Buchrezensionen

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum, C.H. Beck 2015

Einen Blick von außen auf das Christentum, besonders aber auf die christliche Kunst wirft Navid Kermani, seit diesem Jahr Buchpreisträger, mit seinem neuesten Buch. Staunend blickt der Autor, selbst Muslim, auf die Schwesterreligion vor allem des Abendlandes und eröffnet so einen neuen Blick auf unsere Kultur. Walter Kayser hat sich in das anregende Werk vertieft.

Es ist eine Binsenweisheit, mit der sich mancher um Erklärungen verlegene Laudator, wenn er eine Ausstellung eröffnen soll, hinwegmogelt, dass ein Bild mehr sage als tausend Worte. — Aber natürlich hat er Recht: Ein Bild, so die Hirnforscher, erfasst man mit einem Mal. Zudem spreche es unbewusst und viel unmittelbarer unsere Emotionen an, holistisch und vorwiegend rechtshemisphärisch, wohingegen Sprache vorwiegend in der linken Gehirnhälfte und sequentiell-analytisch aufgenommen werde.

Doch so einfach ist das dann doch nicht. Auch Bilder müssen »gelesen« werden. Der Blick wandert auf ihnen immer wieder hin und her und durchkreuzt die Einzelelemente wie ein Weberschiffchen. Auf diese Weise entsteht erst allmählich aus vielen optischen Informationen eine Sinntextur. Wäre dem nicht so, so könnte man getrost auf tausende Ausstellungskataloge und auf die ganze Kunstwissenschaft verzichten, sind diese doch fast ausschließlich mit der Übersetzungsarbeit von einer Hirnhälfte in die andere beschäftigt.

Um für Bilder die Augen zu öffnen, braucht es auch erläuternde Worte — immer aufs Neue und insbesondere poetisch kongeniale. Rilke hatte für dieses spezielle Metier einen Sinn oder, unter den zeitgenössischen Schriftstellern, auch Cees Nooteboom oder Martin Mosebach. Das Wort »Betrachtung« hat ja im Deutschen die doppelte Bedeutung des eingehenden, intensiven Schauens wie der meditativen Vertiefung, mit der ein Sachverhalt gedanklich durchdrungen wird. Das ist auf beinah jeder Seite dieses wunderbar anregenden Buches von Navid Kermani zu spüren. Der gerade in der Paulskirche gekürte Friedenpreisträger des Deutschen Buchhandels sorgt immer wieder für Irritationen — äußerst sanfte und äußerst produktive. Das heißt, er bringt frischen Wind in Räume mit abgestandener Luft und schafft damit, ganz im Sinne des Horazschen »prodesse et delectare«, unkonventionelle und erbauliche Provokationen.

Schon der Titel des Buches ist eine solche: »Ungläubiges Staunen« deutet auf den Apostel Thomas hin. Der wollte bekanntlich nicht eher an die Auferstehung seines Meisters glauben, als bis er selbst den Finger in die Wunde gelegt hätte. In der Identifizierung des Schriftstellers liegt eine gute Portion Koketterie, die ihm ansonsten völlig fremd ist. Dem Kapitel über das gleichnamige Ölgemälde Caravaggios von 1603, das heute in der Galerie von Sanssouci hängt, geht es aber wenig um die Bildanalyse, also um Komposition, Lichtführung und Farbgebung, sondern eher um das dem Autor befremdliche Verhältnis von Glauben und Wissen, wie er es unter Erzkatholiken in den Katakomben des Petersdom am Petrusgrab erlebte. Der deutsch-iranische Moslem und Orientalist ist nämlich ansonsten weder »ungläubig«, noch trägt er die charmante Ahnungslosigkeit des Naiven zur Schau. Im Gegenteil, der Auseinandersetzung mit den 40 religiösen Bildern, die hier einer immer kurzweiligen und oft inspirierenden »Betrachtung« unterzogen werden, liegen bei aller Unvoreingenommenheit und Originalität in der Herangehensweise fundierte Bibelkenntnisse, intensive Quellenrecherche und eine gründliche wissenschaftliche Fundierung zugrunde. Der Untertitel »Über das Christentum« greift da schon eher etwas zu hoch, denn vor allem geht es um christliche Sakralkunst.

