Ausstellungsbesprechungen

Nero. Kaiser, Künstler und Tyrann, Rheinisches Landesmuseum | Museum am Dom | Stadtmuseum Simeonstift Trier, bis 16. Oktober 2016

Nero (37-68 n. Chr.) gehört zu den schillerndsten Herrschergestalten des Imperium Romanum. Insbesondere die letzten Regierungsjahre des Kaisers bestimmen bis heute sein Bild als das eines rücksichtslosen Tyrannen, größenwahnsinnigen Brandstifters und grausamen Christenverfolgers. In der ältesten Stadt Deutschlands findet nun in drei Museen eine breit angelegte Ausstellung statt, die nach Antworten darauf sucht, was es mit dem Negativbild Neros auf sich hat und die passagenweise einer Rehabilitation des Kaisers gleichkommt. Rainer K. Wick war vor Ort.

Wer im Jahr 2007 die großartige Trierer Konstantin-Ausstellung besucht hat, erinnert sich, dass es sich um ein Gemeinschaftsprojekt dreier großer Museen der Stadt handelte, des Rheinischen Landesmuseums mit seinen überaus reichhaltigen Schätzen aus der Römerzeit, des Museums am Dom mit den großartigen Konstantinischen Deckenfresken sowie mittelalterlicher Kirchenkunst, und des Stadtmuseums Simeonstift an der Porta Nigra mit seiner stadtgeschichtlichen Sammlung. Anknüpfend an die Erfolgsgeschichte der Konstantin-Ausstellung haben die genannten Trierer Museen nun erneut kooperiert, um dem Publikum einen der bizarrsten römischen Imperatoren näher zu bringen, dessen Leben und Sterben wie bei kaum einem Zweiten von Mythen umrankt ist. Dabei sieht die »Arbeitsteilung« der drei Häuser wie folgt aus: Das Landesmuseum zeigt zum Teil hochkarätige archäologische Exponate, die direkt oder indirekt mit Nero zu tun haben; das Museum am Dom nimmt die ersten Christenverfolgungen unter Nero zum Anlass, um Darstellungen frühchristlicher Martyrien in der nachantiken Kunst zu präsentieren, und das Museum Simeonstift dokumentiert in rezeptionsgeschichtlicher Perspektive die Tradition des Nero-Bildes vom Mittelalter bis in die Gegenwart, wie es sich in der bildenden Kunst, in der Oper, der Literatur, im Film bis hin zum Comic manifestiert.

An allen drei Ausstellungsorten stellt sich regelmäßig die Frage, wer Nero war und vor allem, wie er war, und überall sieht sich der Ausstellungsbesucher einem nur schwer zu entwirrenden Geflecht aus Dichtung und Wahrheit gegenüber. War er der berühmteste Psychopath der Weltgeschichte? Da gibt es sicherlich manchen, der ihm diesen Rang streitig machen könnte. War er, wie der Althistoriker Theodor Mommsen meinte, »eine Null in den Staatsgeschäften«, der »in allem und jedem dilettierte«? War er der unwürdigste Kaiser, den Rom je besessen hat, das größenwahnsinnige Scheusal, der skrupellose Mörder, der verschwenderische Tyrann, ja der krankhafte Pyromane, der für den Brand Roms in Jahr 64 verantwortlich gemacht wurde? Schon früh etablierte sich das bis heute verbreitete Negativimage dieses Herrschers. Antike Autoren wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio, die aus der Senatorenperspektive schrieben, ließen an Nero kein gutes Haar. Plinius der Ältere sah in ihm einen Feind des Menschengeschlechtes, und auch der griechische Autor Pausanias kam zu einem negativen Urteil über die Herrschaft Neros, deren Misslingen er auf eine fehlgeleitete Erziehung des Kaisers zurückführte. Dabei war seit Neros zwölftem Lebensjahr kein geringerer als Seneca sein Erzieher und Lehrer, dessen Denkschrift »De Clementia« darüber handelte, warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen, was bei seinem Zögling allerdings kaum auf fruchtbaren Boden fiel. Denn nachdem seine Mutter Agrippina die Jüngere, die zweite Ehefrau von Kaiser Claudius, den erst sechzehnjährigen Nero, ihren leiblichen Sohn aus erster Ehe, als Nachfolger auf den Kaiserthron gehievt hatte, ließ dieser seine mütterliche Mentorin fünf Jahre später ermorden. Ehrgeizig, machthungrig und intrigant wie sie war, ging Nero zu ihr schrittweise auf Distanz, wie sich u.a. auch im Münzbild gut ablesen lässt. Anfänglich erscheinen in einer Prägeserie Mutter und Sohn im Profil einander zugewandt, gewissermaßen als gleichberechtigtes Herrscherpaar. Bald darauf wurden Münzen geprägt, die Nero und Agrippina im hellenistischen Staffelportrait zeigen. Obwohl die Mutter hier hinter dem Kaiser abgebildet ist, also deutlich zurücktritt, bleibt sie doch als Mitregentin noch sichtbar, bevor sie dann gänzlich verschwindet und Nero allein, zunehmend verfettet, das Rund der Münzen füllt.

