan. An zwei Orten erfahren wir das Neueste über die Burgenentwicklung in Deutschland. Präsentiert mit 1200 Artefakten aus Weltmuseen und Modell-Rekonstruktionen mustergültiger Burgtypen. Gelüftet wird das Geheimnis der sagenumwobenen Gralsburg von König Artus’ (nachgebauter) Tafelrunde. Um 1200 bringen Walter von der Vogelweide, Tannhäuser und Wolfram von Eschenbach die höfische Dichtung an der bedeutendsten Burg, der Wartburg, zu höchstem Glanz. Auch der Wandel bewehrter Burganlagen in Wohnschlösser am Ausgang des Spätmittelalters sieht ganz anders aus als wir ihn kannten. Mit dem Niedergang der Burg im 17. Jahrhundert entstand geradezu ein »Mythos« um die Burg. Den sinnfälligsten Ausdruck hat dieser Mythos in Martin Luthers »Ein feste Burg ist unser Gott« gefunden. In den folgenden Jahrhunderten hält der Mythos von der Burg Einzug in die kunstvolle Märchen- und Sagenwelt.
Die fortschreitende Medialisierung unserer Gesellschaft macht die mittelalterliche Burg für die ältere und jüngere Generation zum Faszinosum, das bis in die Fantasy-Welt Harry Potters Triumphe feiert. Zum Forschungsstand gibt der Band »Die Burg« Auskunft. Erste Entwürfe gibt es zu Fragen nach dem Leben der Adelsfamilie in einer Burg. Es gab nur einen heizbaren Gemeinschaftsraum zum Essen und Wärmen für alle, meist um 12 Personen, einschließlich Dienstpersonal. Schon im Hochmittelalter bildeten sich frühe Formen des Appartements heraus, mit Schlafraum, Abort und (heizbarem) Kaminzimmer. Hans Ottomeyer und Sven Lüken haben das Kapitel »Zwölf Vorurteile über die Burg« aufgenommen. Gründlich wird darin aufgeräumt mit veralteten Gemeinplätzen wie solchen »Ritter waren ungewaschen», »Die Burg war kalt«, »Nur Geistliche konnten schreiben«, »Auf den Burgen wurden Hexen gefoltert«, »Die Menschen aßen mit den Händen«, »Frauen trugen Keuschheitsgürtel« usw. Eine Rüstung wog im 13. und 14. Jahrhundert nicht mehr als die Kriegsausrüstung eines Soldaten in Afghanistan (35 kg).
Die Veranstalter haben es klugerweise vermieden, dem Thema eine Nachgeschichte der Burg hinzuzufügen. Diese Beschränkung leuchtet ein, angesichts der Tatsache, dass Burgenforschung immer an archäologische Ausgrabungen und Funde gebunden ist. Sie verläuft sich daher ungern im Felde der Rezeptionsgeschichte.