Im Nachwort erzählt der Schriftsteller, auf welche Weise er zu diesem Buchprojekt kam: Am Anfang stand die Aufforderung der Neuen Zürcher Zeitung innerhalb der Serie »Bildansichten« einen Beitrag zu verfassen. Eine dieser journalistischen Arbeiten reihte sich zunächst an die andere. Hinzu kam ein einjähriges Stipendium in der berühmten Villa Massimo. Rom, die heilige Stadt, das bedeutete natürlich unzählige Kirchen- und Museumsbesuche. Einladungen nach Syrien, nach Serbien oder in den Kosovo ergänzten die vertrauten Kunstbegegnungen im heimischen Köln oder mit Gemälden in Frankfurt und anderswo.

Deutschland und der Vordere Orient, das bedeutet für Kermani eine spannungsvolle Doppelidentität, ein Prozess der Selbstverständigung. Zwei Seelen wohnen wohl in seiner Brust: einerseits die Einflüsse des Islam, dieser radikal bilderlosen Religion, die das Wort und das Ohr in den Mittelpunkt stellt, die Reduktion auf Abstraktion und Kalligraphie, hinter welcher ein ganz in der Transzendenz verharrender strenger Gott verborgen lebt. Auf der anderen Seite ist da der in Siegen und im katholischen Rheinland groß gewordene deutsche Schriftsteller, der um die Kraft des poetischen Sprachbildes, um plastische Anschaulichkeit ringt und der sich an der sprachlichen Dürftigkeit aller deutschen Bibelübersetzungen seit Luther stört. Zwischen beiden Polen liegt ein tiefer Graben. Deshalb ist ein neuer, ein ver-rückter Blick nötig, der die unvoreingenommene Betrachtung von Gemälden und Plastiken kultiviert, um das Geläufige aufzubrechen. Das Umschlagbild wie die Portalseiten der drei großen Kapitel (die gleichwohl thematisch sehr uneinheitlich sind) zeigt mit dem Fußboden von San Miniato al Monte ein beide Kulturkreise verbindendes Sinnbild. Die hoch über dem Südufer des Arno auf Florenz herabblickende Abteikirche zeugt nicht nur in ihrer Fassadeninkrustation, mehr noch mit diesem Paviment aus grün-weißem Marmor in der opus sectile -Technik von Bezügen zur ornamentverliebten islamischen Kunst, und das schon im hohen Mittelalter.

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Gerade die Tradition seiner außereuropäischen Prägung hat es ihm angetan. So zählt er sicherlich nicht zu den »religiös Unmusikalischen«, wie Jürgen Habermas sich selbst einmal halb scherzhaft beschrieb. Denn Navid Kermani ist gläubiger Moslem, profunder Kenner und Vermittler zwischen den unterschiedlichen Kulturkreisen, wie auch seine Ehefrau, die Hamburger Orientalistin Katajun Amirpur. Aber dass ein interreligiöser Dialog ausgerechnet von Gemälden angestoßen wird, das ist für den Islam eher ungewöhnlich. Doch »die Wege zu Gott sind so zahlreich wie die Atemzüge eines Menschen«, zitiert Kermani einen islamischen Mystiker. Von den Randständigen und Zaungästen kann in ganz besonderem Maße der neue, anregende, frische Wind kommen, den sowohl das Christentum im »altehrwürdigen« Europa wie seine gängige Kunstbetrachtung dringend brauchen. Denn machen wir uns nichts vor, die Zeit ist hierzulande nicht so fern, in welcher »der nackte Mann am Kreuz« vielen jungen Menschen nichts mehr sagt, weil sie ihn gar nicht mehr kennen.