Neros mörderisches Treiben galt nicht nur der Mutter, sondern auch seinen Ehefrauen. Fünfzehnjährig ehelichte er im Jahr 53 aus dynastischen Gründen seine Stiefschwester Octavia, eine leibliche Tochter des Kaisers Claudius. Neun Jahre später ließ er sich von ihr scheiden, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass er bei ihrer kurz darauf erfolgten Ermordung seine Finger im Spiel hatte. In zweiter Ehe im Jahr 62 mit einer der schönsten Frauen ihrer Zeit, Poppaea Sabina, verheiratet, starb diese drei Jahre später an den Folgen eines Fußtritts, den Nero der Schwangeren verpasst haben soll. Ungeklärt ist, ob der Tod des Britannicus, Sohn des Claudius und Stiefbruder von Nero, auf das Konto des Gewaltherrschers geht, sicher ist aber, dass neben den zahllosen anderen Menschen, die dem Despotismus Neros zum Opfer fielen, auch Seneca gehörte, dem die Verwicklung in die Pisonische Verschwörung gegen den Kaiser angelastet und die Selbsttötung befohlen wurde.

Nero hinterließ nicht nur eine breite Blutspur in seiner unmittelbaren Umgebung, auch machte er sich bei der römischen Aristokratie mit seinen öffentlichen Auftritten als Dichter, Sänger und Lyraspieler unmöglich. Er hielt sich für einen begnadeten Künstler und erwartete bei seinen Aufführungen uneingeschränkte Aufmerksamkeit und überschwängliche Anerkennung. Den Höhepunkt dieser für einen römischen Kaiser äußerst seltsamen Aktivitäten markierte im Jahr 66 seine Reise nach Griechenland. Begleitet von dem Sklaven Sporus, einem Kastraten, der wie eine Kaiserin gekleidet der Öffentlichkeit als Neros Gemahlin präsentiert wurde, obwohl er damals schon in dritter Ehe Statilia Messalina geheiratet hatte, nahm er dort an musischen Wettbewerben und sportlichen Wettkämpfen teil, aus denen er regelmäßig als von vornherein feststehender Gewinner hervorging und mehr als tausendachthundert Siegerkränze mitbrachte.

Dass Nero zwei Jahre zuvor höchstpersönlich den Brand Roms inszeniert und das flammende Inferno singend und Lyra spielend begleitet haben soll, gehört allerdings ins Reich der Mythen, auch wenn ein überaus publikumswirksamer Film wie »Quo Vadis?« (1951) mit Peter Ustinov als Kaiser dieser Mythenbildung kräftigen Vorschub geleistet hat. Denn die Forschung hat eindeutig nachweisen können, dass sich Nero zum Zeitpunkt der Brandkatastrophe nicht in Rom aufhielt, sondern in seiner Sommerresidenz Antium (heute Anzio) etwa 60 Kilometer südlich der Hauptstadt. Um den schnell kursierenden Gerüchten zu begegnen, er habe das Feuer selbst legen lassen, um die Stadt größer und schöner neu aufbauen zu können und vor allem, um Platz für die Errichtung seines riesigen Palastes, die »domus aurea«, zu schaffen, beschuldigte er die in Rom lebenden Christen als Brandstifter. Es kam zur ersten größeren Christenverfolgung in der römischen Geschichte, bei der auch die Apostel Paulus und Petrus den Tod gefunden haben sollen.

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Während die ersten fünf Regierungsjahre Neros, das »quinquennium Neronis«, durchaus als glückliches Jahrfünft gelten, trat nach der Ermordung Agrippinas ein dramatischer Wandel ein, der Neros »dunkle« Seite zu Tage förderte. Er ließ die Staatsgeschäfte schleifen, zeigte kaum Interesse an militärischen Belangen, führte einen ausschweifenden Lebenswandel, und Dekadenz, Prunksucht und Größenwahn sowie das tödliche Gewaltregime und die peinlichen Selbstinszenierungen als Dichter und Musiker provozierten zunehmend die römische Elite. Letztlich erklärte ihn der Senat zum Staatsfeind und trieb ihn im Jahr 68 in den Selbstmord. »Welch ein Künstler geht mit mir zugrunde« sollen Neros letzte Worte gewesen sein, und genau hier knüpft auch die große Schau im Trierer Landesmuseum an, »die den Kaiser, sein Handeln und seine Zeit in einem etwas milderen Licht sieht« als es bisher meist der Fall gewesen ist. So hebt Marcus Reuter, der Direktor des Museums, stärker auf die ausgeprägten künstlerischen Neigungen und Leistungen Neros ab und betont zum Beispiel die Tatsache, dass damals »die römische Münzprägung in künstlerischer Hinsicht einen ihrer Höhepunkte« erreichte und dass selten »kreativer und innovativer gebaut« wurde. Freilich ist die materielle Überlieferung, die letzteres belegen kann, eher spärlich. Denn mit dem Tod Neros ereilte ihn die »damnatio memoriae«, also die Tilgung seines Andenkens – eine im römischen Reich spätestens seit der Zeit des Augustus übliche Praxis, die vor den Bildnissen und Bauprojekten einstiger Herrscher und Angehöriger des Kaiserhauses keineswegs Halt machte. So wurde die »domus aurea«, die gigantische Palastanlage Neros, unter seinen Nachfolgern zum Teil überbaut. An der Stelle eines zum Palast gehörenden künstlichen Sees errichteten die Flavier das Kolosseum, und später entstanden die Trajansthermen partiell über den zugeschütteten Kellerräumen des Neropalastes. Von dessen einstiger Pracht vermag die Trierer Ausstellung andeutungsweise ein Bild zu vermitteln, wurden in den Parcours doch einige Räume mit rekonstruierten Deckengemälden aus der »domus aurea« integriert. Dass Nero als Bauherr für Neues aufgeschlossen war bzw. Neues aktiv förderte, zeigt ein exzellent gearbeitetes und gut erhaltenes Marmorkapitell aus der Sommervilla des Kaisers in Sublaqueum (heute Subiaco), dessen phantasievolle Detailgestaltung den üblichen Kanon eines korinthischen Kapitells sprengt.

Obwohl die Verbannung einer Person aus dem kollektiven Gedächtnis häufig mit der Zerstörung seiner Porträtbüsten und Standbilder einher ging, sind von Nero doch in genügender Zahl Bildnisse erhalten, um sich von der äußeren Erscheinung des Herrschers, auch im Zeitkontinuum, eine Vorstellung machen zu können. Trier zeigt unter anderem ein Jugendporträt des Dreizehnjährigen, zwei Marmorbildnisse, die den Kaiser mit zunehmend fleischigem, aufgedunsenem Gesicht abbilden, sowie einen idealisierenden Bronzekopf im Stil hellenistischer Herrscher, der Teil einer lebensgroßen Reiterstatue war. Von dem sog. Koloss des Nero, einer überdimensionalen, fünfunddreißig Meter hohen Bronzestatue, die ursprünglich im Eingangsbereich der »domus aurea« stand, nach dem Tod des Herrschers in eine Statue des Sonnengottes Sol umgewandelt wurde und später vor dem Amphitheatrum Flavium, also dem Kolosseum, Aufstellung fand, ist nichts erhalten. Eine moderne Miniaturausgabe des neronischen Kolosses im Trierer Landesmuseum lässt den Größenwahn des Kaisers immerhin erahnen.