Die kurzen Texte sind, wie alle Meditationen, Um- und Einkreisungen. Sie entgrenzen das Bild, lösen es sozusagen aus seinem Verständnisrahmen, den herkömmlichen und allzu fälligen Zuordnungen. Sie stellen die Szene, die dargestellt ist, in einen irritierend entsakralisierten Alltagszusammenhang: Jesus ist da zunächst einmal nichts weiter als ein schockierend schöner Jüngling (etwa in den Mosaiken von Ravenna), der (auf einem Bild El Grecos) einer Frau, die erst in zweiter Linie seine Mutter Maria ist, erotisch aufreizende Blicke zuwirft. Die Begegnung zwischen Joachim und Anna, die Giotto in der Cappella degli Scrovegni in Padua ganz oben am Rand versteckt hat, wird zu einer sehr genauen Betrachtung über das in aller Öffentlichkeit ganz ungenierte Knutschen zweier alter Menschen. Veroneses »Hochzeit von Kana« ist eine zeitgenössische Party mit zu vielen Gästen, so dass man sich überlegt, ob man nicht fehl am Platze ist.

Diese Technik der Neuaneignung durch Verfremdung seitens eines (scheinbar) ahnungslos Außenstehenden legt immer wieder unbekannte Schichten frei. Wenn das manchmal respektlos wirken sollte, dann ist es von einer wohltuend entstaubenden Respektlosigkeit. Kermani entdeckt auf diese Weise, dass die Grenze zwischen dem Geistigen und dem Sinnlichen künstlich gezogen ist. Vermenschlichung des sakrosankt Versteinerten ist sein Programm, um es dann in einem zweiten Schritt in neue gedankliche Bezüge einzubetten. Auf verstörende Weise wird jede ikonografische Konventionalität in Frage gestellt, was manchen kritischen Kommentator auf den Plan gerufen hat. Weder theologisch noch kunstwissenschaftlich war ihnen Kermani »korrekt«. Aber das will er auch gar nicht sein. Er verkenne und ignoriere, so hieß es, jede protestantische Theologie, er huldige einseitig der katholische Bild- und allzu volkstümlichen Brauchtumswelt.

Das stimmt. Kermani macht in seinen Bildbetrachtungen deutlich: Religion ist eine sinnliche Erfahrung, nicht eine Angelegenheit des Verstandes. Gerade das ganz Andere zieht Kermani in diesem Buch als faszinierendes Fremdes an. Dass Caravaggio gleich mehrfach berücksichtigt wird, hat mehrere Gründe: Zum einen liegt das ganz vordergründig wohl daran, dass der Autor die ewige Stadt Rom erkundete, in der die meisten Caravaggios zu finden sind, großenteils noch an ihren originalen Plätzen; zum anderen ist das aber auch auf den plastisch-prallen Realismus, der illusionistischen »Kinowelt« gerade dieser Malerei zurückzuführen. Ihr charakteristisches Chiaroscuro verdankt sich bekanntlich jener gegenreformatorischen Ästhetik, der es programmatisch um die sinnliche Erfahrbarkeit, um greifbare Anschaulichkeit, um Volksnähe und Verständlichkeit ging.

Dieser Tendenz folgt auch der Schriftsteller. Mit dem Blick des Ethnologen sieht er in den heiligen Figuren Menschen von heute auf der Straße, Reinkarnationen unserer Art zu fühlen. Es geht ihm um die Immanenz des Numinosen, heute wie damals. Denn Religion, die nicht institutionell erstarrt, sondern lebendig sein will, gründet sich auf persönlicher Erfahrung, nicht auf den »Glaubenswahrheiten« eines Lehrgebäudes. Diese Kraft des Subjektiven, einer unmittelbaren Erfahrung, welche der islamischen wie der christlichen Mystik eigen ist und jedwedem »Verständnis« vorausgeht, ist erfrischend subversiv und hält den Blick offen.

Wenn das unser kulturelles Erbe ist, dann können wir lernen, es uns neu anzueignen.