Durch die Christenverfolgung im Anschluss an den Brand Roms im Jahr 64 ist Nero vor allem als Antichrist par excellence in die Geschichtsbücher eingegangen. Da es für sein grausames Vorgehen gegen die Christen – sie wurden im Rahmen öffentlicher Spektakel als lebendige Fackeln angezündet, ans Kreuz geschlagen oder von wilden Tieren zerfleischt – nur literarische Überlieferungen, nicht aber direkte archäologische Nachweise gibt, sah sich das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum vor eine im Grunde unlösbare Aufgabe gestellt. Angesichts dieser Problemlage haben sein Direktor Markus Groß-Morgen und dessen Mitarbeiter aus der Not eine Tugend gemacht und sich schwerpunktmäßig auf Darstellungen frühchristlicher Martyrien in der nachantiken Kunst konzentriert. Entstanden ist ein kunsthistorisch und religionsgeschichtlich hochinteressantes Panorama – von einer Darstellung der Kreuzigung Petri mit dem Kopf nach unten in einem Sakramentar aus der Zeit um 1000 über eine farbig gefasste Terrakottastatue des Martyriums der Hl. Agatha aus dem 16. Jahrhundert bis zu einer Photogravure nach Jean-Léon Gérômes berühmtem Gemälde »Dernières prières des martyrs chrétiens« von 1883, um nur einige Beispiele herauszugreifen. Zu den spektakulärsten Exponaten noch aus der Zeit des Übergangs von der mittleren zur späten Kaiserzeit zählt eine aus dem Antiquarium del Palatino in Rom entliehene ungelenke Ritzzeichnung von nur achtunddreißig Zentimeter Höhe, in der der Gekreuzigte mit einem Eselskopf dargestellt ist. Dieses sog. Spottkreuz vom Palatin (um 200), eine der frühesten nachweisbaren Christusdarstellungen, zeigt einen Mann namens Alexamenos, der von dem anonymen Urheber dieses heidnischen Graffito ganz offensichtlich als Eselsanbeter verhöhnt wird.

Die dritte Station der Trierer Ausstellung in dem von Elisabeth Dühr geleiteten Stadtmuseum Simeonstift gibt mit mehr als zweihundert Exponaten einen faszinierenden Einblick in die facettenreiche Geschichte der Nero-Rezeption in der bildenden Kunst, in der Oper, im Theater, im Film und in der Karikatur. Hier überwiegen – oft großartig gemalte – Bilder, die den Kaiser in phantasievollen Inszenierungen als Lüstling, Mörder, Brandstifter und Christenverfolger präsentieren, also all jene Klischees bekräftigen, die seinen notorisch schlechten Ruf begründen, die aber auch sein Sterben bzw. seinen Tod thematisieren. Im 20. Jahrhundert hat sich der Film der Figur des Nero angenommen und ihn zum Superstar stilisiert, auch wurden seine Frauen, insbesondere Poppaea Sabina, Gegenstand cineastischen Interesses. Und für Karikaturisten und Comiczeichner war und ist er regelmäßig ein gefundenes Fressen. Insbesondere die im Englischen feststehende Redewendung »fiddling while Rome burns«, die andeutet, dass sich jemand mit Nebensächlichem beschäftigt, anstatt angesichts einer kritischen Situation das Notwendige zu tun, inspiriert Cartoonisten immer wieder zu ätzenden Kommentaren über das inadäquate Verhalten prominenter Politiker und Funktionäre, ob sie nun George W. Bush, Silvio Berlusconi oder Sepp Blatter heißen mögen. So kann nach fast zweitausend Jahren trotz der einst vom Senat verfügten »damnatio memoriae« vom Verschwinden Neros aus dem öffentlichen Gedächtnis keine Rede sein – das Gegenteil ist der Fall.

Zur Trierer Nero-Ausstellung ist im Konrad Theiss Verlag ein voluminöses, 440 Seiten umfassendes und üppig bebildertes Katalogbuch mit aufschlussreichen Beiträgen zahlreicher namhafter Fachwissenschaftler erschienen. Unter dem Titel »Lust und Verbrechen« hat das Stadtmuseum Simeonstift zusätzlich einen schmalen Band herausgegeben, in dem es um den »Mythos Nero in der Kunst« geht.